Es gibt viele Gründe, weshalb sich heute noch ein Blick in Kafkas Erzählungen und Romane lohnt — wie Kafka einem das eigene Unbehagen näher bringen kann, habe ich schon kurz angesprochen und daran würde ich nun gerne anknüpfen. Man stellte ja schon bereits fest, dass man bei Kafka über den Monopolkapitalismus mehr erfährt als in allen Büchern über Industrietrusts. Das liegt daran, weil Kafka die Perspektive verschiebt und das Individuum in den Blick nimmt. Kafkas Protagonisten sind zerrüttete Persönlichkeiten, die von den Zeitumständen, die sich ganz unterschiedlich manifestieren, gebrochen wurden. Kafkas Helden wissen davon aber noch nichts — anders als später bei Beckett —, und sie sind die hoffnungslos und entsetzten Getriebenen einer Welt, die man nicht mehr als Ganzes verstehen kann. Die Paradoxie der Welt setzt sich fort bis in Kafkas Gleichnis über Gleichnisse. Darin liegt jedoch auch ein Schlüssel für das Verständnis des Unverständlichen: Kafkas Erzählungen kann man in vielen Fällen keinen direkten Sinn abpressen, sie reißen abrupt ab oder verschließen sich einer direkten Überblendung eines hineininterpretierbaren Sinnzusammenhangs. Vieles lässt sich nicht in einem formal-logischen Verständnis verstehen. Und darin liegt letztlich ja auch der Reiz der Erzählungen.

Vielleicht ist das Unverständliche aber doch erklärbar. Kafka ist wie kaum ein anderer Autor ein Schriftsteller der klassischen Moderne. Ein Wesensmerkmal der Moderne ist der immer rasantere akzelerierende technische und soziale Wandel, der sich nicht mehr im Hinblick generationenübergreifender Zeitspannen vollzieht, sondern mittlerweile innerhalb einer Generation, wo sich Gewissheiten schneller gegenseitig ablösen als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Wissen und Gewissheiten sind unsicher und ständig im Fluss — das Lamentieren des ‚lebenslangen Lernens‘ hat hier den Ursprung genauso wie eine neue Unübersichtlichkeit im Bereich der Theorien, die versuchen, dies alles in den Blick zu nehmen, sich dabei gegenseitig widersprechen, widerlegen und sich einander immer schneller ablösen und somit auf theoretischer Ebene wiederholen, was sie als Gegenstand vorfinden. Die Welt der Moderne ist fragmentiert, sie ist zerrüttet, sie ist antagonistisch und ambivalent. Das widerspricht dem Geist, der geschult ist an der Aufklärung und der formalen Logik, es widerspricht den Kategorien, die man versucht an alles und jeden anzulegen — im Prinzip widerspricht die Moderne sich selbst, ganz ihrem Paradigma der antagonistischen Ambivalenz. Und mit diesem dialektischen Blick versteht man auf einmal Kafka, denn in seinen scheinbar unverständlichen Erzählungen reflektiert er diese Zerrüttung, diese widersprüchliche und sich selbst widersprechende Welt voller Gegensätze und sich immer schneller vollziehenden Wandels. Kafkas Helden sind die Getriebenen in dieser Welt, die sie nicht mehr als Ganzes verstehen können, an dem Versuch des Verstehens scheitern und mit der Welt und ihren neuen und unverständlichen Gesetzen scheitern.

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Foto: Myrabella (CC BY-SA 3.0)

Mit dem postmodernen Blick von heute scheint Kafka nichts Außergewöhnliches mehr erzählen zu können. Manchmal hört man, Kafka gebe einem das Gefühl des Verlierens, des Verlustes, der Niederlage und des Verloren-Seins. Ist es so weit hergeholt, in diesem Grundgefühl die Bestimmung vieler seiner Texte zu sehen? Es ist exakt das Lebensgefühl der Moderne, ein Hadern und Verzweifeln in einer Welt, in die man hinein geworfen wurde und die man nicht mehr als ein Ganzes verstehen kann. Heute haben wir Probleme, diesen Konflikt überhaupt zu verstehen, da das Unverständliche und das Fragmentierte unserer Zeit selbstverständlich geworden ist und zu unserem Lebensgefühl gehört. Die Suche nach einfachen Wahrheiten, seien es politische oder esoterische Wahrheiten und Phrasen, sind verzweifelter Ausdruck eines Lebens, das sich selbst und die Prozesse dahinter nicht mehr verstehen kann. Dadurch, dass wir aber das Streben nach Erklärung und Erkenntnis aufgeben, um die Welt zu verstehen, ohne Hoffnung zu haben, dass es uns eines Tages gelingen würde, verlieren wir jedoch die grundlegendste Fähigkeit, uns selbst mit der Welt in wechselseitiger Beziehung zu verstehen, um überhaupt noch Orientierung zu erlangen. Und genau dagegen rebellieren Kafkas Helden, die nicht verstehen können, aber verstehen wollen und die Texte, in denen sie leben, damit den Finger in die Wunde der Moderne legen. Gerade dadurch, dass sie uns vor Augen führen, dass man nicht mehr verstehen kann, lassen sie uns spüren, dass man den Anspruch nicht aufgeben darf. Dadurch ergibt sich eine Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die — gebrochen und fragmentiert — selbst ein Welterklärungsmodell darstellen kann.

Kafkas Texte sind wie ein Fuß in der Tür und wir sollten die Chance nutzen und versuchen, einen Blick dahinter zu erhaschen.


Coverbild: Gatowlion (CC BY-SA 2.0

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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6 Kommentare

  1. „Gerade dadurch, dass sie uns vor Augen führen, dass man nicht mehr verstehen kann, lassen sie uns spüren, dass man den Anspruch nicht aufgeben darf.“

    Ich möchte das Gegenteil behaupten: Gerade durch Kafkas Texte versteht man. Weil er, aus seinem Verständnis und Verstehen heraus überhaupt erst schrieb. Sie zeigen, dass man verstehen kann. Indem man zum Beispiel den Abstand zum Text (zur Situation) hält, den auch der Autor gehalten hat, als auch ganz hinein geht, was er ebenfalls gemacht hat, wodurch diese Mehrschichtigkeit in seinen Texten entsteht. Meines Erachtens sind Kafkas Texte an keine Zeit gebunden, sie sind zeitlos (wahr).

    1. Ja, ich sehe das ähnlich – den Satz, den du zitierst, bezieht sich aber nicht auf Kafkas Texte, sondern auf die (post-)moderne Welt, die man nicht mehr als Ganzes verstehen kann und worauf Kafka hinweist wie kaum ein anderer Autor.

  2. Kafka scheint mir heute in ähnlicher Weise Prototyp der Moderne wie Kierkegaard zu sein: Beide wagen den „Sprung“ – Kierkegaard in den Glauben, Kafka in die Gleichnisse. Insofern hat sich Kafka, was die Erkenntnis seiner Texte anbetrifft, „in die Büsche geschlagen“.

    1. Über diese Sprünge dachte ja Camus ausführlich nach. Über Kafka dachte er auch nach (im Anhang zum Mythos des Sisyphos), aber mir ist gerade entfallen, was er zu Kafka geschrieben hat.

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