„Einen Moment lang standen wir da und sahen uns an — die verwaisten Kinder der verstorbenen Beats.“

Dies ist eine der Selbstbeschreibungen von Patti Smith, die sie anlässlich einer Einladung nach Tanger anmerkt, um die verstobenen Beat-Dichter zu ehren. Wer sich ein wenig mit Patti Smiths Liedern, Gedichten und Büchern vertraut gemacht hat, den wundert die Zuschreibung als „verwaistes Kind“ nicht. Aber gilt Patti Smith nicht als Godmother of Punk? Die Beats — sind sie die Vorläufer der Punks, die zehn Jahre später erstmals zu einer relevanteren Jugendsubkultur werden? Was haben die einen mit den anderen zu tun und ist Patti Smith nicht vielleicht vielmehr der Schlussstein einer Welt, der wir noch zuschauen durften? Patti Smith schreibt auch über ihre Vorbilder Arthur Rimbaud und Frida Kahlo. Man könnte noch Charles Baudelaire nennen, denn irgendwie haben sie alle etwas gemeinsam, von Baudelaire über Frida Kahlo und den Beats bis Patti Smith: Sie sind alle mehr oder weniger poètes maudits.

Versteht man die Moderne als eine Epoche der immer rasanteren Akzelerierung sozialen und technischen Wandels, die ineinander verschränkt sind und sich gegenseitig verstärken, so sind die poètes maudits diejenigen, die auf die Zentrifugalkräfte der Moderne hinweisen wie kaum eine andere kulturelle oder soziale Strömung. Patti Smith ist die letzte, die noch von der alten Welt von Rimbaud und Baudelaire mit einer Authentizität berichten kann, die heutigen Subkulturen abgeht. Sie ist wirklich eine Godmother, denn sie ist die letzte noch Lebende einer Generation von Künstlern, die nicht nur das 20. Jahrhundert in einer nicht intendierten Weise geprägt hat, sondern die auch umgekehrt das 20. Jahrhundert nonkonform und nicht affirmativ geprägt haben: poètes maudits sind die Außenseiter der Gesellschaft, die Rebellen, die Nichtidentischen, die Renitenten, die den Finger in die Wunden der Gesellschaft legen, die nicht angepasst sind und dem Zeitgeist widersprechen. Dadurch gewinnen sie eine Freiheit, Autonomie und Authentizität vor ihren Zeitgenossen, die diesen helfen kann ihren Alltag zu bewältigen, die ihnen eine Welt vor Augen führt, für die es sich zu Leben lohnt und die ihnen hilft, das tägliche Leben zu hinterfragen. Es geht um Hedonismus und den Sinn des Lebens, um Reflexion und Ideale, es geht um intellektuelle Beweglichkeit und das Überwinden von Grenzen, die wir uns selbst stellen. Das ist ein Prozess, der nie abgeschlossen sein kann und für den der Tod einst der gewaltsame und radikale Bruch sein wird. Die poètes maudits verbrannten allzu oft in ihrem Inneren und gaben ihr Leben hin für diese Freiheit und Autonomie. Dadurch dehnten sie allerdings auch den Rahmen ihrer jeweiligen Gesellschaft und erweiterten die Möglichkeiten des Sagbaren und Denkbaren, sie reicherten ihre Welt wie kaum jemand mit neuen Ideen und Möglichkeiten an, um auf den gesellschaftlichen Wandel der Moderne zu reagieren. Die westlichen Gesellschaften brauchten das Korrektiv der poètes maudits, sie brauchten ihre Außenseiter, ihre authentischen Rebellen, um sich selbst zu verstehen und um einen Ausdruck und ein Ventil zur Verarbeitung zu finden für die antagonistischen Kräfte der Moderne, an denen die Gesellschaft sonst zerreissen würde. Darin liegt das historische Verdienst der fleurs du mal und auch noch der Beats. Patti Smith ist die letzte, die davon noch berichten kann. Und daher bringt sie uns näher an die Freiheit, erinnert uns an Autonomie im Denken und Fühlen und an die Grenzen, die man überwinden muss, um frei zu sein. Das ist die traurige Melancholie dessen, was von heute aus schon verloren scheint.

