Der 27.Januar ist der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Es ist eine gute Gelegenheit, um etwa die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger zu lesen oder ein Gedicht von Paul Celan. Ein etwas unbekannterer Text ist der Essay Jenseits von Schuld und Sühne von Jean Améry, den ich hier bereits näher vorgestellt habe, weshalb ich an dieser Stelle einfach darauf verweisen möchte.

Ich finde, es ist eine moralische Autorität, die von den Überlebenden des Holocausts ausgeht, wie Jean Améry einer war, und es ist unsere moralische Verpflichtung, ihnen zuzuhören. Die Aufklärung ist gescheitert, aber sie ist alternativlos. Wir haben auch heute nichts besseres gegen die neuen und alten Nazis, die landauf, landab wieder hetzen können, nicht wider besseren Wissens, sondern heutzutage können sie sich nicht darauf berufen, nichts zu wissen. Und wir, die ihnen gegenüber stehen auf der anderen Seite der Barrikaden, können uns erst recht nicht darauf berufen.

Was soll man nun tun, gegen den wieder erstarkenden Nationalsozialismus im nationalistischen Gewand, der heute sehr geschickt agiert und auch von staatlichen Institutionen auch noch gedeckt wird, oder wenn das Sagbare im öffentlichen Diskurs ohne Konsequenzen immer weiter nach rechts gedehnt wird? Was tun, wenn wir mittlerweile in einer Welt von ‚alternativen Fakten‘ leben, wo alles scheinbar beliebig geworden ist und sich die Überzeugungen nicht mehr nach den Fakten richten, sondern die Fakten nach der Überzeugung?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Und genau das ist in Zeiten wie diesen schon eine Provokation und ein erster Schritt in die richtige Richtung: Komplexe Zusammenhänge können nicht mit scheinbar einfachen Phrasen erklärt und komplexe Probleme können nicht mit einfachen Antworten gelöst werden. Wenn wir das in unserem Umfeld vermitteln können, dann ist schon viel gewonnen. Der Zeitgeist fordert einfache Lösungen, er präferiert knackige und markige Sprüche, die zitierfähig sind und eine Abkürzung aus dem Schlamassel versprechen. So funktioniert zwar heute leider oftmals (partei-)politische Kommunikation im gesellschaftlichen Diskurs, ist aber letztlich ungeeignet, um die Vorgänge in der Welt zu verstehen. Man ist dann mehr Spielball eines Meinens und Fühlens, erwartet Orientierung ausgerechnet von simplen und hohlen Phrasen, die einen nur noch mehr in Unwissenheit und Ohmacht gefangen halten.

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Zeitgeist

Aber das ist nicht alles, was man tun kann. Aufklärung ist ein hartes Geschäft. Die Menschen in seinem Umfeld so lange wie möglich von dem abstumpfenden und verdummenden Fernsehen abzuhalten ist eine gute Idee. Faktencheck ist ebenso gut — es gibt mittlerweile eine Browsererweiterung für Chrome und Firefox, um den Wahrheitsgehalt der Tweets von Mr. Trump zu überprüfen. Dazu gehört auch eine gewisse Medienkompetenz im Zeitalter der Lügenpresse, die man sich aneignen muss. Eine unabhängige und freie Presse sind wichtiger denn je zuvor, scheint mir. Journalistische Arbeit steht dabei vor der Herausforderung, sich selbst zu finanzieren bei immer sinkenden Auflagenzahlen, aber gleichzeitig ihre wichtige Funktion in unserer pluralistischen Demokratie wahrzunehmen. Ein Abo einer Qualitätszeitung ist also auch eine gute Idee. Aber eine gewisse Geisteshaltung ist unabdinglich, auf die Marina Weisband hinwies. Wir müssen uns wappnen gegen die Angriffe der Faktenverdreher:

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Und was hat das alles mit Jean Améry zu tun? Sein Essay ist aus einer anderen Zeit, als die Welt eigentlich noch viel komplizierter gewesen ist und die Sehnsucht nach einfachen Antworten noch nicht derart ausgeprägt war wie heutzutage. Er ist aus einer Zeit, als man über mehrere dutzend Seiten nachdenken konnte, das Geschriebene abwägen und eine komplexe Situation verstehen wollte. Er erinnert uns daran, dass zwar die Welt nicht einfach gestrickt ist, aber wir die kognitive Möglichkeit haben, uns der Komplexität anzunähern. Somit können wir von diesem  (wie von jedem) klugen Essay lernen und uns wappnen gegen die Zumutungen der Gegenwart und uns Jean Améry zum Vorbild nehmen, wie wir in Zeiten ständiger Verflachung und Simplifizierung uns noch ein gewisses Reflexionsniveau bewahren können.

Das fällt dann auch unter Lernen aus der Geschichte.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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