Ein Gespräch, das mit Leistenbruchdiagnostik und dem Malina-Roman von Ingeborg Bachmann beginnt, führt ja meist zu der Frage nach dem Sinn des Lebens. Man kennt das ja. Wenn allerdings dieses Thema auf einem vorweihnachtlichen Spaziergang den Fluss entlang besprochen wird, und nicht am Stammtisch nach sechs oder sieben Bier, besteht die Chance, dass tatsächlich etwas Interessantes dabei herumkommt. Wenn sich also zwei Gleichgesinnte darüber austauschen, über die Liebe im Roman, Ziele im Leben und den Sinn des Lebens, und irgendwie am Ende beide schlauer sind, als sie es vorher waren, dann könnte es sich lohnen, das Ganze kurz zu notieren. Daher soll das hier so etwas wie eine Gesprächsrekonstruktion sein mit der Ermunterung, sich jemanden zu suchen, um sich über Gleiches oder Ähnliches zu unterhalten. Bei der Niederschrift stand die Sonne flach überm Himmel und schien mir ins Gesicht, daher schreibe ich das hier mit zusammengekniffen Augen nieder. Das macht verwegen.

Man beginne also das Gespräch mit der Frage nach den biographischen Bezügen in dem Malina-Roman von Ingeborg Bachmann. Man könnte sich nämlich jetzt streiten: Max Frisch oder Paul Celan? Schnell kommt man auf den Gedanken, dass diese Frage vielleicht eine Zeitlang interessant gewesen ist für Literaturpedanten, es heute aber eher langweilig wirkt, wenn man unbedingt den einen oder den anderen dort hineinlesen möchte – und am Ende wird man sie wohl auch beide darin wiederfinden. Wichtiger ist da ja wohl, was uns der Roman heute noch zu sagen hat, was wir für uns darin wiederfinden, was also letztlich geblieben ist von diesem Auftakt des Todesarten-Zyklus. Und das ist dann doch eine sehr subjektive, aber letztlich durchaus legitime Herangehensweise an Literatur. Und damit dann doch irgendwie wieder biographisch, nur eben von der anderen Richtung her gedacht. Und das ist für die spätere Frage nicht unerheblich, wie sich gleich zeigen wird.

Das Problem des Referenten hier besteht nun darin, mehr oder weniger persönliche Gesprächsthemen ausblenden zu müssen, die hierauf folgten, da sie für den eigentlichen Spannungsbogen unerheblich sind und für einen Dritten doch letztlich langweilig sein müssen. Daher entsteht hier leicht die Illusion, dass es sich nicht um ein stundenlanges Gespräch handeln würde, sondern lediglich um ein straffes Hin und Her der Worte. Außerdem muss ein wenig von der wirklichen Gesprächsführung abgewichen werden, aber nur aus dramaturgischen Gründen. Aber, nun, dieser Hinweis muss nun als retardierendes Moment genügen!

