Viele werden das vielleicht kennen: Eine gewisse Hintergrundmusik beim Lesen ist ganz angenehm und hilft einem manchmal sogar, sich auf das Buch zu konzentrieren. Ich kann kaum in einem Raum ruhig sitzen, in dem keine Musik läuft. Gestern Abend war ich noch mit einem Freund in einem Café und ich fühlte mich unbehaglich — es lief keine Musik. Irgendwann merkte die Bedienung, das keine Musik lief und mit der einsetzenden Musik änderte sich die Atmosphäre in dem Raum spürbar. Es war sofort angenehm und gemütlich. Ähnlich geht es mir beim Lesen: Ich brauche etwas, woran sich das Ohr festhalten kann, ein angenehmer Reiz, um eine ruhige und gemütliche Atmosphäre sicherzustellen.

Ich habe lange Zeit klassische Musik beim Lesen gehört. Meine Bedingungen: Kein Gesang und nicht zu aufbrausend und unruhig. Irgendwann stellte ich aber fest, dass diese Musik meine volle Aufmerksamkeit beansprucht, vor allem mein geliebter Chopin, den ich mittlerweile so hören muss wie ich ein Buch lese, nämlich mit voller Aufmerksamkeit, wobei ich nichts anderes nebenher machen kann. Was also hören, wenn man nicht auf irgendein Gedudel zurückgreifen möchte, so genannte Fahrstuhlmusik, die sich ständig wiederholt und man nach einer Zeit froh ist, wenn man die Musik abstellen kann?

Ich habe vor Jahren einen Musiker für mich entdeckt, den ich für ziemlich genial halte. Er heißt Dexter Britain  und veröffentlicht den Großteil seiner Musik unter der Creative Commons-Lizenz, das heißt, man kann sie kostenlos auf seiner offiziellen Bandcampseite völlig legal herunterladen. Eine kleine Spende nimmt er natürlich an und wenn ein neues Album herauskommt, ’schenke‘ ich dieses Album gegen einen kleinen Obolus einem Freund von mir, und er ’schenkt‘ mir das Album ebenfalls. Win-Win.

Was ist nun das Besondere an seiner Musik? Es ist meine Musik zum Nachdenken geworden: Ich kann sie beim Lesen hören, bei meiner Schreibtischarbeit und während des Autofahrens, was für mich immer eine großartige Möglichkeit zum Nachdenken ist. Seine Songs sind ohne Gesang, sodass mich kein Wort ablenkt, das ich verstehen sollte oder wollte. Seine Musik ist eine großartige Hintergrundmusik, weil sie nie aufdringlich ist, aber sie ist auch keine Musik, die nichtssagend wäre: Ich höre seine Musik nun seit sechs Jahren, jeden und jeden Tag, über Stunden und das faszinierendste an seiner Musik überhaupt ist, dass ich nicht müde werde die Lieder zu hören. Als mir dies das erste Mal aufgefallen ist, war ich ein wenig irritiert — Musik, die man nicht leid wird nach einer gewissen Zeit? Aber ich habe mehrere Freunde, die mir ähnliches berichten. Das ist das Besondere an seiner Musik: Ich kann sie immer und immer wieder hören, beim Lesen und während des Schreibens, ohne dass sie mich stört, aber immer mit einer angenehmen Atmosphäre und stimmungsvoller Ambiente, die nicht alt wird.

Eine kleine Einschränkung habe ich allerdings: Die Creative Commons Volume-Alben haben mir nicht so gut gefallen und ich musste sie aus meiner Playlist herausnehmen. Aber alle Alben mit individuellem Namen kann ich vorbehaltlos empfehlen. Aber am besten hört man sich das selbst an! Viel Spaß beim Entdecken!


Bild: Jorge Royan (CC BY-SA 3.0

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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18 Kommentare

  1. Sehr interessant … mir geht es genau umgekehrt. Ich höre beim Lesen nie Musik, ich mag Cafés ohne Musik. Der Grund ist wohl, dass ich mich nur auf eine Sache konzentrieren möchte(kann?). Wenn Musik, dann nur Musik hören.

  2. Beim Lesen liebe ich auch die Stille um mich herum. Wenn das Buch gut ist, nehme ich sowieso kaum etwas um mich herum wahr – und Musik würde zwar nicht stören, wäre aber ausgeblendet, also kann ich sie auch gleich weglassen 🙂 Im Café finde ich Musik für die Atmosphäre auch besser …

  3. Ich empfinde Musik auch eher hinderlich, wenn ich mich auf etwas konzentrieren will. Wenn es aber zum Lesegenuss dazugehört, weil Musik und Text zueinander gehören, dann mag ich es natürlich auch.

