Ich glaube, Marcel Reich-Ranicki erwähnte es irgendwo, irgendwann: Seit Goethe hat kein Schriftsteller mehr in allen drei Großgattungen brilliert. Es gibt immer einzelne Inselbegabte, die Herausragendes in einem Gebiete leisten. Es gibt absolute Ausnahmen, die in zwei Gebieten in ihrer Generation unerreicht sind. Brecht ist so ein Beispiel, der große Dramatiker und Dichter. Aber selbst Thomas Mann, der beinahe zweimal den Literaturnobelpreis bekommen hätte, ist nur für seine Prosa bekannt. Er hat zwar auch Gedichte geschrieben, aber berühmt wurde er nicht mit ihnen. Im Gegenteil, in seinen Tagebüchern findet sich die lange und qualvolle Suche nach dem richtigen Wort dokumentiert, das ihm wohl nie so recht einfallen mochte. Und so sind auch seine Gedichte: Gezwungen, frei von Leichtigkeit. Oder nehmen wir Celan: Welch ein außergewöhnliches Talent! Er ist nach wie vor der unangefochtene Dichtermeister der deutschen Sprache nach 1945. Er hat ein seltsames und dunkles Prosastück geschrieben, das man kaum kennt und das auf den Leser zu gleichen Teilen wunderlich und verstörend wirkt. Was schreibt er da nur? Man wird nicht so recht schlau daraus.

So kann man beliebig durch die literarischen Epochen wandern, man wird niemanden finden, der gleichermaßen in allen drei Großkategorien zuhause war wie es Goethe gewesen ist. Das regte mich heute auf meinem Osterspaziergang zum Nachdenken an.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind in erster Linie die Ergebnisse der Gesellschaft, der sie entspringen. Man muss sie verstehen als ein soziales Wesen, als ein Resonanzkörper des Gesellschaftlichen, geprägt in ihrer Sozialisation und Produkt und Resultat aller gesellschaftlichen und kulturellen Einflüsse und Eindrücke, die sie aufgesaugt haben wie ein Schwamm. Daher ist es auch schwierig von einer poésie pure zu sprechen, denn jedes Wort des Dichters ist vermittelt durch die Gesellschaft, aus der es stammt (das ist auch der Grund, weshalb es so schwierig ist, hinter den Vorhang zu blicken, da das menschliche Wort immer nur ein menschliches, gebrochenes Wort ist). Nun, dies als Prämisse — bedeutet das nicht auch, dass dann eine Gesellschaft erst die Bedingungen und die Möglichkeiten bieten muss, um Schriftstellerinnen und Schriftstellern ein Arbeiten in einer, zwei oder drei Gattungen zu ermöglichen? Das fängt bei der Erziehung und den Reizen in der Kindheit an, geht über die Studienzeit bis zu den Bedingungen, unter denen Schriftsteller ihrer Arbeit nachgehen müssen.

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Foto: Wolfgang Schnier

„Kulturkritik kann aber nur darum so eindringlich der Kultur ihren Verfall als Verletzung der reinen Autonomie des Geistes, als Prostitution vorwerfen, weil eben Kultur selbst in der radikalen Trennung geistiger und körperlicher Arbeit entspringt und aus dieser Trennung, der Erbsünde gleichsam, ihre Kräfte zieht. […] Die athenische Antibanausie war beides: der dreiste Hochmut dessen, der sich die Hände nicht schmutzig macht, gegen den, von dessen Arbeit er lebt, und die Bewahrung des Bildes einer Existenz, die hinausweist über den Zwang, der hinter aller Arbeit steht.“

Wenn man nun also argumentieren würde, das (beginnende) Goldene Zeitalter des Bürgertums in der noch halbfeudalen Welt Goethes sei der einzige Nährboden gewesen, um ein Genie wie Goethe hervorzubringen, dann wäre das ein logischer Kurzschluss: Vielleicht sind alle anderen Epochen ebenso geeignet, nur der potentielle Goethe stirbt früh bei einem Unfall, verliebt sich zu unglücklich und schreibt kein Wort mehr oder wird Manager bei VW, weil er damit Geld verdienen kann, anders als mit dem Schreiben (und falls doch, weiß man es nicht vorher).

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Aber dennoch: es ist dann eben nicht von der Hand zu weisen, dass es ausgerechnet die Zeit um und nach der Französischen Revolution gewesen ist, in der die Bedingungen wohl so waren (und alle anderen Entscheidungen richtig getroffen wurden und alle Bedingungen und Prämissen günstig standen), dass Goethe fuhrwerken konnte wie er es tat. Daraus könnte man nun beliebige Schlüsse ziehen, an deren Verbreitung ich mich nicht unbedingt beteiligen möchte, da sie nicht nur hochgradig spekulativ wären, sondern auch voraussetzten, dass wir einen freien Willen in einer deterministischen Welt haben. Und spätestens hier fällt auf, wie Geschichte, Poetologie und Philosophie ineinander überlaufen und man Schwierigkeiten hat, das eine von dem anderen zu trennen.