Jedenfalls, so kamen wir zu dem Schluss, stellt sich irgendwann im Leben einmal die Frage, ob man überhaupt das richtige studiert habe. Oder am studieren sei – oder, um das zu verallgemeinern, das richtige aus seinem Leben gemacht zu haben. Das ist ja der typische Stoff für coming of age- Romane oder Stoff für die erste oder zweite midlife crisis. Das ist eben im Prinzip die Frage nach dem Ziel, das man in seinem Leben eigentlich verfolgen möchte.  Und da gibt es nun verschiedene Überlegungen. So erfuhr ich, dass es wichtig sei, dass man in seinem Leben etwas Nützliches mache. Eine Arbeit mit Flüchtlingen etwa, oder Tierärztin. Das wäre doch in einer Welt von ewigen Zumutungen und beschissenen Aussichten für die Zukunft doch noch etwas Vernünftiges, um sich selbst sagen zu können, dass es irgendwie doch sinnvoll ist, was man macht. Und bei manchen Vorhaben, etwa das Studieren von Geisteswissenschaften, fehlt einem oft ein gewisser Praxisbezug, der einen davon überzeugen könnte, doch noch etwas Positives zur Menschheitsgeschichte beizutragen, und wenn es auch nur Sprachkurse sind, um Menschen, die vor Mord und Totschlag fliehen mussten, den Einstieg in eine fremde Umgebung zu erleichtern. Das wäre sozusagen die idealistische Position und ich kenne die auch noch irgendwie von mir selbst. Allerdings, und das war dann mein Einwand an dieser Stelle des Gespräches, fühle ich ein Unbehagen darin, mich über meine Berufstätigkeit zu definieren, also letztlich den Sinn des Lebens ausgerechnet in der Arbeit zu sehen. Das kann man vielleicht so machen, wenn man sich am beschissenen Zustand der Welt verantwortlich fühlen müsste und Marketing oder Betriebswirtschaft gelernt hat. Dahingegen gibt es aber noch mindestens zwei andere Antriebsfedern, wie wir im weiteren Gespräch festgestellt hatten (es ging immer noch irgendwie um die Wahl der Studienfächer), nämlich zum einen der Wunsch nach der Selbstverwirklichung. Das ist ein Privileg, von dem schon die 68er wussten und es sich selbst verboten hatten, indem sie in die Fabriken ans Fließband gingen. Kann man machen. Man kann aber auch Kunst, Literatur und Geschichte studieren, weil einen das persönlich weiterbringt und man damit vielleicht einen Fuß in der Tür lässt für bessere Zeiten, wenn das gesellschaftliche Ganze und die individuelle Freiheit hoffentlich irgendwann versöhnt sein werden. Damit man dann überhaupt noch weiß, dass es Selbstverwirklichung schon vorher gegeben hat. Außerdem kann man sehr wohl dafür sein, dass alle Menschen Zugang zum kulturellen und materiellen Reichtum einer Gesellschaft haben sollen, während man gleichzeitig weiß, dass das zur Zeit alles andere als gesellschaftliche Realität ist, und trotzdem an dem materiellen und kulturellen Reichtum teilhaben, auch wenn es Menschen gibt, denen das nicht offen steht. Gut, Teilhabe vielleicht mehr am kulturellen Reichtum als am materiellen. Wieso sollte ich mir also meine Möglichkeit auf Selbstverwirklichung von meinem schlechten Gewissen nehmen lassen, dass die Welt eben so eingerichtet ist, dass eben nicht allen Menschen diese Möglichkeit offensteht? Das war nun eine Frage, die wir uns nicht so recht trauten zu beantworten. Aber das führte zu einem weiteren Punkt, nämlich dem Drang, unbedingt noch mehr wissen zu wollen, vor allem vor dem Hintergrund, dass wir nunmal nicht alle Rätsel dieser Welt lösen können in der kurzen Lebenszeit, die wir haben. Und hier schließt sich der Kreis, denn eigentlich ist nichts so gut geeignet wie die Literatur, um etwas über die Dinge in der Welt zu erfahren und um mehr über uns selbst zu erfahren. Literatur, die uns weiterbringt, hilft uns dabei, uns selbst zu verstehen, aber auch, um die Welt zu verstehen. Und daher ist es schon interessant zu überlegen, wie Ingeborg Bachmann über Max Frisch und Paul Celan gedacht hat, weil es uns dabei helfen kann zu verstehen, wie man eben über Max Frisch oder Paul Celan hat denken können, und das aus einer Perspektive, wie wir sie nun schwerlich sonst einnehmen könnten. Und da ist es jetzt nicht so wichtig, nach diesem oder jenem biographischen Ereignis zu forschen, sondern es geht mehr über die (emotionale) Bildsprache, über die Metaphern, über das, was also hinter den Buchstaben alles in diesem Buch drinsteckt. So kann uns das dabei helfen zu überlegen, wo es vielleicht heute noch Anknüpfungspunkte gibt. Nun, und das ist eben so etwas wie ein kulturelles Gedächtnis. Und dazu muss es nun auch eigentlich Menschen geben, die das lesen, aber auch welche, die darüber schreiben oder anders darüber berichten — Selbstverwirklichung hin oder her. Aber, und das ist auch nicht unerheblich, vielleicht möchte man nicht nur das Leben beobachten und betrachten und darüber lesen, sondern selbst das Leben leben, von dem alle berichten können! „Und er starb alt und lebenssatt“, so lautet der letzte Satz im Hiob-Kapitel, und das sollte man irgendwann auch über sich selbst sagen dürfen. Bücherlesen hin oder her.

