Wir wissen ja, dass sich nicht nur die eigene Vergangenheit verändern kann, sondern erleben beinahe täglich in der Auseinandersetzung mit Menschen, dass sich ihre Welt anders darstellt als für uns selbst. Gibt es daher also verschiedene Welten? Vermutlich nicht, sondern schlicht verschiedene Interpretationen, also Weltsichten – und dadurch verschiedene und sich voneinander unterscheidende Wirklichkeiten. Das sind Narrative, die auf kollektiver Ebene Identitätskonstruktionen darstellen, wie etwa das Narrativ der Nation: Es ist unbestreitbar, dass hier die Interpretationen nicht nur zwischen Anhängern unterschiedlicher nationaler Konzepte erheblich voneinander divergieren (müssen), sondern auch die Interpretationen innerhalb eines Narrationskollektivs sind nicht homogen. Somit besteht immer eine Differenz zwischen Weltgehalt und Wirklichkeit.

Dieses Muster trifft nun auch auf individuelle Narrative zu. Man braucht für sein eigenes Selbstbild oftmals eine Interpretation der Wirklichkeit, die nicht nur von der Interpretation von anderen Menschen abweicht, sondern auch von der Welt selbst. Das fängt an bei so harmlosen Dingen wie den Erklärungsversuchen, weshalb die Sportmannschaft, an der man gerade Anteil nimmt, verloren oder gewonnen hat (was völlig unterschiedliche Interpretationen erfordert, je nach Wirklichkeitsbezug), über den legendären Auftritt von Schröder in der Elefantenrunde nach der verlorenen Wahl 2005, bis hin zum psychologisch auffälligen Phänomen der kognitiven Dissonanz. In den meisten Fällen sind diese Dinge heutzutage kein Problem mehr: Es gilt immer noch die Feststellung, dass demokratische Staaten keine Kriege gegeneinander führen, und innerhalb einer demokratisch verfassten Gesellschaft gibt es offene und freie Debatten, Minderheitenrechte und Interessensausgleich. Und auf der individuellen Ebene muss man bestimmte Narrative einfach respektieren, wenn sie erheblich zu dem jeweiligen Selbstbild dazugehören und man Gefahr läuft, Selbstbilder und mühsam aufgebaute Wirklichkeiten anzugreifen, wenn man auf einen von der jeweiligen Interpretation abweichenden Weltgehalt hinweist.

Foto: Weltgehalt, unterschiedlich zu Wirklichkeiten interpretiert

Das lässt sich nun auch etwas modifiziert auf Literatur übertragen. Interpretationen des Weltgehalts sind auch eine Weltaneignung, die vornehmlich durch die eigene Sozialisation und Kultur geprägt sind. Somit sind es oftmals die Außenseiter einer Gesellschaft, die dem Diskurs einer Gesellschaft entscheidende Impulse verleihen, wie etwa die poètes maudits von Baudelaire bis Patti Smith. Diese Interpretationen des Weltgehalts eröffnen neue Möglichkeiten der Wirklichkeit und verändern damit im besten Falle den Weltgehalt selbst. Sie öffnen die Diskurse und kanalisieren die Aufmerksamkeit. Der Blick nun auf diese Interpretationen des Weltgehalts, den man beim Lesen, Nachdenken und Kommunizieren über Literatur vornimmt, ist bereits die zweite Interpretation und nicht die erste und vornehmlichste, wie man es aus der Schule her erwarten würde. Der jeweils vorliegende Text ist bereits die erste Interpretation des Weltgehalts, unser Blick auf den Text somit eine Beobachtung zweiter Ordnung. Diese Beobachtungen zweiter Ordnung kann man nun ebenfalls gegenüber stellen, und sie helfen dabei mit, den Weltgehalt im Diskurs zu verändern. Wir können zum Beispiel Goethe zum tausendsten Male neu interpretieren und immer auf die jeweilige Zeit, die jeweiligen Zeitumstände und Lebensrealitäten beziehen. Das ist ein wesentlicher Zugriff auf Literatur, der, das wird sofort deutlich, nie abgeschlossen sein kann, solange es Leserinnen und Leser und somit Interpreten gibt:

 

Anders ausgedrückt: Der Weltgehalt wird vermittelt durch die kulturelle Konstruktion der unterschiedlichen Wirklichkeiten, die sich aus den unterschiedlichen Interpretationen der Welt ergeben.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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