Wer ist ein Held? Diese Frage stellt man sich oft beim Lesen dieses Buches. Tim Pröse benutzt es sehr weitgehend und beinahe inflationär, sodass die Grenzen verschwimmen und dem Begriff ‚Held‘ seine markante und strahlkräftige Aura verblasst: Für Oskar Schindler, den Hollywood berühmt machte benutzt er ihn ebenso wie für den Deserteur, der, nachdem er einen amerikanischen Soldaten bei der Landung in der Normandie erschoss, noch ein halbes Jahr brauchte, um von der Wehrmacht zu desertieren. Weil er die Kameraden nicht im Stich lassen wollte. Von letzterem liest man ganz zu Beginn des Buches, von ersterem erst im letzten Drittel. Wer ist ein Held?

Selten war ich bei einem Buch so hin- und hergerissen in meinem Urteil. Ich las das Buch direkt nach dem Erscheinen Anfang November und dachte, eine Besprechung würde mir einfach von der Hand gehen: Ich bin halbwegs im Thema drin, bei dem Gegenstand scheinen auch seit Jahrzehnten alle Fettnäpfchen abgeklappert und ausgetrocknet zu sein und ein renommierter Verlag verspricht eine gewisse Qualität. Und das Buch hat durchaus einen Reiz und besticht nicht zuletzt durch die kompromisslos subjektive Sprache und Darstellung, die mitreißt und bewegt und die einem die einzelnen historischen Persönlichkeiten ungemein nahe bringt. Aber je weiter ich las, desto deutlicher wurde auch, dass eine Besprechung alles andere als leicht sein wird, da ich weder das Buch vorbehaltlos empfehlen kann, noch kann ich es mit vollem Anlauf ‚zerreißen‘. Das macht eine Besprechung kompliziert und komplex. Auch sind die Meriten des Buches nicht unbedingt an der Oberfläche zu suchen, sondern sind eher subtil und versteckt. Daher hatte ich beschlossen, eine Besprechung aus dem Festtagstrubel herauszuhalten, da das Buch und ein Nachdenken darüber dort nicht hingehört hat. Ich möchte nun die Besprechung zweiteilen: Im ersten Teil möchte ich vorbringen, was gegen das Buch spricht, um danach über die Vorzüge zu sprechen.

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Foto: Wolfgang Schnier

Wer ist eigentlich der Held bei einer einseitigen Geschichtsschreibung?

Nochmal zur Einordnung: Es geht, so schon der Titel des Buches, um die „letzten Helden gegen Hitler“. Manchmal sind die Interviewpartner die historischen Persönlichkeiten selbst, oft aber auch Zeitzeugen, wie etwa die Kinder oder Bekannte und Verwandte der eigentlich Portraitierten. Damit wäre das Feld also sehr groß, die Auswahl beträchtlich, das Thema weitläufig. Die Auswahl der besprochenen Personen ist aber nicht ganz ausgewogen, allerdings nicht zufällig und es spricht nicht von vorneherein gegen das Buch. Wer sind nun diese 18 Portraitierten? Es geht um Berthold Beitz, der als junger Industrieller die Möglichkeit hatte, Juden vor dem sicheren Tod zu retten und der nach dem Krieg Vertrauter von Alfried Krupp und Aufsichtsratsvorsitzender seines Konzerns wurde. Er wird vor allem beschrieben aus der Perspektive eines seiner Geretteten, Jurek Rotenberg, der ihn im hohen Alter wieder treffen darf.  Dann ist da Sophie Scholl, über die ihre Schwester Inge Aicher-Scholl berichtet. Franz J. Müller kämpfte ebenfalls in der Weißen Rose und gründete 1986 die Weiße Rose Stiftung. Kurt K. Keller war Wehrmachtssoldat und kämpfte am D-Day gegen die Alliierten und desertierte aufgrund dieser Erfahrungen. Hans-Erdmann Schönbeck war ein Soldat in Stalingrad und Mitwisser der Attentäter des 20. Julis. Der Sohn von Claus Graf von Stauffenberg erinnert sich an seinen Vater. Ewald-Heinrich von Kleist war ebenfalls ein Widerstandskämpfer des 20. Juli. Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff war Generalmajor und Teil des Widerstands in der Wehrmacht. Klaus von Dohnanyi erinnert sich an seinen Vater und an seinen Onkel Dietrich Bonhoeffer. Durch Władysław Szpilman wurde sein Retter berühmt, nämlich Wilm Hosenfeld, Wehrmachtsoffizier, der im besetzten Polen mehreren Menschen das Leben rettete, unter anderem Szpilman, dem Polanski in Hollywood ein Denkmal setzte. Der Neffe von Georg Elser erinnert sich an seinen berühmten Onkel, der den Hofbräukeller und beinahe Hitler in die Luft jagte. Der nächste, der portraitiert wird, ist Oskar Schindler, den wiederum erst Steven Spielberg bekannt machte. Anne Franks Cousin Buddy Elias erinnert sich an seine Cousine. Hans Rosenthal überlebte in einem Schrebergarten den Holocaust. Und schließlich erinnert sich Edgar Feuchtwanger an seinen Nachbar Adolf Hitler, der in der Weimarer Republik neben ihm in München wohnte.