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Foto: Wolfgang Schnier

Und an dieser Stelle stellten wir erst fest, dass wir hier schon eigentlich mittendrin sind bei der Frage nach dem Sinn des Lebens: Ein Sinn in der eigenen Tätigkeit finden, der Wunsch nach Selbstverwirklichung und das Streben nach mehr Wissen und Erfahrung. Das sind im Grunde die zentralen Ansatzpunkte bei dieser Frage (ganz am Rande stellten wir fest, dass es auch nicht schlecht ist, davon leben zu können, mit dem was man macht. Oder, wie Oscar Wilde es formulierte: „Es ist besser, ein festes Einkommen zu haben, als bloß faszinierend zu sein.“). Aber letztlich machen diese Punkte auch deutlich, dass es nicht den Sinn des Lebens geben kann, sondern nur den Sinn meines Lebens, also die Frage nicht verallgemeinernd gelöst werden kann, sondern immer eine individuelle Frage und eine individuelle Antwort sein muss. Und es hilft nun vielleicht jemandem, der oder die an einem Scheideweg im Leben steht, um diese Frage für sich selbst zu koordinieren, wenn man vielleicht Literatur zu Rate zieht — eine wenig überraschende Erkenntnis bei dem Gesprächseinstieg —, wie etwa den Mythos des Sisyphos von Camus.

Nun, was ich noch sagen möchte, sozusagen als Kommentar zu diesem Gespräch, dass zwar in diesem Falle die Frage nach Studienfächern ein Ausgangspunkt gewesen ist, aber das ist eben dem individuellen Zugang zu diesem Thema geschuldet. Das soll nicht bedeuten, dass jemandem, der diese Möglichkeit nicht hat(te), sich nicht mit diesen Fragen beschäftigen müsste oder sollte. Und es ist auch unerheblich, in welchem Alter wir uns diese Frage stellen: Den einen überfällt es in jüngsten Jahren, der andere findet erst nach dem dritten Beruf zu der Frage. Und wieder andere beim Eintritt in die Rente. Wichtig, so scheint mir, ist daher eher, dass man sich selbst diese Frage irgendwann stellt. Und nicht an ihr vorbeilebt.

Und noch etwas wird beim Nachdenken über dieses Gespräch klar: Wir Menschen laufen in unseren Zielen und Wünschen, in dem Sinn, den wir unserem Leben geben und in den Bedürfnissen, die sich daraus ableiten, nicht synchron. Was uns bleibt, das ist die Kommunikation darüber, der gedankliche Austausch in Gesprächen. Das ist aber auch kein Selbstzweck — und das ist im Grunde eine melancholische Erkenntnis. Sind wir also letztlich doch allein damit? —

Siempre amé la libertad.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Danke für dieses Gedankenprotokoll! „Den einen überfällt es in jüngsten Jahren, der andere findet erst nach dem dritten Beruf zu der Frage. Und wieder andere beim Eintritt in die Rente. Wichtig, so scheint mir, ist daher eher, dass man sich selbst diese Frage irgendwann stellt.“ Ich stelle mir diese Frage täglich, seit Jahren … so lange ich Denken kann. Und komme zu keinem vernünftigen Schluss.

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