p1000658
Foto: Wolfgang Schnier

Wer als Europäer einmal längere Zeit in den USA verbringt, den umgibt ein gewisses Unbehagen. Man fragt sich wieso, denn die Leute, mit denen man höchstwahrscheinlich zu tun haben wird, sind alle freundlich und zuvorkommend, friedfertig und gastfreundlich, nett und verständnisvoll. Ja, aber das ist eine Seite der amerikanischen Kultur. Aber für das Unbehagen ist ein anderes Gefühl wichtiger, nämlich das Gefühl der latenten Gewalt. Vielleicht ist das noch ein Erbe des Frontier-Gedankens, als die physische Gewaltbereitschaft über Leben und Tod entschied, jedenfalls berichten auch heutige Beobachter wie Ingo Zamperoni von dieser latent gewaltgeladenen Atmosphäre, die in den USA herrscht und die mir in meinen Studientagen selbst unbehaglich gewesen ist. Es ist eher ein subtiles Gefühl, das einen umgibt, da das Potential in den USA ein anderes ist als in Europa — die Militarisierung der Gesellschaften hat zwar auch längst in Europa begonnen, allerdings ist es hier eine gänzlich andere Mentalität. Aber genau diese latente Atmosphäre der Gewalt ist es, die auch in der amerikanischen Literatur und Kultur ihren Niederschlag findet. Und das ist das Besondere an Patti Smith: Während der Literaturnobelpreisträger Bob Dylan nicht ohne Gewalt auskommt, man denke nur an seine grandiose Ballade Hurricane, so scheint mir doch jeglicher affirmative Bezug auf Gewalt in jeglicher Art und Weise bei Patti Smith zu fehlen, physisch wie psychisch, latent wie evident. Sie steht damit außerhalb eines der relevantesten Diskurse der amerikanischen Gesellschaft, der weit in die Beats hineinreicht – wer sich Burroughs Naked Lunch einmal in dieser Perspektive vor Augen hält, der kommt nicht umhin zuzugeben, dass es ein durch und durch gewalttätiges Buch ist, das von inneren und äußeren Gewaltorgien und den verzweifelten Versuchen handelt, diesen zu entkommen und die gewaltätigen Fesseln des Selbst und der Gesellschaft in nackter Verzweiflung aufzubrechen. Und auch die verfluchten Hippies hatten mit ihrem love and peace die Gewalt noch in ihrem tragenden Slogan, wenn auch negativ. Dies findet man bei Patti Smith allenfalls in Ansätzen, die auch vor den psychischen Selbstverletzungen etwa beim Verlust geliebter Menschen nicht gefeit ist. Aber es geht mir um diese Außenseiterrolle, die sich bei ihr in ihrem radikalen Pazifismus äußert, der sich nicht in politischen Sonntagsreden äußert, sondern in einer Lebenseinstellung und einer Mentalität, die sich der Atmosphäre der latenten Gewaltbereitschaft ihrer Gesellschaft aufs Größtmögliche entzieht.

Der Einfluss von Patti Smith hat wieder eine weitere Bestätigung bekommen, als sie 2016 in Vertretung von Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur in Stockholm entgegennahm und Dylans Song A Hard Rain’s a-Gonna Fall vortrug. Weiß aber jemand noch, dass Nirvana auf ihrem Debutalbum einen Song namens About a girl hatten? Nick Hornby spielte in seinem Roman About a boy von 1998 darauf an. Patti Smith aber griff den Stoff schon 1996 in ihrem Album Gone Again auf in ihrem Song About a boy. Überhaupt — Patti Smith und Grunge: Es gibt keine bessere der zahlreichen Interpretationen von dem Nirvana-Klassiker Smells like Teen Spirit wie die Version von Patti Smith:

Hört man sich eines ihrer Langedichte an, wie es etwa auf The Coral Sea auf einem Album erschienen ist (und das als Buch 72 Seiten einnimmt), dann kommt man nicht herum anzuerkennen, dass es bei ihrer anspruchsvollen Lyrik um mehr geht als puren Genuss der Sprache. Vielmehr sperren sich viele ihrer Texte genau diesem direkten Genuss und der direkten Überblendung mit der Wirklichkeit, der Oberflächlichkeit und damit dem Trivialen. Es ist eine subtile Spielart der Realitätsverweigerung, nämlich eine, die sich der direkten kommerziellen Verwertung entzieht. Nicht der leicht verdauliche Konsum steht im Vordergrund, der den Rezipienten zum passiven Empfänger degeneriert, sondern ihre Texte regen zum Nachdenken an, zum Widerspruch und zum Perspektivenwechsel. Damit sind sie mit das Wertvollste, was wir in dieser Welt noch haben. Und es öffnet sich die Möglichkeit der Veränderung und des Wandels, der Erweiterung des persönlichen und individuellen Horizontes über die positivistischen Grenzen der Wirklichkeit und weit über die Beschränktheit der gesellschaftlichen und sozialen Normen, den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen, den Restriktionen und Beschränkungen, denen unser Denken und Handeln unterworfen ist, weil wir allzu oft gefangen sind in Vorgaben, überkommenen Normen und gesellschaftlichen Realitäten, denen wir scheinbar hilflos ausgeliefert sind. Viele Gesellschaftsaussteiger nahmen sich das Ziel, aus dem bürgerlichen Leben auszubrechen und auf experimenteller Ebene neue Formen des Zusammenlebens und des Älterwerdens, der sozialen Auseinandersetzung und der gesellschaftlichen Einflussnahme auszuprobieren. Sie alle scheiterten meistens an dem zuvorkommenden Verständnis der liberalen Gesellschaft: Es interessierte schlicht niemand. Die Veränderung muss also von innen kommen, nicht von außen: Der radikale Standpunkt will systemüberwindend sein, bleibt aber wirkungslos, wenn ihm die Vermittlung nicht gelingt. Das ist der Grund, weshalb Punk gescheitert ist — und Punk ist nicht authentisch, wenn er sich in diesem Punkte nicht ernst nimmt. Niemand nimmt die Mainstreampunks noch ernst, oder jene Freizeitpunks, die die letzte persönliche Konsequenz des bürgerlichen Scheiterns nicht in Kauf nehmen. Das sind die Alternativen, die nach der Godmother geblieben sind, da sie die letzte ist, die gerade nicht an dem zuvorkommenden Verständnis der liberalen Gesellschaft gescheitert ist, aber deren Wirken dennoch authentisch ist. Das unterscheidet sie vermutlich auch von den Beats. Der gesellschaftliche Außenseiter, der dies reflektieren kann, ist der Intellektuelle, der authentische Künstler. Patti Smith ist beides.

