In meiner Buchhandlung habe ich dieser Tage beim Durchstöbern des Kinder- und Jugendtisches Charles Dickens Weihnachtsgeschichte als Buch für Leseanfänger gesehen. Ich habe ein wenig darin geblättert, und es war tatsächlich die Weihnachtsgeschichte von Dickens, allerdings etwas gestrafft und gekürzt. Das hat mich dazu gebracht, meine Ausgabe nochmal zu suchen. Ich kaufte mir das Buch damals zur Vorbereitung auf mein Englischabitur, aber mein Englischlehrer war davon nicht begeistert, da es ein viktorianisches Englisch ist, das nicht unbedingt zur Vorbereitung geeignet sei. Ich las es trotzdem, zumal es sowieso gerade Weihnachtszeit war. Wenn man jetzt, wenige Tage vor Weihnachten, noch von seinem Alltag gefangen ist und gehetzt und gestresst sich nach ein wenig Weihnachtsstimmung sehnt, ja, dann könnte dieses Buch genau das Richtige sein, falls man denn dann überhaupt dafür Zeit findet.

Und dann ist man eigentlich auch schon mitten drin in dem Thema des Buches: Der alte Scrooge ist der größte Geizkragen in ganz London und will seinem Angestellten keinen freien Tag an Weihnachten gönnen und erst recht will er nichts von Weihnachtsessen, milden Gaben oder Geschenken wissen. In der Nacht vor Weihnachten müssen drei Geister an das Gewissen des alten Scrooge appellieren, damit sich sein Herz endlich erweicht und er zur Vernunft kommt und Weihnachten etwas abgewinnen kann. Schließlich ist er geläutert und erkennt sein Fehlverhalten. Am nächsten Morgen ist er frisch und fröhlich und total gewandelt: Die milden Gaben fließen, das Weihnachtsessen mit der Verwandtschaft steht und der Angestellte bekommt eine Gehaltserhöhung.

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Foto: Wolfgang Schnier

Man kann nun vieles an dieser Erzählung kritisieren, was zum Teil auch heute noch Gegenstand der politischen Debatten vor allem im angelsächsischen Raum ist: Ist eine private, freiwillige Wohltätigkeit tatsächlich besser als eine staatlich abgesicherte soziale Sicherheit mit Perspektiven und der Gewissheit, dass man nicht dem Wohlgefallen und den Launen reicher Menschen ausgeliefert ist? Und: Müssen erst außerweltliche Mächte eingreifen, um die Dinge hier auf Erden ins rechte Lot zu bringen? Falls ja, hätten die Weihnachtsgeister alle Hände voll zu tun und wenn es wirklich nur drei sind, dann ist auch klar, wieso das mit der sozialen Gerechtigkeit so lange dauert. Außerdem könnte man fragen, wieso es unbedingt das Weihnachtsfest braucht, um Menschlichkeit und Güte hervor zu bringen — reicht da die Menschlichkeit und Güte alleine nicht aus? Fragen über Fragen.

Und diese Kritik wäre ungerecht, würde man sie Charles Dickens einfach so an den Kopf werfen wollen. Die soziale Frage war 1843, als die Weihnachtsgeschichte veröffentlicht wurde, zwar schon in Ansätzen bekannt, aber zum Beispiel traf sich da erst Karl Marx mit Heinrich Heine in Paris und Marx hatte in diesem Jahr den ersten Briefkontakt mit Friedrich Engels aufgenommen. Es dauerte also noch ein wenig, bis man die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus entdeckte und davon wissen konnte. Und dennoch sind diese Fragen berechtigt, da sie in die heutige Gegenwart gehören und eben von einem Buch aus dem viktorianischen England provoziert werden können.

Allerdings empfehle ich tatsächlich an Weihnachten Dickens zu lesen und nicht Marx. Weihnachten ist sehr wohl dazu geeignet, inne zu halten, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen und sich selbst zu fragen, ob man mit seinen Mitmenschen so umgegangen ist, wie man es selbst erwarten würde. Muss man Ungerechtigkeiten, die man erdulden musste, wirklich wieder zurückgeben und heimzahlen? Kann man nicht nur an sich selbst denken, sondern auch an andere? Die Weihnachtsstimmung ist wichtig für viele von uns, aber eine Überhöhung kann tragisch sein, etwa wenn die Selbstmordraten an Weihnachten in die Höhe schnellen, weil die hohen Erwartungen, die man vielleicht noch aus Kindertagen hat, nicht mehr erfüllen kann. Und dann an früher denkt. Daran schließen sich dann auch meine Gedanken zur Weihnachtszeit aus dem letzten Jahr an.

Aber nochmal kurz zurück zu Dickens und Ebenezer Scrooge. Ich denke heute, dass mein Englischlehrer recht hatte, das Buch eignet sich nicht zur Abiturvorbereitung, wenn es denn nicht explizite Lektüre ist. Aber es eignet sich sehr gut, um ein Gefühl dafür zu bekommen, woher unsere Vorstellung von ‚Weihnachtsstimmung‘ und ‚Fröhliche Weihnacht‘ kommt. Denn der Kern von Weihnachten ist längst nichts Religiöses mehr (das ist der Anlass), sondern etwas Zwischenmenschliches, etwas Soziales. Und das war es offensichtlich schon im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts.

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!

(Trotz allem)

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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6 Kommentare

  1. Danke für einen wiederum gedankenreichen Beitrag. Ich komme von der Weihnachtsfeier in der Gemeinschaftsunterkunft. Angenehme Feiertage und weiterhin gute Lektüren und Besprechungen klassischer oder zeitgenössischer Werke!

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