Im Internet findet man erfreulicherweise sehr viele interessante Interpretationen zu diesem Gedicht (1,2,3,4, um einige zu nennen) und es eignet sich meiner Meinung nach sehr gut im Unterricht. Und ich finde, es ist wichtig, mit diesem Weltschmerz-Text frühzeitig Kontakt aufzunehmen, weil man früher oder später in einer Situation des Lebens hier Wörter findet, die  — wenn auch nur für einen kurzen Moment im eigenen Leben — etwas ausdrücken, was man selbst nicht besser sagen könnte. Gedichte dehnen das Sagbare und das Denkbare immer über gewisse Grenzen hinaus. Manchmal sind es allgemein kulturelle Grenzen, die einen Schritt weiter gedehnt werden, aber allzuoft sind es individuelle und persönliche Grenzen, weil einem das Gedicht Wörter und Gedanken zur Hand gibt, die helfen, eine eigene Lebenssituation, einen eigenen Bewusssteinsstand oder eine eigene Ansicht über einen Gegenstand zu verstehen und zu artikulieren. Damit können Gedichte im ersten Sinne überholt sein (weil sie die kulturelle Grenze selten mehr als einmal in der gleichen Gesellschaft erweitern können), aber nicht in dem zweiten Verständnis, weil jeder Mensch einen eigenen, individuellen Zugang zu Gedichten finden muss, die dann seinen eigenen Horizont erweitern und seine eigenen Grenzen dehnen. Und jede Generation muss wieder selbst ihre Gedichte erkennen, lesen und beurteilen.

Aber ich finde es ist auch interessant, wenn man dieses Gedicht nicht nur für sich isoliert betrachtet, sondern es in Beziehung setzt zu einem anderen, vermutlich noch berühmteren Gedicht von Hesse, nämlich dem Gedicht Stufen.

Und gemäß dem, was ich eben geschrieben habe, dass wir einen individuellen Zugang zu Gedichten brauchen, um selbst zu einem eigenen Verständnis zu kommen, möchte ich auch nichts zu dieser Konstellation von Gedichten sagen. Vielleicht nur, dass es reizvoll sein kann, wenn man sich solche scheinbar unterschiedlichen Gedichte sucht und sie miteinander (oder gegeneinander) liest. Das kann man sicherlich nicht beliebig treiben, aber bei manchen Kombinationen und Konstellationen kommt man so zu neuen Begriffen — die Welt dehnt sich wieder ein Stückchen weiter!

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Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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5 Kommentare

  1. Danke für die beiden gut gelesenen Gedichte und die Gedanken zu einem Gedichtvergleich. Das erste, den Nebel, kannte ich noch nicht; das zweite, die „Stufen“, ist bekannt, und witzigerweise dachte ich gestern daran – ohne es aus dem Bücherschrank zu holen -, und wie ich mich versehe, ist es hier zu hören im Blog. So gibt es bei Hesse Vertrautes und neue Entdeckungen. Wohltuend.

    1. Ja, nicht wahr? Ich hatte ‚Im Nebel‘ irgendwann als Schüler mitbekommen, aber völlig vergessen und bin erst sehr viel später wieder darauf gestoßen. ‚Stufen‘ ist in dieser Version übrigens von Hesse selbst gelesen.

  2. Ja. das ist Kanon – inkl Nobelpreis – und mit jedem Lebensjahr, das sich zu mir gesellt, erstaune ich mehr darüber, wie voll der Kerl den Mund nimmt. Andererseits, zum Steinewerfen ist die Wand des Glashauses deutlich zu nah – und diese Splitter sind erstaunlich unangenehm ….

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