      1. Ja, ich werde es mal probieren. Allerdings war schon der Versuch, mit Musik im Ohr zu laufen, gescheitert. Aber lesen ist ja nicht laufen. Einen Versuch ist es definitiv wert.

  4. Danke für den Tipp! Gefällt mir sehr. Ich liebe eigentlich auch die Stille, gerade auch beim Lesen. Aber wann ist es mal so richtig still, auch in einem selbst? Und dann hilft mir Musik tatsächlich bei der Konzentration, zum Beispiel auf ein Buch, das Schreiben eines Textes. Ich werde es ausprobieren. Viele Grüße, Petra

    1. Ich denke, jede/r hat da seine eigenen Strategien: Ich mag zum Beispiel die Stille beim spazieren gehen. Manchmal begegne ich Leuten mit Kopfhörern in den Ohren. Aber das wäre für mich undenkbar. Ich bin gespannt zu hören, wie Dir Dexter Britain gefällt!

  5. Früher hörte ich bei allem, was ich tat, gern Musik, manchmal auch einfach nur Radio, ein angenehmes Hintergrundgedudel. Inzwischen höre ich nur noch gezielt Radiosendungen, die mich interessieren, und ansonsten vor allem Klassik – oder gern auch mal nichts. Hätte ich mir nie vorstellen können, dass mir die Ruhe so gut gefallen würde. Beim Lesen höre ich ganz gern Satie (so schön repetitiv) und in letzter Zeit auch viel von Purcell (passt irgendwie gut zur Jahreszeit, besonders der Cold song). Im Café hab ich es aber auch gern, wenn Musik läuft, vielleicht fühlt man sich dann weniger „belauscht“ (das macht zwar eh kaum jemand, aber trotzdem …). Liebe Grüße
    Petra

    1. Ja, es ist total interessant, wie sich manche Dinge verschieben – früher konnte ich ganz gut Klassik beim Lesen hören. Das geht überhaupt nicht mehr. Dafür habe ich mir zu Weihnachten einen Studiokopfhörer geleistet, mit dem ich nun Dinge höre, die vorher völlig an mir vorbei gegangen sind. Abends kann ich nun fast stundenlang Musik hören ohne etwas anderes zu machen – das wäre für mich früher auch undenkbar gewesen! Manchmal ist es so, als könnte ich auf einmal in Farben sehen, wenn ich Songs höre, die ich schon ewig kenne, aber nun neu für mich entdecke. Das ist eine interessante Erfahrung.

      1. Ein Studiokopfhörer, da würde ich dann sicher auch nichts nebenher machen, sondern mich allein aufs Musikhören konzentrieren wollen. Das muss viel intensiver sein als meine Art des eher nebenbei Hörens. Irgendetwas mache ich dann ja doch immer, lesen, im Haushalt puzzeln … Das mit den Farben ist auch interessant, hat ja schon was Synästhetisches.

  6. Bei mir war es immer so, dass ich Musik nicht nebenbei hören kann.
    Schon als Schüler wunderte ich mich immer, wie andere ihre Hausaufgaben mit laufendem Radio machten. Lediglich im Cafe, dort mag ich Musik im Hintergrund.
    Obwohl ich Musiker bin (oder vielleicht auch „weil“ 🙂 habe ich nur rund 5 Lieder auf dem Handy, und den Kopfhörer noch original verpackt.
    Also, Musik spielt sich bei mir immer in den Vordergrund.
    — Zum Glück 🙂

    1. Ich denke, es ist schön zu hören, wie unterschiedlich die verschiedenen Zugänge zu diesem Thema sind. Ich habe die letzten Tage nochmal genauer nachgedacht und ich glaube, es kommt auch darauf an, in welcher Stimmung ich bin, manchmal kann ich diese oder jene Musik nicht haben, die ich ansonsten ohne Probleme mir anhöre.

      So verschieden die Menschen sind, so unterschiedlich sind die Zugänge zu dem Thema. 🙂

  7. Wenn ich beim Lesen Musik höre falle ich immer komplett raus. Dann kann ich mich leider gar nicht mehr auf den Inhalt konzentrieren.

    1. Ja, so unterschiedlich sind die Gewohnheiten – wenn ich in einem Raum bin, wo keine Musik läuft, dann denke ich mir ‚da fehlt doch was‘, auch wenn es mir nicht gleich auffällt. Ohne Musik geht irgendwie wenig bei mir. 😉

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