Die 1990er waren die Goldenen Jahre des Westens: Die Welt war von dem Schrecken des Kalten Krieges befreit, der stalinistische Osten auf dem Weg in die Demokratie. Der Westen hatte gesiegt und sich als das überlegende System erwiesen. Zu dieser Systemfrage hatten die Kommentatoren aus allen politischen Richtungen die bipolare Welt nach dem Zweiten Weltkrieg stilisiert: Entweder-Oder, Schwarz oder Weiß. Die Dotcom-Blase war noch in weiter Ferne, die Wirtschaftsleistung und der Wohlstand der westlichen Industriestaaten waren auf einem hohen Niveau. Ebenso war der gesellschaftliche Reichtum noch gleichmäßiger verteilt als in der Zeit danach. Vor dem Schlafengehen beschäftigte man sich mit den Ausläufern der Postmoderne-Debatte, die mit dem Mauerfall nochmal an einer neuen Facette herumkauen konnte. Der Computer hatte endgültig seinen kommerziellen Durchbruch und das Internet hatte seine Unschuld noch nicht verloren. Die Kulturindustrie feierte sich selbstbewusst wie kaum zuvor, Selbsthinterfragungen wie sie noch von den Eagles oder von Miles Davis Jahrzehnte vorher vorgenommen wurden, fanden erst in der Verunsicherung der 2000er Jahre wieder Raum und Resonanz. Die Popkultur der 1990er war selbstverliebt wie nie zuvor und selbstbewusst wie nicht mehr danach.

Und trotzdem sind die 1990er ein verlorenes Jahrzehnt. Der dominierende philosophische Diskurs spielte sich entlang der Frage nach dem ‚Ende der Geschichte‘ ab. Damit meinte Francis Fukuyma, dass nach dem Ende des real existierenden Kommunismus die Welt in einem Zustand von andauerndem Frieden im Liberalismus angekommen sei. Ein paar Jahre vorher feierte Hollywood in Rambo III noch die Klerikalfaschisten am Hindukusch: Was sich in 9/11 entfesselte, entpuppte sich zwar als der neue Gegenspieler des Westens, der die Dialektik fortsetzte, aber der Westen war nicht darauf vorbereitet. Oriana Fallaci wurde zum schlechten Gewissen dieser blinden Fortschrittsaposteln. Viele Menschen, die noch an einen sozialen Fortschritt glaubten, wenigstens die, die noch übrig geblieben waren nach dem Wegfall der bipolaren Welt, waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um dem Siegeszug des Neoliberalismus etwas entgegen zu setzen. Die andere philosophische Debatte der 1990er, die sich an Huntingtons These von dem Kampf der Kulturen aufspannte, spaltet bis heute noch viele Beobachter in zwei Lager: Diejenigen, die schon damals Huntington recht gaben und denjenigen, die es heute immer noch nicht wahrhaben wollen.

Die 1990er waren aber auch deshalb ein verlorenes Jahrzehnt für den Westen, weil man sich als den Sieger sah, der über der Weltgeschichte triumphierte und nicht in der Lage gewesen ist, auch nur ansatzweise Korrektive anderer Ansätze zu absorbieren. Homi K. Bhabha, der indische Theoretiker des Postkolonialismus in Harvard trat mit seinem Hauptwerk pünktlich zu den 1990ern in Erscheinung, wurde aber erst in den 2000ern ins Deutsche übersetzt. Und Edward Said, der einzige palästinensische Philosoph, hatte man schon wieder vergessen. Auch stellt sich die Frage: Sind die 1990er ein Aussetzer in der deutschen Literatur? Schirrmacher hatte einen solchen Verdacht. Während die Popkultur vom Feuilleton gefeiert wurde, fanden Autorinnen und Autoren mit interkulturellen Bezügen kaum Beachtung. Emine Sevgi Özdamar, Yoko Tawada oder Rafik Schami, die alle auf deutsch für ein deutsches Publikum schrieben, fanden nur eine schmale Resonanz. Zwar kam 1993 mit dem Film The House of the Spirits der Roman von Isabel Allende in die Kinos, der eindringlich die neoliberale Politik des Westens in Lateinamerika thematisierte, aber letztlich dokumentierte er damit einen blinden Fleck. Die Frage, die das Geisterhaus eigentlich schon stellte, dröhnt heute noch nach: Hat sich der Westen nicht vielleicht zu Tode gesiegt und konnte man das nicht schon in den 1990ern sehen?

