Als man vor rund 17 Jahren den Jahrtausendwechsel feierte, da feierte man implizit auch das Ende des kalendarischen 20. Jahrhunderts. Was hatte man sich in den 1990er Jahren alles einfallen lassen, um die Menschen bei Laune zu halten: Vom 2k-Bug bis hin zu legendären Silvesterpartys war alles dabei. Die 1990er sind sowieso ein ambivalentes Jahrzehnt gewesen und nicht allen Menschen ist eine Jahrhundertwende beschieden — und nur den allerwenigsten gar zwei. Aber man kann sich auch ein wenig trösten lassen: Der kalendarische Jahreswechsel hat nicht viel zu sagen und ist eher eine mehr oder weniger beliebige Ordnungsgröße, damit man überhaupt allgemeinverbindliche Anhaltspunkte hat. Daher ist es auch nicht unbedingt sinnvoll, an diesen runden Daten irgendwelche Dinge wie Epochen oder übergreifende historische Zusammenhänge festzumachen. Das muss man inhaltlich begründen, an Ereignissen und Entscheidungen, an Erfindungen und manchmal an Buchveröffentlichungen. So kann man etwa die Moderne mit dem Jahr 1492 beginnen lassen. In diesem Jahr wurden die sephardischen Juden aus Spanien vertrieben, und zwar unter anderem mit dem Argument der Limpieza de sangre, der Reinheit des Blutes. Dies waren protorassistische Argumentationsmuster, die erst viel später im 19. Jahrhundert pseudowissenschaftlich unterfüttert wurden. Und da wäre natürlich noch die Erfindung des Buchdrucks um 1440, was unvorhergesehene Folgen hatte: Nicht nur explodierten die Flugblätter, die Frühform der Presse, und revolutionierten die Art und Weise, wie Informationen verbreitet wurden, auch Romane hielten Einzug in immer mehr Häuser und bildeten maßgeblich die Schicht mit, die später als das (Bildungs-)bürgertum zum Sturm gegen den Adel anheben wird. Und nicht zu vergessen sind die Aushebungslisten, die die moderne Heerverwaltung erst ermöglichte und auch das Militär und damit die Kriegsorganisation maßgeblich revolutionierte. Aber das nur ganz kurz um zu verdeutlichen, dass diese Ereignisse selten zufällig in runde Jahre hineinfallen, sondern eben dann aufkommen, wenn ihre Zeit gekommen ist.

Das 19. Jahrhundert lässt die Geschichtswissenschaft für gewöhnlich mit dem Jahr 1789 beginnen. In diesem Jahr begann die Französische Revolution und bildet zusammen mit der Amerikanischen Revolution von 1776 die so genannte Atlantische Revolution und damit den Grundstein für die Welt, in der wir heute leben. Die Entdeckung der Universalität der Menschenrechte, Demokratie und die Freiheitsrechte fallen in diese Zeit und sind auch heute noch die maßgeblichen Ideen der westlichen Welt. Ja, ich weiß, diese Metaerzählungen, angefangen vom Gedanken der Aufklärung bis zur Demokratie haben in den Augen mancher Theoretiker an Überzeugungs- und Kohäsionskraft verloren. Dies ist Kritik an der Moderne und in der Tat hat die Moderne — und mit ihr auch die Aufklärung — die längste Zeit keine Selbstreflexion erlebt. Die setzte wirkungsmächtig erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein. Da die Aufklärung, und an ihrer Speerspitze stehen ja bekanntlich die modernen Naturwissenschaften als der szientifische Ausdruck der Rationalität, keine Selbsthinterfragung zulässt, steht sie mittlerweile im Verdacht, selbst zu einem Mythos zu werden, der ja auch ein Welterklärungsmodell gewesen ist, der keinen Widerspruch zulässt. Ich würde also, im Sinne der Aufklärung der Aufklärung, die Postmoderne als einen Teil der Moderne ansehen und nicht als eine eigenständige Großkategorie.

