Kann man die Bibel anders lesen als theologisch, literaturwissenschaftlich oder religionssoziologisch? Akzeptiert man die grundlegende Prämisse, dass die Bibel von Menschen für Menschen geschrieben wurde, ergibt sich immerhin die theoretische Möglichkeit, dass man die Bibel auch anthropologisch liest. Was bedeutet das? Man kann die Bibel lesen als einen Reflex auf nicht hintergehbare menschliche Grundbestimmungen, die uns als Mensch ausmachen und definieren. Entstanden in vorwissenschaftlicher Zeit, kann man hier auf Papier gebannt ein unreflektiertes und nicht sich selbst hinterfragendes Nachdenken über die eigene Situation des Menschen als in die Welt geworfen nachspüren, das versucht, Erkärungen für Dinge zu geben, die tendenziell außerhalb der (damaligen und teilweise heutigen) menschlichen Erfahrungsmöglichkeit liegen. Aber ist das überhaupt sinnvoll? Ich habe zum Beispiel manchmal Probleme, wenn Leute psychologisch argumentieren statt politisch und versuchen, bestimmte politische Positionen aus der Psychologie abzuleiten (das Jahrtausend alte Patriachat präge die Frauen und die Männer auch heute noch in ihrem Denken und Handeln, hört man etwa manchmal. Ich finde das zu deterministisch und hätte gerne, dass man sich selbst mehr politischen Handlungsspielraum in seinen Positionen zutraut. Aber das nur am Rande). Daher war ich ein wenig skeptisch, ein Bücherwerk wie die Bibel auf eine ganz ähnliche Weise zu deuten. Allerdings ergibt sich aus diesem Ansatz auch ein gewisser Reiz, den man nicht von der Hand weisen kann.

978-3-498-06216-3 (1)
Buchcover: Rowohlt

Dabei ist die Grundannahme des Buches, der Ausgangspunkt ein wenig spekulativ und wird wohl auch eine umstrittene These bleiben müssen: Die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies, so die Autoren, sei ein Reflex auf den Übergang von der Jäger-und-Sammler-Gesellschaft zum Sesshaftwerden der Menschheit. Dabei ist die Argumentation an sich schon stichhaltig. Nach der letzten großen Eiszeit war im so genannten fruchtbaren Halbmond, also einem halbmondförmigen Bereich im heutigen Kurdistan zwischen Iran, Irak, Syrien und Israel, das Nahrungsangebot von Wildtieren so groß, dass der Mensch den Herden nicht mehr hinterherziehen musste, sondern sprichwörtlich vor der eigenen Haustüre jagen konnte. Als nach ein paar Generationen die Wildtierpopulation soweit zurückgegangen war, dass dies nicht mehr in der gleichen Form möglich war, hatten die damaligen kleinen Stammesverbände das Wissen verloren, das benötigt wurde, um umherzuziehen — Schrift gab es ja noch keine und somit auch keine Möglichkeit um das überflüssig gewordene Wissen über das Jagen und Sammeln zu bewahren. Der frühe Mensch sehnte sich nicht nur nach den scheinbar paradiesischen Zustände, als er bequem Nahrung im Überfluss zur Verfügung hatte, sondern musste aus der Not eine Tugend machen: Er war auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, sich in der neuen Situation zurecht zu finden, musste neue Nahrungsquellen erschließen und er musste das Trauma verarbeiten, das aus dem Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer und Viehzüchter resultierte. Dieses Trauma der neolithischen Revolution verarbeitete man, so die These des Buches, als die Vertreibung aus dem Paradies: „So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub mußt du zurück.“

Man könnte an dieser Stelle ein paar kritische Fragen stellen: Wieso trat die neolithische Revolution an mehreren Stellen auf, bei unterschiedlichen Bedingungen und unterschiedlichen Voraussetzungen? Sind Beobachtungen, die man an so genannten weitestgehend isolierten Naturvölkern gemacht hat, die heute noch als Jäger und Sammler leben, einfach übertragbar auf Jäger-und-Sammler-Kulturen von vor 10.000 Jahren? Und wieso hat das Trauma von der Vertreibung aus dem Paradies tausende von Jahren im kollektiven Unterbewusstsein bis zur Entdeckung der Schrift überlebt, wenn das konkrete Wissen um das Jagen und Sammeln bereits nach wenigen Generationen verloren gegangen sein sollte?