In diesen 18 Kapiteln geht es Tim Pröse darum, Menschen zu portraitieren, die sich in der ein oder anderen Art gegen Hitler stellten. Und schon hier könnte man die Augenbrauen heben, das mache ich auch gleich, aber zunächst noch kurz zur Konzeption des Buches. Der Autor traf sich mit vielen der dargestellten Menschen der Zeitgeschichte persönlich, oder, falls das nicht mehr möglich war, etwa im Falle von Oskar Schindler, Sophie Scholl oder Anne Frank, mit Bekannten, Verwandten oder Menschen, die die betreffende Persönlichkeit vor dem Tod gerettet hatte. Somit ergibt sich eine radikale Subjektivität des Zugangs und die Möglichkeit einer sehr emphatischen Darstellung dieser Persönlichkeiten. Und diesen radikal subjektiven Zugang und die emphatische Darstellung wird auch vollends ausgereizt, fast schon überreizt. Aber das scheint mir Teil der Konzeption des Buches zu sein und fällt letztlich nicht mehr weiter ins Gewicht, sondern ist eigentlich eine Stärke des Buches, denn die mitreißende Sprache lässt einen fast vergessen, was eben nicht dort steht. Und das ist fast wichtiger als das Buch selbst.

Noch einmal: Es geht schon im Untertitel des Buches um den Kampf gegen Hitler. Das ist die Kehrseite des Personenkults, die das Buch betreibt. ‚Große Männer machen Geschichte‘, das war die Leitlinie des Historismus des 19. Jahrhunderts — und ebenso überholt ist eine solche Betrachtungsweise auch. Nicht Hitler war das alleinige Problem, sondern vor allem die ‚Volksgemeinschaft‘, die die Nazipropaganda glaubte, wiedergab, umsetzte und Außenseiter ausschloss, denunzierte und in den Prozess der Vernichtung übergab. Die alleinige Verantwortung einer einzigen Person zuzuschieben zeugt nicht nur von einer beträchtlichen Autoritätsgläubigkeit, sondern setzt sich dem Verdacht aus, relevante Elemente und unbequeme Fragen eben nicht zu stellen. Umso einfacher fällt es dann, herausragende Persönlichkeiten, deren individuelle Taten ich mit keiner Silbe schmälern möchte und die — jedenfalls in vielen Fällen — zur Sprache zu bringen eine Stärke dieses Buches ist, in den Vordergrund zu stellen und die historische Proportionalität völlig auszublenden. Diejenigen, die sich dem Nationalsozialismus und der entfesselten ‚Volksgemeinschaft‘ entgegen stellten, das waren die Wenigsten, ihre Zahl geht in die Promille. Sehr wohl sind sie ein Beispiel für Menschlichkeit in dunkelster Zeit — aber ebenso ein erschütterndes Mahnmal, wie schwer der aufrechte Gang ist und wie erschreckend wenige es doch letztlich vermochten, sich gegen den Nationalsozialismus zu erheben. Wenn man also nun diese Wenigsten portraitiert, darf man nicht den Umstand vergessen, dass sie nahezu die komplette ‚Volksgemeinschaft‘ gegen sich hatten. Auf einer gewissen Ebene liest man dies auch in diesem Buch, etwa wenn von dem Wahlspruch des Adligen die Rede ist: ‚si omnes, ego non‘ — Auch wenn es alle [tun], ich nicht. Aber das hat schon etwas Elitäres, Unnahbares. Auch hat man das Gefühl, dass dem Nationalsozialismus etwas entgegen gestellt werden soll, was den eigentlichen Kern einer deutschen Kultur ausmache. Nicht nur im ersten Kapitel sind deutsche Komponisten ein wichtiger positiv besetzter Bezugspunkt auf die deutsche Kultur, sondern auch im Epilog wird darauf wieder explizit Bezug genommen und rahmt damit das Buch selbst ein.