Nun, jedenfalls beginnt dieser unglaubliche Siegeszug im Jahr 1789 und endet mit dem Jahr 1917. Daher spricht man auch vom langen 19. Jahrhundert, das eben in seiner Gestalt sich etwas über die kalendarischen Ränder hinweg ausgedehnt hat: Das 19. Jahrhundert war das europäische Jahrhundert (und das bürgerliche Jahrhundert), die Politik der ganzen Welt wurde von Europa aus dominiert. Sei es die Strahlkraft der Ideen, die dazu führte, dass etwa das Rechtsystem in Südkorea sich heute noch an das deutsche Rechtssystem anlehnt, oder sei es das rassistische Sendungsbewusstsein des Imperialismus, das die Weltkarte unter den europäischen Mächten aufteilte. Natürlich sind das Dinge, die bereits vorher angelegt waren, etwa durch die Wiederentdeckung Amerikas durch Kolumbus, aber zu ihrer vollen Entfaltung kamen sie erst im langen 19. Jahrhundert. Und sie endeten im Jahr 1917, als das kurze 20. Jahrhundert begann.

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Wie man sich im Jahr 1900 das Jahr 2000 vorstellte

Wieso 1917? Es ist das Jahr, in dem Europa seine einstige Vormachtstellung und Vorrangstellung abgibt an die Peripherie. Die Aufklärung zeigte zum ersten Mal für alle sichtbar die Nachtseite: Erfindungen und Ergebnisse der Naturwissenschaften führten zum Luftkrieg und zum Senfgas, Der Erste Weltkrieg war der erste industrielle Krieg, in dem in dieser kurzen Zeit mehr Menschen ihr Leben verloren als jemals zuvor. Der Erste Weltkrieg war nicht nur der Beginn vom Ende des Britischen Empires und fegte alle anderen europäischen Großmächte hinfort, sondern die historische Aufmerksamkeit verlagerte sich an die Ränder Europas: In das Jahr 1917 fällt der Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg, die sich damit ihrer Kräfte und ihrer weltbedeutenden Verantwortung bewusst wurde. Aber das Jahr 1917 ist auch das Jahr der russischen Oktoberrevolution und damit der Beginn der ideologischen Blockkonfrontation zwischen dem Westen und dem Osten. Davon zehrte das ganze 20. Jahrhundert, und auch heute zittert die Welt angesichts dieser beiden Ereignisse nach. Mit dem Jahr 1917 beginnt also das kurze 20. Jahrhundert.

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Und wann hat es geendet? Viele Kommentatoren sahen das Ende mit dem Jahr 1989 gekommen. Sie haben ein nicht von der Hand zu weisendes Argument auf ihrer Seite: Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks in diesem Jahr endete die bipolare Welt, in der das 20. Jahrhundert aufgespannt war. Die Berliner Mauer fiel, ein Jahr später wurde Deutschland wiedervereint. In Moskau gibt’s McDonalds und die Liberalisierung, sprich Privatisierung, die Folgezeit machte so viele Russen zu Millionären und Milliardären wie kaum je zuvor. Aber stimmt das wirklich, Ende der Blockkonfrontation? In den letzten Jahren wird immer deutlicher, dass die Konfrontationen zumindest noch unterschwellig vorhanden sind. Und in der Welt von heute stellt sich die Frage, ob mit 9/11 die Welt nicht in die Phase der permanenten terroristischen Bedrohung eingetreten ist. Somit würde das 21. Jahrhundert am 11.9.2001 beginnen.

Wir sind noch viel zu nah an beiden Daten dran, sowohl an dem Jahr 1989 und erst Recht am Jahr 2001, um das entscheiden zu können. Lasst uns darüber in 100 Jahren befinden – in welcher Form auch immer. Ein Blick zurück ins Jahr 1917 zeigt, was darauf noch alles folgte. Was wir wohl noch erleben werden in dem aufbrechenden 21. Jahrhundert? Mag man es wirklich wissen? Vermutlich gilt auch hier das Bonmot von Kierkegaard: Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts. Das ist Fluch und Segen des Historikers.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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