Keine Regel ohne Ausnahme: Heute soll es in dieser Reihe nicht um ein Buch gehen, sondern um eine Kurzgeschichte. Von den deutschsprachigen Erzählungen gefällt mir kaum eine so gut wie die Spiegelgeschichte von Ilse Aichinger; selbst wenn ich kein Fan von Ranglisten bin, so muss ich doch sagen, dass mich manche Erzählungen einfach eher ansprechen als andere. Und neben den Erzählungen Kafkas, Anna Seghers Ausflug der toten Mädchen und Kleists Michael Kohlhaas ist es doch die Spiegelgeschichte, die ich für eine der gelungensten Erzählungen in deutscher Sprache halte. Ich las die Erzählung das erste Mal in der Schule und während ich die anderen Erzählungen, die auf dem Lehrplan standen, eher halbherzig las, sprang mich die Spiegelgeschichte regelrecht an — und ließ mich bis heute nicht mehr los.

Was ist nun das Faszinierende an der Kurzgeschichte? Das liegt zu einem großen Teil in ihrem Überraschungseffekt: Wer die Spiegelgeschichte noch nicht kennt, sollte sich schleunigst eine Anthologie mit der Erzählung ausleihen oder kaufen, um den Text selbst zu lesen. Es ist wie so oft, die Wucht des Textes lässt sich nicht durch einen anderen Text so recht vermitteln — sonst bräuchte es nur den zweiten Text und nicht den ersten. Daher ist ein Schreiben über einen anderen Text immer schwierig, weil durch die Reibungsverluste immer etwas verloren geht. Daher finde ich geht ein Nachdenken über Texte meist fehl, wenn man sie lediglich referiert und nacherzählt (das unterscheidet meiner Meinung nach auch gute von weniger guten Rezensionen). Aber das nur am Rande, ich denke, dass man die Faszination der Spiegelgeschichte nicht so recht vermitteln kann, und dass bei dem Versuch die Gefahr besteht, sie um das Wesentliche zu bringen, das sie ausmacht. Daher möchte ich lediglich diese knappen Hinweise geben für eine erste oder eine weitere Lektüre, die hilfreich für das Verständnis sein können.

Es besteht eine gravierende Diskrepanz zwischen Lesezeit und erzählter Zeit. Wenn man sich das vor Augen führt, dann hat man schon eine ganz gute Spur. Die Lesezeit beträgt wenige Minuten, die erzählte Zeit ein ganzes Leben. Man fragt sich: Wie sind hier auf so knappen Raum die Übergänge zwischen den einzelnen Lebensphasen? Literatur lebt zu einem großen Teil von den Übergängen einzelner Textpassagen — wenn man nicht bewusst bemerkt, wie man von A nach B geleitet wird, dann hat man — in diesem Aspekt — einen guten Text. Wenn man dann sogar Schwierigkeiten hat, bei einer Lektüre sich diese Übergänge bewusst zu machen und zu bemerken, dann hat man einen bemerkenswerten Text. Die Spiegelgeschichte geht an vielen Stellen noch einen Schritt weiter: Es gibt keine Übergänge wie man sie vielleicht aus anderen Texten kennt. Die Sätze der Kurzgeschichte reihen sich oft übergangslos aneinander. Dadurch erhält die Erzählung ein ganz eigenes Tempo: Auch das steckt schon in dem Titel drin, das nämlich nicht nur auf der Ebene des Inhaltes die Dinge gespiegelt sind, sondern auch auf der Formebene. Die erzählte Zeit umfasst ein ganzes Leben, durch das in einem langen Atemzug geführt wird; beinahe könnte man gehetzt sagen, aber es ist nicht atemlos. Aber das ist nicht das einzige, das gespiegelt wird. Das Wort selbst ist ja vieldeutig — man sollte darauf gefasst sein, dass man auf unterschiedlichen Ebenen mit den unterschiedlichen Bedeutungen konfrontiert wird.

Was noch? Die Geschichte erzählt das Leben eines Mädchens und bricht in den 1940er Jahren, als die Erzählung geschrieben wurde, an manchen Stellen mit dem Rollenverständnis von Mann und Frau. Auch hier spiegelt sich etwas. Und wenn man sich diesen Aspekt vor Augen hält, dann ist es, als schaue man in einen Spiegel, der weit entfernt in der Zeit steht: Ja, diese Probleme, wie sie in der Spiegelgeschichte angesprochen werden, gibt es heute in der Form nicht mehr. Aber dafür gibt es andere, auf die die Spiegelgeschichte hinweist und — achtung Kalauer — uns den Spiegel vorhält. Literatur ist immer Vermittlung von Realität, die indirekt auf Dinge hinweist, die die Gesellschaft nicht selbst beobachten kann. Das funktioniert in der gelungenen Literatur der Gegenwart, aber manchmal auch als ein ferner Spiegel, der uns helfen kann, gesellschaftliche, politische oder psychologische Probleme besser zu erkennen. Und auf all diesen Ebenen funktioniert die Spiegelgeschichte von Ilse Aichinger bis heute.

Alles in allem: Es lohnt sich, die Spiegelgeschichte wieder hervorzukramen!

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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