Manchmal lese ich ganz gerne literarische Debuts. Sie vermitteln so etwas wie eine Aufbruchstimmung: Es gibt etwas Neues zu berichten, etwas Neues zu lesen. Wenn die Leute noch jung sind, dann interessiert es mich umso mehr: Wie tickt die Welt von morgen, was sind ihre Sehnsüchte, ihre Ängste, ihre Sorgen? Und ich denke sehr oft an das Argument, das Donna Cross ihrer Päpstin Johanna in den Mund legte: ‚Alles, was alt ist, war irgendwann neu‘, entgegnete Johanna, ‚und stets geht das Neue dem Alten voraus. Ist es da nicht dumm und widersinnig, auf der einen Seite alles zu verdammen, was zuerst kommt, und auf der anderen Seite alles in den Himmel zu heben, was aus zuerst Gekommenem entstanden ist?‘ Ich mag diese Dialektik, seit ich sie damals das erste Mal las: Wieso sollte man nur das schätzen, was mittlerweile alt und womöglich überkommen ist, aber alles neue argwöhnisch beäugen, nur weil es vorher noch nicht da gewesen ist? Als ich dann Nele Pollatscheks famose Zustandsbeschreibung einer ganzen Generation in einem Interview gelesen habe — Punk macht nur Sinn, wenn man daran glaubt, die Welt noch retten zu können —, wusste ich: Es muss wieder ein Debutroman her. Wie erzählt es sich denn so, den Rückfall in die Barbarei im Nacken und den Untergang der Welt (wieder) vor Augen? Kann man da eigentlich noch ruhig erzählen? Vermutlich nur mit einer gehörigen Portion Zynismus und Sarkasmus. Das hält die Knochen jung.

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Bild: Galiani/KiWi

Der Roman hat mich auch nicht enttäuscht, sondern über weite Strecken begeistert, wenn auch mit ein paar wenigen Abstrichen. Und ich habe mich hier und da selbst wieder gefunden. Nicht in der Geschichte, sondern in der Sprache. Das gefällt mir. Das Buch fängt an wie ein Coming-of-age Roman und ist auch über weite Strecken aus dieser Perspektive geschrieben. Auch wenn der Roman nicht streng autobiographisch ist, so nimmt die Erzählerin eine bestimmte Sicht der Welt ein, die man später im Leben nicht mehr hat — aber auch vorher nicht haben kann. Über weite Teile dachte ich, ich lese über die letzten Wehen, die sich beim Erwachsenwerden nunmal ergeben. Und fühlte mich ertappt: So unterschiedlich sind gewisse Einsichten und Ansichten auch wieder nicht, habe ich festgestellt. Dann hat man oft das Gefühl, hier geht es tatsächlich um selbst Erlebtes und bis zu einem gewissen Punkt wünscht man sich fast, dass es eine Art Verarbeitung von persönlich Erlebten ist — was schon reichlich makaber ist, da es um einen Todesfall in der Familie geht. Aber gegen Ende wird immer deutlicher: Das ist eine erfundene Geschichte, da sie selbst unglaubwürdig werden möchte. Das ist dann ein Punkt, wo man ein wenig enttäuscht wird. Jedenfalls hätte es mir sehr gefallen, wenn der Reiz geblieben wäre, dass es sich hier vielleicht doch um eine ‚wahre Geschichte‘ handeln würde. Was wirklich etwas zynisch und makaber ist angesichts des Themas.

Aber vielleicht wird man auch zynisch und sarkastisch, wenn man der Erzählerin Thene länger zuhört: „Als ich aufwachte, lag Oma nackt im Garten.“ — „Er sprach über Tradition und Fortbestand. Das gehörte dazu. Irgendwo hatte ich mal gehört, dass die Universität Oxford älter war als das Aztekenreich. Ich weiß nicht, ob es der Vizekanzler erzählt hatte oder ob ich es bei Buzzfeed gelesen hatte.“ — „Eine jüdische Beerdigung ist vielleicht der einzige Ort, an dem die übertrieben pathetische Emotionalität einer manischen Alkoholikerin nicht deplatziert wirkt.“– „Den Ausdruck des Manic-Pixie-Dream-Girls — des manischen Feen-Traummädchens — hatte ich in einem Artikel über feministische Filmkritik gelesen (akademische Arbeit ist zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Prokrastination). Der Begriff bezeichnet die Art weiblicher Figur in einem Film oder Buch, die nur dafür da zu sein scheint, den männlichen Helden aus seiner langweiligen Spießerwelt zu befreien. Diese Figuren haben normalerweise blonde Kurzhaarschnitte, die man passenderweise Pixie-Cuts nennt, und einen exzentrischen Kleidungsstil, oft mit Hut wie Anne Hall, sie tanzen im Regen, pfeifen auf Konventionen, sind aufregend, manisch und irgendwie ganz anders als alle anderen. Hätte mein Vater als überzeugter Ossi nicht weder Ahnung von Disney-Filmen noch von Reinhard-Mey-Liedern, hätte ich ihm das Manic-Pixie-Dream-Girl als Mischung aus Tinker Bell und Annabelle erklärt.“

Damit hat man schon einen ersten Eindruck, aus welcher Perspektive erzählt wird, welcher Horizont abgeschritten und welche Lebenseinstellung vermittelt wird. Einen zweiten kann man bei der Online-Lesung bekommen. Und genau dieser leicht  zynisch-sarkastische Unterton hat mir sehr gut gefallen, weil ich ihn von der kleinen Erzählerstimme in meinem eigenen Kopf auch kenne. Ich lasse diese Erzählerstimme auch manchmal für mich sprechen und genauso wie es mir mit diesem Buch passiert ist, ist es mir eine heimliche Freude, wenn man nicht weiß, ob ich etwas ernst meine oder nicht. Nun, und hier habe ich mich ein Stück weit wiedergefunden. Dass die Story dann manchmal etwas lebensfremd und an manchen Stellen eben unglaubwürdig wirkt — geschenkt, das darf ein Debut und ich glaube, jede/r kann froh sein, wenn der erste Roman mit einer solchen Sprachmächtigkeit erzählt wird.

Allerdings gingen die ersten ca. 50 Seiten bei mir nur sehr schleppend voran, was auch der Grund war, weshalb das Buch einige Zeit den aktuellen Lesestapel hinunter gerutscht ist (und zwischenzeitlich zwischen dem Zauberberg und der Blechtrommel festhing). Allerdings muss der Anfang so sein wie er ist, das ergibt sich aus der Logik der Geschichte, aber das erfährt man erst später. Auch hier hätte man vielleicht ein wenig straffen können, aber das mag ein rein persönlicher Eindruck sein.

Wer noch am Überlegen war oder das Buch noch nicht kannte: Meine Empfehlung hat das Buch. Auch wenn man keine Lust hat, einen Debut-Bonus zu geben und keine Abstriche machen möchte: Braucht man nicht, muss man nicht.  Aber das Buch lesen — das sollte man.


Nele Pollatschek: Das Unglück anderer Leute. Galiani Berlin 2016. 221 Seiten, 18,99 €
ISBN:  9783869711379

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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