Ihre Gedichte werden zur Weltliteratur gerechnet, und oft wird Selma Meerbaum-Eisinger in einem Atemzug mit Paul Celan und Rose Ausländer genannt, selten fallen noch die Namen Alfred Margul-Sperber und Immanuel Weissglas. Sie enstammten alle derselben deutsch- und jiddischsprachigen Insel in Osteuropa, welche bis zum Zweiten Weltkrieg unglaublich produktiv und ein Hort des Wissens und der jüdischen Kultur war: Wilna war zwar das Jerusalem des Ostens, aber Czernowitz die heimliche Hauptstadt der aschkenasischen Kultur. Ich habe kaum eine treffendere Charakterisierung von Czernowitz gelesen als die von Georg Heinzen im Rheinischen Merkur:

Czernowitz, das waren Sonntage, die mit Schubert begannen und mit Pistolenduellen endeten. Czernowitz, auf halbem Weg zwischen Kiew und Bukarest, Krakau und Odessa, war die heimliche Hauptstadt Europas, in der die Metzgertöchter Koloratur sangen und die Fiakerkutscher über Karl Kraus stritten. Wo die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien. Czernowitz, das war ein immerwährender intellektueller Diskurs, der jeden Morgen eine neue ästhetische Theorie erfand, die am Abend schon wieder verworfen war. Wo die Hunde die Namen olympischer Götter trugen und die Hühner Hölderlin-Verse in den Boden kratzten. Czernowitz, das war ein Vergnügungsdampfer, der mit ukrainischer Mannschaft, deutschen Offizieren und jüdischen Passagieren unter österreichischer Flagge zwischen West und Ost kreuzte.

Czernowitz liegt in der Bukowina, die ihren Namen von den Buchenwäldern dieser Region erhalten hat — in den Gedichten nach Auschwitz weisen Buchen daher nicht nur auf das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, sondern auch auf die kulturelle Blütezeit der jüdischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern an der Peripherie Europas (was wiederum der metonymischen Ableitung von Buch/Buchstabe aus der Buche einen weiteren Nebenaspekt hinzufügt). Dies ist ein Beispiel, wie sich Bedeutungen eigentümlicher Ambiguität in den Wörtern nach der Shoah sedimentiert haben. Die Buche und auch Celans Espen weisen aber auch auf die deutsche Romantik, auf Mörike, Novalis, Caspar David Friedrich und Hölderlin hin. Und mit diesen Überlegungen ist man schon direkt in einem Nachdenken über die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger, die eben aus dieser Kulturlandschaft der Bukowina stammte.

Ihre Gedichte haben eine eigentümlich-melancholische Klarheit, wie sie mich eigentlich eher an Hölderlin erinnern und nicht so sehr an den jungen Hofmannsthal, wie Hilde Domin meinte. Denn Hölderlin, vor allem mit seinen frühen Gedichten, lässt in einer ganz ähnlichen Innerlichkeit poetische Bilder und Symbole in den Köpfen entstehen, die, bevor man sie in Hölderlins Götter- und Mythenwelt identifiziert hat, eine eigentümliche Ruhe und Weltentschwobenheit vermitteln. Und bei Selma Meerbaum-Eisinger finde ich diese unbestechliche und direkte Klarheit im Ausdruck, diese Unbeirrbarkeit wieder, wenn auch mit einer völlig anderen Stoßrichtung. Denn ihren Gedichten ist ein Weltschmerz zu eigen, den man in jungen Jahren viel klarer sieht als später im Leben, da es ein in die Zukunft gerichteter Weltschmerz ist. Diesem Weltschmerz haftet noch die Hoffnung auf Einlösung eines Glücks an, er kennt noch eine Sehnsucht, vielleicht nach dem Licht, nahezu immer auf ein besseres Leben und auf eine glückliche Zukunft, oft auf beides. Später im Leben richtet der Weltschmerz den Blick allzu oft auf die eigene Vergangenheit, oder, falls er doch noch auf die Zukunft gerichtet ist, so steht das eigene Lebensende viel zu nah, und das drückt die Hoffnung und den Blick allzu oft hinüber in eine andere Welt. Davon weiß der junge Weltschmerz noch nichts, und so hat dieser Weltschmerz in jungen Jahren eine ungeheure Kraft, eine unglaubliche Sehnsucht und eine unstillbare Lebensgier im Hier und Jetzt und auf diese Welt gerichtet, mit einer Neugier und einer Inbrunst, wie sie einem verloren geht, je mehr graue Haare das Schicksal einem auf dem Kopf wachsen lässt. Man  findet diese Sehnsucht und Lebensgier zum Beispiel auch in Schillers Räuber, man findet sie in Kleists Michael Kohlhaas, auch bei Büchner selbstverständlich, aber auch, und das unvergleichlich subtiler und mit einem grenzenlosen Feingefühl, bei Selma Meerbaum-Eisinger. Sie wird zwar meist in einem Atemzug mit Paul Celan und Rose Ausländer genannt, aber man muss hier sehr genau darauf achten, dass ihre Gedichte keine Gedichte wegen Auschwitz sind, wie das etwa bei Paul Celan oder Nelly Sachs der Fall ist. Selma Meerbaum-Eisingers Gedichte kennen allerdings eine dunkle Vorahnung, wie man es schon bei Kafka manchmal hineinliest. Aber Kafka ist noch weit weg vom Untergang seiner Welt, Selma Meerbaum-Eisinger hingegen ist die letzte Dichterin in der Bukowina, deren Gedichte noch aus einer Welt vor dem Zivilisationsbruch berichten, aber schon deutlich in seinem Schatten stehen.