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Thomas Cole: Destruction

Der Westen war weder auf die Wucht des Islamismus vorbereitet, der heute bis in das westliche Verteidigungsbündnis hineinreicht, noch hatte man damit gerechnet, wie schnell sich Russland als autokratischer Staat und geschickter Intrigant wieder in der Weltgeschichte zurückmelden würde. Aber der Sieg des Kalten Krieges war eigentlich auch ein Verlust, denn das wichtigste, was dem Westen in den 1990er Jahren verloren ging war ein Gegengewicht, ein Gegenpart: Die westliche Welt musste nicht mehr beweisen, dass sie die bessere von zwei Welten war, dass sie die bessere Alternativen mit Freiheit und Menschenrechten bieten und die westlichen Gesellschaften vergaßen, dass die Anziehungskraft von Wohlstand und sozialer Sicherheit permanent neu verhandelt werden müssen und zwingend notwendig sind für ihre innere Stabilität. Die Vermutung steht im Raum, dass der Kapitalismus zwischen 1917 und 1989 in einer moderaten Phase gewesen ist und erhält gerade dadurch heute eine erschreckende Plausibilität, da es gerade die autokratischen Systeme von Russland über die Türkei bis nach China sind, die dem Westen beweisen wollen, dass für die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht unbedingt die Freiheit aller Menschen notwendig ist, sondern nur die der Funktionselite. Das ist eine Dialektik, die in den 1990ern begann und die man heute erst zu erkennen beginnt: Der Sieg über den Kalten Krieg  war ein verlorener Sieg und droht zu einem Pyrrhussieg zu werden.

Eine Gesellschaft kann sich nicht selbst beobachten, sie braucht dafür die Literatur. Das ist Leistung, Anspruch und Funktion gleichzeitig, und das sagt eigentlich nicht nur etwas über eine Gesellschaft aus, die nicht mehr liest (1,2), sondern die 1990er müssten sich als verlorenes Jahrzehnt auch in den Literaturen wiederfinden. Ist dem so?

Und doch — die 1990er entfalteten eine ungeheure Suggestionskraft: Eine ganze Generation wuchs auf ohne das Damoklesschwert, das über allen Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst oder unbewusst schwebte. Es war die erste Generation, die es sich leisten konnte, keine Ziele mehr zu haben, die es verstand, ihre Jugend zu verschwenden. Die Popkultur zeigte ein Selbstbewusstsein wie seit den Sixties nicht mehr und feierte sich selbst wie seitdem nicht mehr. Die Popsternchen heute haben dank Internet und Globalisierung eine höhere Reichweite, dafür verbrannten sich die Sternchen der 1990er in einem Feuerwerk des Augenblicks und der Lebenslust gleich selbst. Es zählte der Augenblick, der Genuss, das Leben und die Dekadenz erinnerte beinahe an die Goldenen Zwanziger. Man feierte sich selbst und die Freiheit und bedauerte höchstens den frühen Tod von Freddie Mercury und Kurt Cobain.