p1000665
Foto: Wolfgang Schnier

Diese Gedanken fingen an in mir zu gären, als ich Patti Smiths autobiographisches Buch M Train las. Es ist das beste Buch von Patti Smith und es sollte jeder lesen, der sich an die Beats erinnern möchte, der wissen möchte, wie Freiheit im Denken und im persönlichen Leben einmal aussehen konnten, welche Grenzen uns heute gefangen halten und wie die Konventionen auf völlig unterschiedlichen Ebenen aufgelöst werden können: Persönliche Erinnerungen vermischen sich mit Traumszenen, kulturelle Restriktionen begegnen fremden Kulturen, als rissen zwei Nachbarn ihre Zäune ein, Literatur wird zum Wegweiser des eigenen Denkens und Fiktion vermischt sich mit der Wirklichkeit. Das findet kaum deutlicher Ausdruck als in der Episode, als sich Patti Smith auf die Suche nach dem Brunnen macht, der in Murakamis Mister Aufziehvogel eine tragende Rolle spielt. Hier verwischen sich die Grenzen zwischen Literatur, Wirklichkeit und Traum, zwischen Realität, Fiktion und dem, was hinter dem Vorhang liegt und das die kennen, die das beunruhigende Gefühl haben, in Büchern, Gedichten und in Liedern mehr zu finden, als diese Welt mit blanken Worten erzählen kann: Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.

Das ist die Metaphysik zwischen den Zeilen von Patti Smith.

p1000672
Foto: Wolfgang Schnier

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Köln 2015  (Kiepenheuer & Witsch)
ISBN: 9783462048636

Patti Smith: Traumsammlerin. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigtitte Jakobeit. Köln 2013 (Kiepenheuer & Witsch)
ISBN: 9783462045703

Patti Smith: Collected Lyrics 1970-2015. New York NY 2015 (HarperCollins)
ISBN: 9780062345011

Patti Smith: Early Work 1970-1979. London 1994 (Plexus Publishing)
ISBN: 0859652203

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

11 Kommentare

  1. Guten Tag Wolfgang, auf deine Hommage an Patti Smith machte mich Lu aufmerksam, u.a. deswegen, weil ich heute eine Rezension zu M Train bei mir einstellte: https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/02/08/love-is-an-angel/ – es ist meine Art Rezensionen zu schreiben, sozusagen „aus dem Verwobenem heraus“ – ich mag deine Gedanken, wie du Patti Smith in Zusammenhang mit der Beatgeneration beschreibst, ich sah es so, dass sie noch den Schwanz des Beattieres erwischte, während meine Generation nur noch die äusserste Schwanzspitze zu greifen bekamen, wie auch immer noch, der beat lebt fort und am Samstag gehe ich in eine Ausstellung in KA ins ZKM zur Beat-Generation- ich werde berichten!
    Deine Hommage mag ich sehr und danke dir dafür, auch und besonders für: Smells like Teen Spirit …
    Herzliche Grüsse, unbekannter Weise
    Ulli

    1. Liebe Ulli, vielen Dank für die Grüße und die lieben Worte!
      Ja, ich bin auch am überlegen, ob ich mich auf nach Karlsruhe machen, um mir dort die Ausstellung anzusehen. Mal sehen, ob ich es schaffe.

  2. Wow, was für ein grandioser, tief nachdenklicher Text. Habe ‚Just Kids‘ irgendwann als Teenagerin gelesen und wie durch Zufall diese Smith’sche Metaphysik entdeckt, die du da so anmutig beschreibst – Danke schön!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s