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Das erinnert ein wenig an den Historiker Friedrich Meinecke, der direkt nach dem Krieg dazu aufrief, Goethegemeinden zu gründen und sich allsonntäglich in der Kirche zu treffen, um sich der Säulenheiligen der deutschen Kultur zu versichern. Dieses Anliegen kritisierte bereits Max Frisch im Jahr 1949 scharf. Er schrieb unter dem Titel Kultur als Alibi:

Das allenthalben unerläßliche Gefühl, Kultur zu haben, beziehen wir [die Schweizer] kaum aus der Tatsache, daß wir Künstler haben – sonst würde man ja unsere Künstler wohl auch ernähren können! – zumindest empfinden wir die Begabung eines Gotthelf nicht als Entschuldigung dafür, daß es in diesem Lande auch Meuchelmörder gibt.

Möchte man um jeden Preis an einem positiven Konzept des Nationalen festhalten, ob in Form einer deutschen Leitkultur oder einem positiven Bezug auf sonstige Attribute, die man mit ‚deutsch‘ in Verbindung bringt, dann hat man eben ein Problem mit der Nazizeit, die sich bekanntlich als radikale Verkörperung des ‚wahren Deutsch-Seins‘ verstand. In den ersten zwanzig Jahren der jungen Bundesrepublik führte das zu dem psychologischen Phänomen der Verdrängung, wie man es etwa sehr gut bei den Mitscherlichs nachlesen kann. Oftmals findet man nun danach das psychologische Phänomen der kognitiven Dissonanz: Man baut das Element, das faktisch gegen die eigene Sichtweise steht, noch in einer Art und Weise in das eigene Weltbild ein, sodass dieses nicht erschüttert wird (das Phänomen der kognitiven Dissonanz habe ich hier in einem anderen Kontext näher vorgestellt). Das gelingt im Falle des Nationalsozialismus in Deutschland nun in der Art, dass man den Nationalsozialismus von dem ‚eigentlichen Deutschen‘ abspaltet und als nicht der deutschen Kultur zugehörig erklärt. Das kann man machen, um sich doch noch in irgendeiner Art positiv auf ein nationales Konzept zu beziehen. Mit dieser kognitiven Dissonanz räumten die 68er gründlich auf und zeigten, dass es so einfach nicht geht. Und nicht zuletzt fällt diese Haltung weit hinter dem zurück, was ein anderer Säulenheiliger der deutschen Kultur nach 1945 als Erklärung für den völligen Zusammenbruch von Kultur und Zivilisation in Deutschland anführte: Thomas Mann sprach von dem faustischen Charakter, der sich in der deutschen Kultur wiederfinde, und es keine zwei Deutschlands gäbe, sondern nur eines, dem durch das Böse „durch Teufelslist“ das Beste ausgeschlagen werde. Dieses Erklärungsmodell findet man dann in epischer Breite in seinem Spätwerk Doktor Faustus und muss als eine bemerkenswert weitreichende Einsicht der konservativen Intellektuellen in der unmittelbaren Nachkriegszeit gelten, vor allem auch deshalb, weil es kein simplifizierendes Erklärungsmodell in einem Schwarz-Weiß-Schema gewesen ist. Von solchem Erkenntniswillen sind oben beschriebene kognitiven Dissonanzen weit entfernt.