Die 1990er waren ambivalent wie kaum ein anderes Jahrzehnt: Ein verlorenes philosophisches Jahrzehnt, aber doch ein Gewinn an Selbstsicherheit und Zuversicht. Seit dem hat sich viel verändert. Wenn ich heute an die 1990er denke, dann mit gemischten Gefühlen. Die Jugend war unbeschwert und man war noch nicht unbedingt dafür verantwortlich, alles Weltgeschichtliche nicht unkommentiert sich selbst zu überlassen.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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8 Kommentare

  1. Ja, das ist das, wie wir die 90er im Rückblick wahrnehmen – obwohl ich Barbie Girl als Satire auf die 90er mit ihren eigenen Mitteln begreife. Musikalische Reductio ad absurdum, wenn man so will.
    Ob die 90er aber verloren waren? Mit Fukuyama wahrscheinlich, mit Huntington auch (ich finde seinen Zivilisationsbegriff nur bedingt brauchbar, um die „islamistische Internationale“ zu charakterisieren), aber waren die 90er Jahre nicht auch die Zeit, in der wir uns vom ethischen Systemdenken ein Stück weit verabschiedet haben, zumindest im deutschsprachigen Raum? Begonnen hat die Rückbesinnung auf Aristoteles (mit Philippa Foot, Bernard Williams, Susan Wolf und Martha Nussbaum, die natürlich allesamt nicht die Strahlkraft solcher Gestalten wie Foucault haben und damit nur halb so interessant ausschauen) schon früher, die 90er scheinen mir aber ein wenig der erste Versuch gewesen zu sein, Selbstbestimmung und Glückseligkeit im individuellen Sinne wieder unter einen Hut zu bekommen, statt das ganze gleich wieder mit einer Welterklärungstheorie zu verkleistern (wie die Grünen das in den 80ern, obwohl Vorkämpfer von Selbstbestimmung und Glückseligkeit es noch getan haben). So bunt, schrill und übertrieben die 90er von heute aus wirken – gerade heute könnten wir ein wenig von ihnen lernen, unbefangen zu sein.

    1. Ja, das sind wichtige Aspekte, die Du anführst. Vor allem in Sachen Lebensfreude und Unbeschwertheit ist heute doch Vieles verloren gegangen.
      So, wie die Debatte um Huntington verlaufen ist, vergab man meiner Meinung nach die Chance, auf seinen Ideen aufbauend zu einem Verständnis der ‚islamistischen Internationale‘ zu kommen, wie es sich heute immer noch nicht wirklich etabliert hat. Uns fehlen da effektiv beinahe zehn Jahre Debatte, die man allerhöchstens in Israel schon viel länger geführt hat. Dass Hungington heute nicht mehr aktuell ist und damals nicht lupenrein stehen gelassen werden konnte – geschenkt. Aber letztlich schüttete man das Kind mit dem Bade aus, habe ich den Eindruck.

      Barbie Girl: Ich kenne kaum ein anderes Poplied der 1990er, das sich selbst in einer ähnlichen Art und Weise feiert und mit ein paar Stichwörtern einen Zeitgeist und das Lebensgefühl auf den Punkt brachte: „Imagination, life is your creation“ / „Life in plastic, it’s fantastic“. Und da scheint wie kaum woanders so selbstbewusst das Hohle der Kulturindustrie durch.

  2. Stimmt. Es gab viel Schweres in den neunziger Jahren. Die Folge der Golf-Kriege und der Jugoslawien-Kriege. Anderes mehr. Gleichwohl gehören zum Gesamtbild: das Ende der Apartheid in Südafrika, die israelisch-palästinensischen Gespräche in Oslo, deren Ergebnisse sich nicht durchsetzen konnten, doch weiter wirken sowie die Rio-Konferenz zur globalen Umwelt- und Klimapolitik. Es bleibt der ältere Satz von Max Weber: „Politik bedeutet ein starkes, langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.“
    Bezugnehmend auf den vorherigen Kommentar: Auch Hannah Arendt und andere wurden wieder mehr gelesen. –
    Beste Grüße

    1. Ja, die Konflikte um die New World Order und letzten Stellvertreterkriege in Jugoslawien waren die Schattenseite der 90er. Das Ende der Apartheid hatte ich fast schon wieder vergessen, das war ja auch erst in den 90ern!

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