Dies sind Einwände, die kaum zur Sprache kommen und weder vernünftig belegt oder widerlegt werden können, weil die Quellenbasis schlicht nicht gegeben ist und wir auf archäologische Quellen angewiesen sind, deren Aussagekraft begrenzt ist. Somit ist das Buch eine einzige Spekulation, wenn auch eine klug argumentierende. Und es ist eine durchaus plausible und nachvollziehbare Argumentation, die ein ernsthafter Diskussionsbeitrag über die Grundlagen der Erzählungen der Bibel bereitstellt. Nicht zuletzt die gut fundierte Basis an Literatur, auf die Bezug genommen wird, ermöglicht eine Ausleuchtung von verschiedenen Perspektiven und bietet Antworten auf wichtige Fragen, die den teilweise völlig widersprüchlichen Bibeltext erklären hilft: Wieso gibt es einen Übergang von zunächst Naturgeistern über menschenähnliche Götterfiguren in einem polytheistischen Weltbild hin zu einem allmächtigen Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet? Wieso ist die Darstellung von Gott so unterschiedlich und widersprüchlich — nicht nur im Unterschied zwischen jüdischer Bibel und christlichen Texten, sondern auch innerhalb der jeweiligen Korpora? Wieso hat ausgerechnet Jahwe überlebt und nicht die anderen Regionalgötter in dem größeren geographischen Zusammenhang, die heute niemand mehr kennt außer den Altorientalisten? Die Antworten auf diese Fragen, die sehr überzeugend klingen, beantworten auch gleichzeitig die Frage, wieso das Christentum zu der wirkungsmächtigsten monotheistischen Religion der Welt werden konnte. Und da diese Antworten nicht theologisch gegeben werden, auch nicht in erster Linie religionssoziologisch, sondern anthropologisch, bekommt die Leserin/der Leser bei diesem Buch eine völlig neue und hochinteressante Perspektive auf das Buch der Bücher.

Kann man das Buch als gläubiger Mensch lesen? Ja, als ein aufgeklärter gläubiger Mensch hat man überhaupt keine Probleme mit dem Buch: Wenn das Buch den eigenen Glauben arg ins Wanken bringt, war es sowieso nicht weit her mit dem Glauben. Außerdem hilft die agnostische Perspektive der Autoren, die Tür in beide Richtungen offen zu halten, da weder unfair in die eine oder andere Richtung ausgeteilt wird, noch irgendeine Sichtweise aufgedrängt wird. Die einzige Bedingung scheint mir zu sein, dass man akzeptiert, dass die Bibel von Menschen für Menschen geschrieben wurde — aber wer das nicht kann, hat ohnehin andere Sorgen.


Carel van Schaik/Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Reinbek 2016 (Rowohlt) (Leseprobe), 576 Seiten, 24,95 €.
ISBN: 9783498062163

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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7 Kommentare

  1. ich bin ja völliger Laie, aber für mich war die Vertreibung aus dem Paradies das Gleichnis für das entstehen des Bewusstseins, aus mit dem Paradies, zum anderen , wie gesagt, es gab ja vorher polytheistische Religionen und da gab es immer eine Göttin als oberste Instanz, und mit Eva, der berühmte Apfel, ist die Schuld den Frauen gegeben, deswegen kann es auch ein Trick des Mannes sein, die Macht an sich zu reißen?

    1. Ja, das ist eine andere Interpretation, keine anthropologische. Sie ist bekannt und vielfach diskutiert – die anthropologische Sicht ist neu.
      Über das Patriachat und die Probleme, die sich daraus ergeben, wird in dem Buch auch nachgedacht. Das hat mich nicht immer überzeugt, weil es sehr spekulativ ist, aber es ist ein interessanter Aspekt, der da verhandelt wird.

  2. Die Bibel verrät rein gar nichts über die Evolution. Das Paradies mit der neolithischen Revolution in Verbindung zu bringen ist geradezu hanebüchend. Der Schlüssel zur Bibel bildet die Arche denn sie symbolisert den Bauplan einer neuen Gesellschaft. Dass sie auf dem Ararat verortet wurde, hatte ganz logische Gründe.

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