Damit möchte ich nun nicht sagen, dass kein positiver Bezug auf deutsche Kultur möglich sei. Wenn etwa Gila Lustiger ihre Heimat im Grundgesetz sieht, das sich ja tatsächlich bemerkenswert tragfähig erwiesen hat (dessen Feuerprobe jedoch vermutlich noch bevorsteht), dann ist das sehr nah an einem Verfassungspatriotismus dran, der sich auf die laizistische Demokratie des Westens beruft, dessen Wurzeln in Europa auf die Französische Revolution zurückgehen. Auch sind christlich-jüdische Konzepte wie etwa die Nächstenliebe und Vergebung wichtiger Grundbestandteil der modernen westlichen Welt — ersteres ist säkularisiert worden als Solidarität (oder ‚Brüderlichkeit‘) zwischen den Menschen, letzteres ist ein wichtiger Bestandteil unseres Rechtssystems. Aber diese zwei scheinbar gegensätzlichen Modi und Zugriffe auf die deutsche Geschichte gehören eben in einer ansatzweise vollständigen Darstellung zusammen betrachtet, und eben nicht einzeln voneinander isoliert. Ansonsten setzt man sich dem Verdacht der einseitigen Geschichtsdarstellung aus.

Und dieses Buch bemüht sich nicht um eine Ausgewogenheit. Dargestellt werden in den meisten Fällen entweder Persönlichkeiten des konservativen Adels, des katholischen/christlichen Widerstands oder sonstiger Funktionseliten, die oft aus ihrer Machtposition heraus gehandelt haben. Man muss ja vielleicht nicht so weit gehen und in einer solchen Auswahl zugeben, dass das effektivste und weitverzweigteste Widerstandsnetzwerk gegen die Nazis eine andere Gruppe gewesen ist — die Verklärung und unkritische Idealisierung in der DDR hat nicht gerade zu einer nüchternen Betrachtung der Gruppe um Leopold Trepper und Arvid Harnack beigetragen. Dazu würde etwa auch die antisemitische Verfolgung von Leopold Trepper in Polen nach dem Krieg gehören, wovor ihm nur die knappe Flucht nach Israel gelang. Nun, jedenfalls, ein bisschen ausgewogener hätte die Auswahl in diesem Buch schon sein können, wenigstens soweit, um sich nicht diesem Vorwurf aussetzen zu müssen.

Es gibt nun Bücher, die benennen schon im Titel die Gruppe der portraitierten Widerständler, wie etwa das Buch von Ingrid Strobl: Frauen in ganz Europa. Und auch Arno Lustiger fokussierte seine Betrachtungen auf eine ganz bestimmte Gruppe, die in Deutschland lange Zeit aus dem Blick geraten ist, nämlich der jüdische Widerstand gegen die Nazis. Und auch sonst geben sich die AutorInnen Mühe, möglichst keine falschen Erwartungen im Buchtitel oder in der Buchbeschreibung zu wecken. Aber das ist hier leider geschehen: Wenn man an ‚Helden im Kampf gegen Hitler‘ denkt, dann denkt man etwa nicht nur an Hans Eisler, der half, das Moorsoldatenlied international bekannt zu machen, sondern etwa auch an den Lagerwiderstand der Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald, die mithalfen, das Lager zu befreien, oder die Aufständischen in den Vernichtungslagern in Sobibór, die versuchten, mit ihren bescheidenen Mitteln dem industriellen Massenmord Sand ins Getriebe zu streuen. Man denkt aber eben auch an die amerikanischen GIs, die in der Normandie landeten und mit halfen, Europa von dem deutschen Faschismus zu befreien und von Leuten erschossen wurden, wie sie nun in einer seltsamen Verdrehung der Tatsachen als ‚Held‘ in diesem Buch portraitiert werden.

Gegenwartsbezüge: Säkularer Faschismus vs. klerikaler Faschismus?

Tim Pröse versucht nun in einem weiteren Schritt einen Gegenwartsbezug herzustellen, der auch durchaus interessant ist. So redet er etwa mit der Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann, die über die antisemitischen Eskalationen vor zwei Jahren aus ihrer Perspektive berichtet. Und sie kommt zu einem bemerkenswerten Schluss: „Früher hatten wir es nur mit den ewiggestrigen Nazis zu tun. Dann mit den Islamisten. Jetzt rotten sich beide zusammen. Wir sehen in eine neue Fratze des Antisemitismus. Unter dem Beifall vieler Bürgerlicher. Auch der Linken. Das ist grauenhaft.“ Das ist nun endlich eine Erkenntnis, die sich langsam durchzusetzen scheint. Islamisten und deutsche Neo-Neonazis gehören zu den Feinden der Freiheit, oder, wie es Michal Schmidt-Salomon formuliert: „Rechtspopulisten zählen – wenn auch unfreiwillig – zu den wichtigsten Verbündeten der Islamisten im globalen Dschihad.“ Und auch die deutsche Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Attentat auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin weist in diese Richtung. Hier liest man im Editorial:

Berlin wieder angesagt: Nach den Hipstern, jetzt die Terroristen!

