Ob man dieses Buch bereits als einen Klassiker besprechen könnte? Letztens las ich in einem Fachaufsatz, dass noch fraglich sei, ob Paul Celan bereits zu den Klassikern gehören solle. Das Kriterium, an dem das festgemacht werden solle, kam mir etwas fadenscheinig vor, aber ein anderer Punkt trifft auf Sten Nadolny sicherlich noch mehr zu: Die Entdeckung der Langsamkeit gehört einfach noch zusehr dem Tagesgeschäft an, also unserer eigenen Gegenwart, sodass es uns nicht möglich ist, diese Frage zu entscheiden, da dafür ein gewisser zeitlicher Abstand benötigt wird. Aber genau das ist auch eine Chance: Wir können diesen zeitgenössischen Roman auf unser Tagesgeschäft, auf unsere eigene Gegenwart hin interpretieren. Dafür sind doch Bücher schließlich da!

In den 1980er Jahren stachen allerdings auch Bücher hervor, die nicht gerade mit einem unmittelbaren Gegenwartsbezug auffielen: Patrick Süskinds Parfüm oder Umberto Ecos Der Name der Rose  fallen da sofort ins Auge, aber auch Die Nebel von Avalon waren unheimlich populär. Und auch Nadolnys Die Entdeckung der Langsamkeit ist ja auf den ersten Blick ein historischer Roman und ohne direkten Gegenwartsbezug. Diese Bücher gab es allerdings auch: Vermutlich ein kompletter Jahrgang las Orwells 1984 als Pflichtlektüre, Haffners Anmerkungen zu Hitler erschienen zwar bereits 1978, aber strahlten doch die gesamten 1980er Jahre hindurch, und Günter Wallfraff lief zu Hochtouren auf. Isabell Allendes Geisterhaus verarbeitete den Putsch gegen die demokratische Regierung von Salvador Allende in Chile und schnitt damit — rückblickend gesehen — die Frage an, ob sich der Westen nicht zu Tode gesiegt hat.

Aber genau das ist die Spur, die man bei Nadolnys Buch braucht, weil es über den engen historischen Rahmen hinaus weist (hier gibt es nochmal einen kurzen Überblick über die Handlung).

Die Entdeckung der Langsamkeit vermittelt eine Weltsicht, die eine beißende Kritik an der vorherrschenden neoliberalen Ideologie darstellt: Höher, schneller, weiter, alle Lebensbereiche unter die Frage der Ökonomisierung stellen — bis hin zum Schlaf —, die Befreiung der Ökonomie statt die Befreiung des Menschen, das Primat des Menschen als Kunde und nicht als Individuum,  und eine Umkehrung der Bezüge, wonach der Mensch der Wirtschaft diene und nicht umgekehrt, das sind in groben  Zügen Grundsätze und Ergebnisse des Neoliberalismus, wie er sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat und auch zur traurigen Deformation zwischenmenschlicher Beziehungen führt. Dazu passt niemand, der dann mal zehn Jahre lang an einem Gedanken nachdenkt, der wie John Franklin diesem durchrationalisierten Leben in einem Zeitraffer nicht folgen kann, weil er eine ganz andere Wahrnehmung von Zeitlichkeit hat. Er widerspricht diesem Zeitgeist mit seiner Biographie und seinem Habitus. Er zeigt alternative Wege auf und bricht mit Erwartungsmustern und öffnet damit Möglichkeitsentwürfe, die quer liegen gegen den neoliberalen Zeitgeist. Heute wird allen Ernstes diskutiert, ob Börsencomputer gekaufte Aktien mindestens eine Sekunde lang halten müssen, bevor sie sie weiterverkaufen dürfen. Diese Forderung wurde brüsk zurückgewiesen, da dies dem Börsengeschäft, der Volkswirtschaft schaden würde. In Zeiten, in denen ein optimierter Lebenslauf nur noch ein achtjähriges Gymnasium vorsieht, die Studienzeiten verkürzt werden sollen, damit man noch früher dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, mit einem stromlinienförmigen Denken mit möglichst wenig Kanten und Ecken, wirkt die Entdeckung der Langsamkeit wie ein Antidot und vermittelt einen Wert an sich: Widerstand gegen die verhärteten Verhältnisse, unter denen die Menschen leben müssen. Das ist hochpolitisch und vielleicht ist Nadolny damit aktueller denn je.

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Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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10 Kommentare

  1. Neben Süßkinds „Geschichte von Herrn Sommer“ hat das Werk (das stärker ist als vieles andere vom selben Autor ) trotz einiger inhaltlichen Inkohärenzen sicher erhöhte Aufmerksamkeit und eine Anwärterposition auf den Klassikerstatus verdient.

  2. Danke, lieber Wolfgang, fuer diese Rezension hier. Und auch fuer das grossartige Bild dieses alten Seglers. Eine gute Illustration zum Thema „Langsamkeit“. So etwas habe ich vor Jahren auf einer Bootstour durch England mit einem Narrowboat erlebt: ganz erstaunlich, wie man sich da wohlfuehlen kann, wenn es nur ganz langsam durch die Landschaft geht.
    Hab‘ einen feinen Sonntag,
    Pit

    1. Lieber Pit, danke für das Lob! Ich habe übrigens dem Support Bescheid gegeben, es ist mir ein Rätsel, weshalb dein Kommentar bei den Spams landete, da du ja hier schon öfters ohne jegliche Probleme kommentiert hast. Vielleicht finden die Jungs und Mädels vom Support noch etwas!
      Dir auch noch einen schönen Sonntag!

      1. Nachdem meine erste Antwort [per Mozilla Firefox] nicht durchgekommen ist, probiere ich es jetzt einmal mit dem MS IE. Manchmal ist die Geschichte naemlich browserbedingt.
        Also: danke, dass Du mich aus dem Spam gefischt hast!

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