Zugegeben: Es ist ein wenig sonderbar, Lexika zu lesen wie andere Bücher. Aber doch gehören die ehrenwerten Bände zu den Klassikern, nur eben in dem Bereich des enzyklopädischen Wissens. Der Brockhaus ist lange Zeit im deutschen Sprachraum ein synonym für belastbares und gesichertes Wissen gewesen. Irgendwie ist er das auch immer noch, gerade in Zeiten der Mitmach-Enzyklopädie im Internet, deren markanteste Eigenschaft ist, dass sich Artikel von heute auf morgen ändern können. Am Brockhaus lässt sich nun eine ganz bestimmte Kultur und Geisteshaltung ablesen. Ein Rekonstruktionsversuch.

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Foto: Wolfgang Schnier

Die Enzyklopädien in der heutigen Form bildeten sich im 18. Jahrhundert heraus, als man noch voller Tatendrang und ohne Selbstzweifel im positivistischen Weltbild schwamm, wonach sich Alles und Jedes innerhalb und außerhalb unserer Welt in einer umfassenden Darstellung beschreiben ließe. Das war der Anspruch der ersten Enzyklopädisten, dem sie gewissenhaft versuchten nachzukommen. Somit drückt eine Enzyklopädie eine gewisse Geisteshaltung aus, nämlich die erstgenommene Annahme, dass sich alles Menschenwichtige in einer zusammenfassenden Darstellung wiederfinden lassen müsste. Das ist, wenn man einmal kurz darüber nachdenkt, der unbedingte Wille zur Naturbeherrschung, denn Wissen ist Macht. Es geht aber auch, und das werden die Enzyklopädisten eher als ihre Daseinsbegründung anführen,  um eine Katalogisierung des Wissens, ein zur Verfügung-Stellen des menschlichen Wissens.

Man kann nun vielerlei hochinteressante Dinge an einer Enzyklopädie wie dem Brockhaus beobachten, die ich hier nur kurz anreißen kann — es lohnt sich aber sehr, darüber selbst nachzudenken. Zum einen ist es nämlich so, dass der Brockhaus als gedrucktes Medium sozusagen einen Schnitt durch die  Zeit vornimmt: Zentrale Begriffe der westlichen Zivilisation werden in den unterschiedlichen Ausgaben im Neigungswinkel der jeweiligen Zeitumstände besprochen. Somit erhält man in historisierender Perspektive eine sehr gute Vorstellung davon, wie der Geist der jeweiligen Zeit verfasst war: Wenn ich zum Beispiel in meinem Brockhaus von 1936 den Punkt Antisemitismus nachschlage, bekomme ich einen sehr guten Eindruck über die ideologische Debatte dieser Zeit unter den Bedingungen einer möglichst wissenschaftlichen Darreichungsform. Schlage ich das Stichwort in früherer oder späterer Zeit nach, dann ergeben sich ganz andere Interpretationen und ein anderer Stand des Diskurses. Das gilt nun auch für viele andere Dinge: In älteren Ausgaben finde ich beispielsweise Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, deren Relevanz im Fluss der Zeit nachlässt und die später nicht mehr auftauchen. Wieder andere Persönlichkeiten erscheinen in einem anderen Lichte als zuvor und manch historische Persönlichkeit taucht erst in späteren Ausgaben auf und war den Zeitgenossen nahezu unbekannt. Dieser ‚Schnitt durch die Zeit‘ ist wichtig für das Selbstverständnis einer Gesellschaft, deren Welterklärungsmodell hauptsächlich über wissenschaftliche Herangehensweisen und Grundannahmen verhandelt wird. Das ist auch ein wichtiger Punkt, den diese gedruckten Enzyklopädien vor einer sich ständig aktualisierenden Enzyklopädie voraus haben, nämlich ihre Historizität.  Auf einer weiteren Ebene ist es nun interessant, verschiedene Enzyklopädien nebeneinander zu legen, etwa den Brockhaus mit der Encyclopaedia Britannica. Hier sieht man schnell, dass nicht nur eine unterschiedliche Herangehensweise in der Aufarbeitung des Wissens unterschiedliche Nuancen hervorbringt, sondern auch die unterschiedliche sprachliche und kulturelle Rückbindung differenzierte Darstellungen ermöglichen.

Der Brockhaus hat aber auch Schwächen. Zum Beispiel gelten die Artikel als nicht zitierfähig, da kein Verfasser angegeben wird. Außerdem gefällt mir die Einteilung der Britannica in Micropedia und Macropedia gut: Hier erhält man in der Micropedia stichwortartiges lexikographisches Wissen, während die Macropedia in langen Essays den aktuellen Stand der Forschung zum jeweiligen Gegenstand wiedergibt. Der Brockhaus hat sich ab der 19. Ausgabe mit Schlüsselbegriffen diesem Konzept ein wenig angenähert — einer meiner Lieblingseintragungen ist der Schlüsselbegriff zur ‚Zeit‘.

Wer also mal mit ein wenig Zeit im Gepäck in eine gut sortierte Bibliothek gelangt, der sollte einmal ein Stichwort in verschiedenen Enzyklopädien nachschlagen. Es lohnt sich!

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Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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