In diesem Jahr gleicht Weihnachten wohl eher dem Totensonntag. Die christliche Welt wollte die Geburt eines kleinen Kindes feiern, das dazu auserwählt ist, ein Prophet zu werden, nun werden mindestens zwölf Menschen zu Grabe getragen. Wenn sich ein Prophet mit einem anderen Propheten anlegt, ist die Bilanz immer erdrückend.

Das Attentat auf den Weihnachtsmarkt ist umso schrecklicher, weil es die Gemüter in der Flüchtlingsfrage weiter erhitzt. Die extreme Rechte dreht durch und fühlt sich im Recht, wenn sie allen Flüchtlingen unterstellt, potenzielle Verbrecher zu sein. Wie hält man die Willkommenskultur lebendig und zeigt sich gleichzeitig unerbittlich gegenüber dem islamistischen Terror? Merkel wird auf diese vertrackte Frage eine Antwort finden müssen.

Kann ein Mann mit einem LKW die ganze Flüchtlingspolitik zunichte machen?
Man kann nicht anders, als an Herschen Grynszpan zu denken. Im November 1938 ermordete dieser junge Jude den Diplomaten Ernst vom Rath und sein Attentat diente Hitler als Vorwand für die Judenpogrome in Deutschland.

Auch wenn der Urheber des Berliner Attentats nicht viel mit dem jugen Grynszpan gemein hat, so muss man doch davon ausgehen, dass im Jahre 2016 die rechtsradikalen Kräfte gern dasselbe tun würden wie 1938: den Vorfall dazu zu benutzen, um einen Teil der Bevölkerung zu verfolgen, den überhaupt keine Schuld trifft; heute Juden, morgen Roma und übermorgen Flüchtlinge. Das Dilemma eines solchen Attentates ist dasselbe wie das der Demokratie: Wie gestaltet man eine humanistische und offenherzige Gesellschaft, ohne dass es als Schwäche ausgelegt wird? Wie gestaltet man eine Demokratie, ohne sich von totalitären Ideologien mitreissen zu lassen?

Berlin und Paris sind zwei Säulen eines demokratischen Europa. Deshalb versuchen die Hintermänner solcher Anschläge zuallererst diese beiden Länder zu treffen. Zwischen religiösen Terroristen und laizistischen Demokraten werden jene als Sieger hervorgehen, die am längsten ihren Werten treu bleiben. Also reißen wir uns zusammen.

Tim Pröse ist also absolut zuzustimmen, wenn er auf diesen Zusammenhang hinweist: Den Nationalsozialismus versteht man nur, wenn man den Antisemitismus als seine tragende Ideologie begreift und das Weiterleben des Nazismus im Antisemitismus heutzutage erkennt. Und an diesem Punkt macht das Buch folgenden Vorschlag: Viele Menschen hätten heute das Gefühl, der Islam „sei auf dem Vormarsch und breite sich in unserer Kultur zu stark aus“, dann „liegt das dann nicht auch daran, dass es immer weniger überzeugte Christen in unserem Land gibt“. Natürlich steht diese These in einem Suggestivfragesatz. Und die nächste Suggestivfrage lautet dann: „Dass sie ihren Glauben vielleicht nicht sichtbar genug leben und nur als reine Privatsache betrachten?“ Der Umkehrschluss ist schon fast anschlussfähig für die Populisten in diesem Land, die allerdings das „christliche Abendland“ für ihre Zwecke instrumentalisieren und auch keinen Begriff des „Abendlandes“ haben.

