Ich glaube, es ist einmal Zeit für einen etwas ungewöhnlichen Klassiker. Ich bin mir sicher, dass Gerson Stern nicht unbedingt überall auf dem Leseradar auftaucht und seine Erzählung Auf drei Dingen steht die Welt wird vermutlich nicht überall im Bücherschrank stehen. Nichtsdestotrotz ist es ein interessantes Buch, wenn es auch schon aus berufenem Munde eher abfällig besprochen wurde. Ich finde es trotzdem reizvoll, sich das Buch einmal genauer anzusehen.

Es geht um das Leben eines jüdischen Mädchens in der Zeit der wirtschaftlichen Prosperität im deutschen Kaiserreich nach 1890. Die Eltern sind akkulturierte deutsche Juden, die an dem wirtschaftlichen Aufschwung und dem Wohlstand teilhaben. Im Laufe der Erzählung führt aber der Weg der Tochter weg von den Grundsätzen der Eltern wieder hinein in den Glauben und die jüdische Tradition. Dieses Spannungsverhältnis, das auch eine Generationenfrage ist, wird in Form eines Ideenromans erzählt; es gibt viele Dialoge zwischen den einzelnen Figuren, die idealtypisch verschiedene Strömungen des Judentums vertreten. Sie diskutieren, verhandeln und streiten untereinander um die Wahrheit, um den richtigen Weg, um das beste Leben, das richtige Leben. Man kann sich nun damit zufrieden geben, diese Zuordnungen gewissenhaft und akribisch vorzunehmen um zu sehen, welcher Charakter welche Strömung vertritt. Das ist auch eine lobenswerte Aufgabe: Man wird eine zutiefst pluralistische jüdische Kultur dokumentiert finden, die ihr Schicksal, die „Judenfrage“, die ihnen von der antisemitischen Mehrheitsgesellschaft aufoktroyiert wurde, ernst nimmt und nach Lösungen sucht. Der bleibende Wert dieses Romans ist die Dokumentation dieser Strömungen und plastische Darstellung in den einzelnen Figuren, wenngleich die Charaktere etwas hölzern und nicht immer sehr lebendig wirken.

Und was sind denn nun diese drei Dinge, auf denen die Welt ruht? Der Titel ist eine Anspielung auf die Tora, wo es in den Sprüchen der Väter heißt: „Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Tora, auf Gottesdienst und auf guten Taten.“ Gerson Stern war nun ein aufgeklärter Jude und Zionist, man könnte daher auch an Moses Mendelssohns Lebensmotto denken: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun – das ist die Bestimmung des Menschen.“ Auf den ersten drei metaphysischen Dingen steht das Tun, die Handlung — das ist ja die Welt, das Faktische — das Beste eben, was sich aus dem Metaphysischen ergeben kann und soll. Vielleicht ist das etwas konstruiert, aber es zeigt das Spannungsverhältnis des jüdischen Selbstverständnisses am Ende des 19. Jahrhunderts, welches die Debatte um eher metaphysische Dinge mit ganz konkreten faktischen Problemen konfrontiert. Und das war schon eine historische Betrachtung, da Gerson Sterns Erzählung zu den lange Zeit im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit gebliebenen Büchern gehört, die von Juden während der Nazizeit geschrieben und publiziert wurden. 1935 bedeutete das, dass das Buch in einem jüdischen Verlag erscheinen musste, explizit nur für ein jüdisches Publikum. 2003 kam dann eine Neuauflage im Carl Böschen Verlag heraus. Was im Subtext dieser Erzählung mitverhandelt wird: Wie beantwortet man die Dialektik zwischen Akkulturation, Antisemitismus und Zionismus? Führte die Akkulturation nicht erst zu dem massiven Antisemitismus — oder ist sie erst das Resultat des Antisemitismus gewesen? Und steht der Zionismus der Akkulturation diametral gegenüber und ist im Grunde Antwort auf den Antisemitismus? Oder schließen sich Akkulturation und Zionismus nicht aus und der Antisemitismus ist eigentlich keine Angelegenheit der jüdischen Community, sondern vielmehr der deutschen Gesellschaft insgesamt? Diese Fragen werden nicht in dem Buch beantwortet, aber doch angedeutet.

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Das Büchlein kann man durchaus wegen einiger Probleme kritisieren; die Figuren wirken manchmal etwas blass, die Dialoge zu glatt und zu gefeilt — so spricht kein Mensch —, und die Handlung wirkt hier und da leider ein wenig gekünstelt. Allerdings hat mir die Sprache und der Stil gefallen, gerade weil dieser nicht so aalglatt ist und die in der Hauptsache syntaktischen Sätze eine angenehme Abwechslung etwa zu einem Thomas Mann darstellen können. Mir gefällt jedenfalls diese Sprache, die zwar nüchtern und unaufgeregt erzählt, aber die Kanten und rauen Stellen wie ein Alp auf die würgenden Zeitumstände mit ihrer Ungewissheit und nahezu aussichtsloser Perspektive auf der Formebene hinweist. Nahezu aussichtslos: Gerson Stern war Zionist und siedelte mit viel Glück noch im März 1939 in das britische Mandatsgebiet und erlebte dort 1948 die Gründung des Staates Israel. In Jerusalem gehörte er zum Freundeskreis von Schalom Ben-Chorin und Else Lasker-Schüler, die sich ebenfalls nach Jerusalem in Sicherheit brachte.

Wieso ist das Buch ein Klassiker, das in keinem Kanon auftaucht, das vergessen wurde und tatsächlich einige Probleme hat und nicht unbedingt mit Büchern wie etwa von Joseph Roth mithalten kann? Nun, es ist ein Dokument einer untergegangenen Welt, eine Dokumentation jüdischer Debatte, die zwar schon unter Todesandrohung des Antisemitismus, der sich zu der Zeit bis in die Parteienlandschaft in den Antisemitenparteien manifestierte, aber doch noch ernsthaft und engagiert, und innerhalb der jüdischen Community im Deutschen Reich frei und offen stattfinden konnte. Darin liegt der bleibende Wert dieser Erzählung: Dokumentation und Zustandsbeschreibung einer intellektuellen Debatte, die in einer nun untergegangenen Welt ihren festen Platz hatte.

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Foto: Wolfgang Schnier

Gerson Stern: Auf drei Dingen steht die Welt. Erzählung. Siegen 2003, Carl Böschen Verlag
ISBN: 393221241X

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Danke für die eindrucksvolle Besprechung. Autor und Titel waren mir nicht bekannt. Ja, der zitierte Treitschke-Satz und seine weitere Verwendung ist mehr als ein Unglück.

    1. Er hat das Denken von mindestens zwei Generationen in Deutschland geprägt und den Antisemitismus salonfähig gemacht. Und heute gibt es immer noch Treischke-Strassen in Deutschland.

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