Das Land der Vergessenheit

Im Saale, wo tausend Lichter flirren,
Wo Flöten und Geigen girren,
In weichem Walzer der Leib sich wiegt,
Das Lachen so leicht von den Lippen fliegt,
Wo funkelnde Steine, die vollen, weißen,
Seidig glänzenden Nacken umgleißen,
Der Leichtsinn, die flatternde Luft sich dreht,
Der Freude berauschender Atem weht,
Wo die Polster so schwellend und farbensatt —
Da ist meines Schmerzes Ruhestatt.

Da bette ich hinein mein Leid,
Da ist mein Land der Vergessenheit. —
In glitzernden Wellen will ich versinken,
Aus Champagnerschalen mir Lethe trinken,
Im rauschenden Wirbel unermessen
Das einzige Glück meiner Tage vergessen;
Vergessen den heiligen Liebesschwur,
Den mir in Gottes reiner Natur
Beim Rauschen der Tannen, im Frühlichtweben
Mein reines, unschuldiges Lieb gegeben,
Mein Lieb, das … — „Mädel, du sollst mich küssen!“
„Was ich habe, du Wilde, möchtest du wissen?“
Glaubst wohl, ich wäre bezecht, du Kleine? —
Meinen Rausch schuf der Schmerz, der kommt nicht vom Weine.

Aber, du schwarzes, sprühendes Ding,
Du flatterlustiger Schmetterling
Sollst mir die lastenden Träume vergaukeln,
Sollst mit mir auf klingendeden Wogen schaukeln,
Durch bunte, flackernde Freuden jagen;
Komm her, ich will dich zum Tanze tragen,
Und die Qualen, die mich zu Boden drücken,
In deinen knisternden Haaren ersticken.
Brennender Mohn mit schwarzem Herzen
Umglüht dich, wie festliche Hochzeitskerzen.
Nun komm, wir laufen ins Land ganz weit,
In das jauchzende Land der Vergessenheit. —

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Foto: Wolfgang Schnier

Josefa Metz (19.10.1871-13.2.1943) war eine deutsch-jüdische Schriftstellerin. Ihr Gedicht Das Land der Vergessenheit erschien in dem Band Buntes Beet. Sie fiel 1935 unter das Berufsverbot für jüdische Schriftsteller und durfte fortan nur im Kulturbund deutscher Juden publizieren. Metz wurde 1941 in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie 1943 starb.

Wer zufällig ihren Roman Eva. Aus einer glücklichen Kindheit (Berlin, Levy 1937) in einem Antiquariat oder sonst irgendwo entdeckt, ich hätte Interesse ihn zu erwerben. Es findet sich so gut wie kein Exemplar in deutschen Bibliotheken.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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