Es stellt sich die Frage, ob hier nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird: Zum einen überschätzen die meisten Deutschen die Zahl der Muslime in Deutschland um das Vierfache. Zum anderen ist es doch ausgerechnet der politische Islam, der Probleme bereitet, und nicht etwa eine Religion, die als eine Privatsache verstanden würde. Wenn etwa der türkische Geheimdienst unter Erdogan Todeslisten für in Europa lebende Kurden führt, dann ist das mehr als erschreckend. Wir sehen da  — halb fassungslos, halb politisch gelähmt — einen Islamismus, der sich in seiner ganzen Radikalität noch nicht einmal voll entfaltet hat. Wie soll dem ein offen und offensiv gelebter christlicher Glaube etwas entgegen setzen?

Zeitgeist

Und jetzt muss ich noch erklären, wieso ich dieses Buch gut finde und was an ihm empfehlenswert ist. Die Punkte, die ich hier angeführt habe, sind zwar in meinen Augen sehr dringliche Einwände, die gegen das Buch sprechen, allerdings kann man das so sehen, muss es aber nicht. In einem demokratischen, pluralistischen Diskurs sind die Aneignung der Vergangenheit und ihre unterschiedliche Interpretation eines der zentralen Elemente für eine Herleitung der Gegenwart und wichtig für einen Austausch über den Stand der aktuellen Gesellschaft. Über unterschiedliche Deutungsmuster und thematische Schwerpunktsetzungen erfolgt ein Zugriff auf die Vergangenheit, die oftmals interessante Einsichten über den jeweiligen eigenen Standpunkt vermittelt, als nur über den historischen Gegenstand Auskunft zu geben. Eines der prominentesten Beispiele eines solchen Diskurses in der Nachkriegsgeschichte war der Historikerstreit in den 1980er Jahren, aber auch die Debatte um das Holocaust-Denkmal in Berlin oder die Walser-Bubis-Debatte gehören dazu. Die Vergangenheit ist Gegenstand permanenter Herleitung, Interpretation, Aneignung und dient als Begründungsnexus für den eigenen Standpunkt in der Gegenwart. Durch den öffentlichen Austausch der Argumente vollzieht sich eine gesellschaftliche Verortung im Angesicht der eigenen Geschichte: Man kann hier von einem kollektiven Bewusstsein und einem kollektiven Gewissen reden, das sich im öffentlichen Diskurs manifestiert.

Das bedeutet nun bei diesem Buch, dass aus einer interessanten Perspektive der aktuelle Stand eines christlich-wertkonservativen Zugriffs auf die Vergangenheit dargestellt wird, und was, aus diesem Blickwinkel, unterbeleuchtet, vergessen oder besonders betont werden sollte. Diese Sichtweise ist ein wichtiger Teil des demokratischen Diskurses in der Bundesrepublik, und nicht zuletzt bietet das Buch auch ein hochinteressantes Panorama der (west-)deutschen Nachkriegsgeschichte, denn es erzählt auch von dem Umgang dieser historischen Persönlichkeiten in der Nachkriegszeit. Nimmt man diese beiden Punkte zusammen —  die heutige Perspektive, die eine Lücke füllen möchte und dadurch den eigenen Standpunkt preisgibt und das Erzählen des Umgangs mit der Vergangenheit bis ins Jahr 2016 —, dann ergibt sich ein unmittelbarer Gegenwartsbezug. Es ist also eigentlich nicht in erster Linie ein Buch über ‚Helden‘ im Kampf gegen den Nationalsozialismus, sondern im Grunde eine Darstellung einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit in einem Findungsprozess des eigenen historischen Standpunktes. Diese deutliche Selbstverortung, der Standpunkt und Sichtweise, aus der das Buch geschrieben wurde, sind eine unbestreitbare Stärke dieses Buches, die unmittelbaren Gegenwartsbezug hat. Dies wird durch die eindringliche und mitreißende Sprache unterstrichen. Dies anzuerkennen muss nicht bedeuten, dass man sich diese Sichtweise zu eigen macht — sonst hätte der erste Teil dieser Besprechung anders lauten müssen. Aber das Buch bietet hochinteressante Einblicke in eine Perspektive auf die Geschichte, von der man durchaus etwas lernen kann, nämlich nicht nur ein Gefühl für den Standort des Autors, sondern dadurch vermittelt auch eine hilfreiche Handreichung für eine eigene Selbstverortung im Angesicht der deutschen Geschichte.

Wer ist ein Held?