Ich werde darüber noch ein wenig nachdenken — vielleicht bin ich ja beim nächsten Osterspaziergang ein wenig weiter in der Sache. Ich melde mich dann.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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8 Kommentare

  1. Hallo Wolfgang,
    interessante Gedanken. Vielen Dank für die Erwähnung von „poésie pure“. Diese Bezeichnung kannte ich bislang nicht. (Hab gleich mal weiter dazu recherchiert).
    Was mir nicht ganz einleuchtet (ich habe nur bis zum Gesellschaftsgedanken gelesen), ist, warum eine Gesellschaft angeblich irgendwas bereitstellen oder ermöglichen sollen könnte, damit ein Schriftsteller/in sich „vielseitiger“ betätigen können soll. Meint: Was hat die Gesellschaft mit meiner Vielfältigkeit zu tun? Ich sehe keine Notwendigkeit von Verpflichtung (die ich aus obigen Gedanken herauslese), seitens der Gesellschaft, genauso wenig eine Abhängigkeit zwischen Schriftsteller und Gesellschaft in Bezug auf seine Vielfältigkeit.
    Eine Frage: Was ist gemeint mit „menschliches, GEBROCHENES Wort“, wie Du im Text erwähnst. Was meint dieses „gebrochene“ hier?
    Ich hoffe, es ist okay, wenn ich ein paar kritische Gedanken zum Text da lasse.
    Schönen Ostermontag Dir! Liebe Grüße von der Beobachterin

    1. Nun, eine Gesellschaft stellt zum Beispiel ein gesellschaftliches Klima bereit, in der man aufwächst. Dieses Klima kann freundlich sein oder feindlich, ein Kind, ein Jugendlicher können gefordert und gefördert werden (oder eben nicht), der öffentliche Diskurs kann frei und unabhängig sein (oder eben nicht), und die Bedingungen, wie man seinen Lebensunterhalt erwerben muss, gehören ja auch irgendwie zum Gesellschaftlichen. Das sind durchaus Bedingungen, zu denen noch viel mehr gehören, als ich nun aufgezählt habe, die Rahmenbedingungen liefern, in denen sich ein Schriftsteller zwangsläufig wiederfindet.

      Zu dem ‚gebrochenen Wort‘ habe ich hier etwas geschrieben, vielleicht hilft das weiter.

      Danke für deine anregenden Fragen und Gedanken! 🙂

  2. Wie die Wolkenbeobachterin oben danke ich für die interessanten Gedanken. Bei mäßigem Wetter gestern und heute waren die Osterspaziergänge durchwachsen. Der Ostermarsch der Friedensbewegung heute war gleichwohl ermutigend und weiterführend. Beste Wünsche und Grüße

  3. ETA Hoffmann zählt wohl nicht mehr … aber wie wäre es mit F. Duerrenmatt? E Jelinek? Schon A Schmidt hat über das Hinscheiden des Universalgelehrten lamentiert um sich selbst als solcher zu outen … von Brechts wunderbaren Kurzgeschichten ganz zu schweigen (die wohl immer noch in den Mittelstufen kursieren). Nein, es geht wohl eher um Goethes Beziehungen zu den Reichen und Mächtigen, die sein Talent in den Vordergrund hievten. Imagefragen sind auch im Literatur- und Geistesbetrieb ausschlaggebend, wenn der Zeitgeist, wie Du es beschreibst, entsprechend sich Positionierenden in den Rücken weht. Da aber alle nun vom wiederkommenden Barock schwärmen (inkl der nationalstaatlichen Autokraten etc) müsste eigentlich ein guter Grund gelegt sein, dass auch die Gattungserneuerer (Cocteau, Wilson und ihre zeitgenössischen Counterparts) wieder „hoffähig“ werden ….

    1. Ich teile deine Kritik an Goethes Nähe zur Macht und was das für die Möglichkeiten bedeutete, die er als Schriftsteller dadurch gewonnen hat. Nichtsdestotrotz zögere ich, ob ich die von Dir Genannten an Goethe vorbei ziehen lassen würde – Jelinek vielleicht, aber da muss sich auch erst noch zeigen, ob sie in 20 oder 30 Jahren noch gelesen wird. Nicht nur gemessen am qualitativen Output, sondern auch in der über Jahrhunderte ungebrochenen Publikumsbegeisterung in allen drei Großgattungen (und noch darüber hinaus) sehe ich da kaum jemand anderen mit einem ähnlichen Profil.

      1. Na ja, „vorbeiziehen“ ist ein großes Wort …

        U Holbein hat in seinem „Narratorium“ einen sprachlich anregenden Blick auf die Ungesehenen, Kanonfernen und Ausgeflippten geworfen … und an Kanonmaßstäben gemessen kann wohl keiner das große G (das allerdings vom Schwager zu Lebzeiten verkaufstechnisch ausperformt wurde) links überholen, nicht mal ein Roadrunner wie Wieland 🙂

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