Einige Zeit schon geistern die zehn Bücherfragen von Birgit durch die Bücherblog-Szene und lange habe ich überlegt, ob ich mich auch in dieser Form einmal vorstellen möchte. Ich habe es bisher nicht getan, weil mir bei einem kurzen Nachdenken über die Fragen klar wurde, dass diese Fragen die eigene Lesepersönlichkeit in einer Art und Weise zum Vorschein bringen können, wie ich mir nicht sicher war, ob ich sie in der Form tatsächlich öffentlich präsentieren möchte. Nichtsdestotrotz finde ich die Fragen überaus interessant und werde sie daher nun, etwas verspätet, beantworten. Ausschlaggebend waren nun eigentlich nicht die Fragen an sich, sondern all die unheimlich spannenden Antworten, die ich überall verstreut lesen durfte, und bei denen ich mir dann dachte, dass ich vielleicht Ähnliches anderen zur Verfügung stellen könnte. Nun, auf gehts! 

Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast? 

Wenn ich den Aussagen meiner Mutter Glauben schenke, dann habe ich als Grundschulkind alle kindgerechten Bücher in der kleinen Dorfbücherei verschlungen. Was das genau war, weiß ich nicht mehr. Das erste, was ich bewusst gelesen habe und an das ich mich noch erinnere, war ein Lexikonartikel, nämlich in einem, ich glaube, zehnbändigen Kinderlexikon mit vielen großen Bildern und gut lesbaren Texten. Und dort war das der Eintrag über Ritter und/oder Ritterburgen. Alleine die Illustrationen dazu fand ich super spannend und die Erklärung des Lebens auf einer Ritterburg war total aufregend für mich als Kind im beheizten Kinderzimmer. Und irgendwie ist von dieser Faszination heute noch was geblieben: Meine Nachtlektüre vor dem Schlafengehen sind Lexikonartikel.

Das Buch, das Deine Jugend begleitete?

Ich habe zwischen ca. 13 und 20 Jahren keine Bücher gelesen, höchstens welche angenagt, hier ein Kapitel, da ein Kapitel, und immer nur Sachbücher. Die Pubertät verlangte ihren Tribut, und selbst um die Pflichtlektüren in der Schule kam ich mehr oder weniger drumherum. In den Kreis der Lesenden fand ich erst durch die unerträgliche Leichtigkeit des Seins wieder zurück, und manchmal denke ich, hätte ich ein anderes Buch in die Finger bekommen, vielleicht hätte es dann noch länger gedauert.

Das Buch, das Dich zum Leser machte? 

Nun, das war nicht die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, die mich wieder in den Kreis der Lesenden zurückbrachte. Denn das Bücherlesen lernte ich eigentlich erst mit einem anderen Buch, nämlich mit Camus‘ Mythos des Sisyphos. Es zwang mich, genau zu lesen und genau verstehen zu wollen, und das sind Fertigkeiten, die man beim Bücherlesen braucht, egal welches Buch, welches Genre, welche Sprache. Ich bekam das Buch als Abiturgeschenk von einem meiner Lehrer überreicht und bin ihm recht dankbar dafür.

Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast? 

Das ist vermutlich ein Fantasyroman aus der Welt des Schwarzen Auges. Es ist längst vergriffen und auf ebay sah ich es schon für mehrere hundert Euro angeboten. Es ist von Karl-Heinz Witzko und heißt Westwärts, Geschuppte. Witzko kennt man vielleicht von seinen Kobold-Romanen, von dem Gezeitenwelt-Projekt oder von seinem neuesten Buch Blut der Götter. Karl-Heinz Witzko ist sowas wie der deutsche Terry Prachtett und Westwärts, Geschuppte kann man beschreiben als der Pratchett-Roman des DSA-Universums. Einige Zeit las ich in dem Roman jeden Abend, und wenn ich mit der letzten Seite fertig war, fing ich gleich wieder von vorne an, nur damit nicht der Eindruck enstand, der Roman sei schon zu Ende. Das ging über Jahre so.

Das Buch, das dir am wichtigsten ist? 

Da möchte ich mich nicht auf ein Buch festlegen, sondern würde das gerne etwas differenzieren: Als Rede der Meridian von Paul Celan. Als Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera. Als Drama der Woyzeck von Georg Büchner. Als Epos die Odyssee von Homer. Als Essay Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus. Als Aphorismensammlung die Minima Moralia von Adorno. Als Jugendbuch Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry.

Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast? 

Ich würde gerne die Recherche von Proust im Original lesen. Bisher habe ich mich aber daran noch nicht herangetraut.

Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird? 

Das ist nicht ein Buch, sondern eine bestimmte Art von Büchern. Ich mag manchmal gerne Historienromane lesen, mit historischen Persönlichkeiten, von denen irgendwer einmal gedacht hat, man könnte einen Roman über sie schreiben. Das geht auch meistens gut, allerdings habe ich den Eindruck, dass alle Romane, die ich kenne und in denen irgendwie Adorno drin vorkommt, daneben gegangen sind. Das ist jetzt eine gewagte Aussage, weil ich keine Liste parat hätte, da mir das erst beim Nachdenken über diese Frage aufgegangen ist und ich mir auch unsicher bin, wo mir überall Adorno in Romanen begegnet ist. Jedoch scheint mir, man will sich da mit Mächten schmücken, die man nicht beherrschen kann. Und wie es der Zufall will, gibt es gerade wieder einen aktuellen Adorno-Roman und ich habe mir schon vorgenommen, ihn gar nicht erst zu lesen.

Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst — wenn da einmal Zeit wäre? 

Ja, die Suche nach der verlorenen Zeit, wenn sie denn einmal da wäre — siehe die Frage oben, ich würde den Proust endlich mal lesen. Von vorne bis hinten, nach Strich und Faden und natürlich jedes Wort. Yeah.

Das Buch, das dir am meisten Angst macht? 

Auch der Proust, wobei ‚Bammel‘ und ‚Angst‘ beinahe Synonyme für mich sind und mir sonst kein anderes Buch so recht einfallen mag.  — Und dann finde ich es ein klein wenig ironisch, dass die Antwort auf drei Bücherfragen Proust ist, den ich aber noch gar nicht gelesen habe.

Das Buch, das du gern selbst geschrieben hättest? 

Ohne dass sich das jetzt vermessen oder anmaßend anhören soll, aber ich glaube, ich würde gerne so ziemlich jedes Ende der Stephen King-Romane umschreiben (soweit ich sie gelesen habe). So spannende Bücher und so beknackte Enden! Das wird mir ein ewiges Rätsel bleiben.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

5 Kommentare

  1. Schön, dass Du Dich durchgerungen hast, Wolfgang. Und höchst interessante Antworten. Ich finde die Beschreibung deiner kindlichen Leseerfahrungen schön anschaulich – man imaginiert sich sofort ein Bild dazu.

    Ach ja, und wenn Du möchtest: Dann kannst Du gerne Mitglied in unserer Senioren-Blogger-WG werden, wo wir dann gemeinsam endlich den Proust lesen. Da gibt es einige Anwärter inzwischen.

  2. „Westwärts, Geschuppte“ für mehrere hundert Euro bei ebay? Das steht bei mir im Bücherregal! Da tun sich ja völlig neue Möglichkeiten auf! Und Band 1 „Der Scharlatan“ von Kiesow steht da auch, der ist dann bestimmt noch teurer. 🙂

    Aber eigentlich wollte ich die Sammlung irgendwann mal aufstocken, dann sind zwischenzeitliche Verkäufe eher kontraproduktiv. 😉

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