Es gibt keine Helden mehr. Homer sprach vom Zeitalter der Helden, das zu Ende gegangen sei, daher ist alles nach Homer eben ein postheroisches Zeitalter. Was sich heute selbst als Held bezeichnet, oder von anderen als solcher bezeichnet wird, sei es Superheld, Rambo oder Frauenheld, das sind allzu oft narzisstisch gestörte Persönlichkeiten mit einem Hang zur physischen Gewalt. Wer heute noch von ‚Helden‘ redet, benutzt das Wort, aber nicht den Begriff. Es zeugt allerdings von einer Sehnsucht nach dem Eingreifen ‚großer Männer‘ in den Prozess des historischen Verlaufs, wenn von ‚Helden‘ die Rede ist. Das überhöht die historische Persönlichkeit und lässt die Gegenwart aufschauen. Das ist nun eine Blickrichtung, die der toten Vergangenheit nicht gerecht wird, denn sie kümmert sich nicht darum. Es ist auch keine besonders ergiebige Geisteshaltung für die Gegenwart, wenn der eigene historische Standpunkt verblasst gegenüber dem Verflossenen. Allerdings ist die Historie durchaus von vielfältigem Nutzen, wie etwa um eine Erklärung zu liefern, wieso wir dort stehen, wo wir stehen. Montaigne studierte die Geschichte etwa, um hilfreiche Beispiele für Entscheidungen in allen Lebenslagen zu bekommen. Das ist eine Qualität, die man in der postmodernen Geschwindigkeit, in der sich unsere Gesellschaften heute verändern, völlig vernachlässigt. Aber eigentlich ist das ein anderes Thema. Jedenfalls hilft ein inflationärer Gebrauch des Wortes ‚Held‘ für die, je nach politischer Ausrichtung, jeweiligen ‚Lieblinge‘ des historischen Personals niemandem; es verwässert der Begriff zur Unkenntlichkeit, weil er in die Beliebigkeit abrutscht. Damit ist dann weder der historischen Persönlichkeit gedient, noch dem Ansinnen dessen, der mit diesem Wort eine bestimmte Aussage hat treffen wollen.

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Foto: Wolfgang Schnier

 

Tim Pröse: Jahrhunderzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler. 18 Begegnungen. München 2016 (Heyne), 320 Seiten, 19,99 €.
ISBN: 9783453201248

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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4 Kommentare

  1. „Nicht Hitler war das alleinige Problem, sondern vor allem die ‚Volksgemeinschaft‘, die die Nazipropaganda glaubte, wiedergab, umsetzte und Außenseiter ausschloss, denunzierte und in den Prozess der Vernichtung übergab.“ – Aehnliches beobachte ich mit Sorge hier in den USA.
    Alles Gute im kommenden Jahr, und moege es mich/uns eines besseren belehren,
    Pit

  2. Wenn ich mir anschaue, wo wir momentan stehen, finde ich es um so wichtiger, dass wir die Geschichte nicht nur aus der Perspektive vermeintlich großer Helden betrachten, sondern mehr aus der Perspektive der Volksgemeinschaft. In diesem Zusammenhang interessiert mich persönlich die Geschichte des Soldaten, der zunächst dem gesellschaftlichen Druck folgt und erst durch das Grauen, das er erlebt, beschließt, einen anderen Weg zu gehen, interessant. Was bewegt Leute, zuerst mitzumachen (ich vermute, er hat sich nicht freiwillig gemeldet) und ab wann findet man den Mut, „nein“ zu sagen, koste es, was es wolle, vielleicht sogar das eigene Leben. Hoffen wir, dass es dieses Mal nicht so weit kommt. Komm gut ins neue Jahr. Liebe Grüße, Peggy

    1. Liebe Peggy, ja, das wird in dem Buch schon deutlich gemacht: Der Wehrmachtssoldat erschießt einen GI und schaut durchs Zielfernrohr, wie der tödlich Getroffene alle Zeit der Welt hat, um den Helm auszuziehen und mit dem Gewehr in den Sand neben sich zu legen, niederzuknien und zu beten. Das schaut er sich an und ist von der Wucht dieses Bildes überwältigt und beschließt zu desertieren.

      Ich hoffe, Du bist auch gut ins neue Jahr gekommen, liebe Peggy!

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