Die Gedichte sind oft beschrieben worden als Natur- und Liebeslyrik. Aber Selma Meerbaum-Eisinger ist keine Naturmystikerin, wie die Vertreter der deutschen Naturlyrik seit den Fünfziger Jahren, die mit zeitloser Realitätsferne und mit unbeirrbarer Banalität bis in die Gegenwart hinein ihre Kleingärten bestellen. Sie ist auch keine Romantikerin, die die Gefühlswelt ins Kitschige übersteigert. Aber doch steckt in diesen Beschreibungen ein Stück Wahrheit ihrer Lyrik, nämlich genau in dem Gegenteil dieser misslingenden Dichtung. Ihr Blick in die Natur ist keine Weltflucht, sondern schon ein Blick ins Elysium, dessen Vorboten sie wohl noch klarer in dieser Welt sah als wir es heute vermögen. Und auch das lässt mich an Hölderlin denken, wenn ich ihre Gedichte lese. Anders als Hölderlin reimt jedoch Selma Meerbaum-Eisinger, und darin steckt vermutlich ein Glaube an die Erreichbarkeit einer Vollkommenheit, die sich im Reim manifestieren lässt. Und darüber kann man bei ihrer Dichtung stolpern, das ist ein Stück Romantik am Zeilenende, die eigentlich schon längst verwirkt ist. Dieser Reim aber ist ein ‚Bruch‘, er zeugt von einem Streben nach einem Perfektionismus und von einem Vertrauen auf das Gelingen einer Vervollkommnung, wie es eigentlich in den Grundpfeilern der Moderne schon immer gebrochen war. Und genau darin, dass dieser Bruch im Streben nach Perfektionismus  und Vervollkommnung steckt, macht ihre Gedichte noch reizvoller. Hier findet man im Grunde eine Metakritik der Moderne im Augenblick ihres Sturzes. Jedoch ist dieser tagträumende Reim am Zeilenende eben nicht von Selma Meerbaum-Eisinger verwirkt worden, die damit einen Teil aus einer untergegangenen Welt beschwört, allen Widerfahrnissen zum Trotz, kurz bevor ihre eigene Welt untergehen wird. Auch darin lässt sich eine Lebensgier und die ungeheure jugendliche Kraft erkennen, die sich in den Gedichten Bahn brechen und die sich dem dunklen Weltgeist trotzig entgegen stellen.

nebelbild
Foto: Wolfgang Schnier

Es gibt nun sehr unterschiedliche Liebesgedichte. Die unglücklich Liebenden erkennen einander sofort. Und alle ihre Gedichte haben etwas gemeinsam: Es geht immer um eine unerfüllte Sehnsucht, ihre Bilder sind voller Spannung, die nicht aufgelöst wird und man wird kein ungebrochenes Happy End in den Gedichten finden. Das eint die Lyrik der unglücklich Liebenden von Petrarca bis Ingeborg Bachmann. Vielleicht gehören auch gerade deshalb ihre Gedichte oftmals zu den Gelungensten. Und von dieser Sorte sind auch die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger. Doch ihr jugendlicher Weltschmerz steckt auch diesen Gedichten in den Knochen: Anders als Petrarca oder Ingeborg Bachmann ist sie noch nicht gebrochen, das Leben ist noch jung und die Partitur kaum begonnen. Alles ist noch möglich, und darin enthalten ist auch eine unsterbliche Hoffnung, wie man sie nur in jungen Jahren haben kann und die Hilde Domin zu Tränen gerührt hat, weil man weiß, wie ihre Geschichte endete: Selma Meerbaum-Eisinger starb mit 18 Jahren in einem von Gott verlassenen Nazilager an Fleckfieber.

Oft werden ihre Gedichte Tragik oder Poem zitiert. Sicherlich auch mit triftigem Grund, aber ich möchte ein anderes Gedicht zum Abschluss präsentieren, das in seiner melancholischen Leichtigkeit schon fast verspielt und beschwörend wirkt. Mir gefällt kaum ein Gedicht besser als jenes aus dem Januar 1941:

Schlaflied für mich

Ich wiege und wiege und wiege mich ein
mit Träumen bei Tag und bei Nacht
und trinke den selben betäubenden Wein
wie der, der schläft, wenn er wacht.

Ich singe und singe und sing‘ mir ein Lied,
ein Lied von Hoffnung und Glück,
ich sing‘ es wie der, der geht und nicht sieht,
daß er nimmermehr gehn kann zurück.

Ich sage und sage und sag‘ mir die Mär,
die Mär vom Liebesgeflecht,
ich sage sie mir und glaub‘ doch nicht mehr
und weiß doch: Das Ende ist schlecht.

Ich spiele und spiele mir die Melodei
der Tage, die nicht mehr sind,
und mache mich von der Wahrheit frei
und tue, als wäre ich blind.

Ich lache und lache und lache mich aus
ob dieses meines Spiels.
Und spinne doch Träume, so wirr und so kraus,
so bar eines jeden Ziels.

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Selma Meerbaum-Eisinger (rechts) mit einer Freundin

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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