Vielleicht ist es verrückt: Wenn man eigentlich ganz andere Dinge zu tun hätte, die über Wohl und Wehe zu entscheiden hätten, dann sind es vermeintlich die nebensächlichen, kleinen Dinge, die einen auf das zurückwerfen, was wir lange vernachlässigen und mit uns mitschleppen wie einen sechsten Zeh am linken Fuß, eine nässende und sich nie schließende offene Wunde am Rücken oder ein anderes dieser Dämonenmale, die wir vor der Welt und vor uns selbst verstecken und die uns separieren von Mensch zu Mensch.

Stille. Eine Ruhe, als wären die ersten drei Sätze in Beethovens Neunter nur ungeduldige Ouvertüre, als dauerte Papagenos Zögern vor dem Galgen bis zu diesem Augenblicke an, in dem die Ruhe einsetzte und die Anspannung übergeht in einen Blick in den Kosmos, von dem einst nichts mehr übrig sein wird als eine einzige Galaxie. Mahlers Fünfte hat diese Ruhe kurz vor dem Scherzo der zweiten Abteilung. Das Universum expandiert ins Unendliche und unser Blick kann dem irgendwann nicht mehr folgen, weil der Raum sich schneller ausdehnt als das Licht. Die Stille begleitet mich fortan, auch weil Papagena keine Macht mehr über mich hat. Das Universum wird zu unserer Galaxie, weiter geht zukünftig nicht mehr unser Horizont. Wird das nicht vorweggenommen in der Kopernikanischen Wende und dem Verlust des Metaphysischen? Als hätte Nietzsche nie über Wagner geschrieben hört man Mahlers Fünfte.

Das ist kosmische Einsamkeit. Und eine Ruhe, die von Papagenos Zögern nichts mehr weiß. Und Mahlers Fünfte atmet diese Einsamkeit im Moll. Im Angesicht der Ewigkeit: Ruhe. Stille.

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Foto: ESO/Yuri Beletsky (CC-BY 4.0)

Wenn man also über Jahre diesen Lärm in den Knochen spürt, am Ende nicht mehr Freund von Feind unterscheiden kann und selbst die ersten Takte von Chopins revolutionären Etüde nicht mehr erkennt, weil es doch verboten ward, dann war der Lärm in den Knochen und im Geist zu weit gegangen.

Wie kam es nun dazu? Der junge Mensch ist noch sensibler als der alte Romantiker. Fahren ihm stundenlang Maschinen tief in den Kiefer, dann lässt ihn das so schnell nicht mehr alleine. Der junge und mittlere Mensch sehnt sich aber nach Einsamkeit und ist lernfähig: Fernhalten vor Dingen, die einem Knochen und Seele zermahlen könnten. Und so kommt eins  zum anderen, das Universum dehnt sich schneller aus als das Licht, der Horizont schmilzt auf einen Punkt dahin, der gefangen hält, was gefangen gehört.

Ist einem eigentlich schon einmal aufgefallen, dass es in der Zauberflöte um die Freiheit geht? Papageno sucht sie ebenso wie sie Sarastro die seine erhalten möchte, die Königin der Nacht ist auf ihrer Spur ebenso wie Pamina, die sich von ihren Fesseln befreien möchte. Und irgendwie scheitern alle bei der Suche nach der Freiheit. Aber davon weiß weder Papageno noch Pamina etwas und es bedarf bei Mozart  noch des Mystischen, um zu erklären, was heute die Kulturindustrie als ihr Ureigenstes feilbietet. Das ist sublimierter Lärm projiziert auf die verwesende Aura der kulturindustriellen Kunstwerke, die heute von dem Verlust zeugen, den sie der Welt geschlagen hat.

Wenn man sich nun also auf den Weg macht, um diesem Lärm Einhalt zu gebieten, da hilft auch keine Zauberflöte mehr. Die inneren Dämonen knechten einen mehr als die äußeren Fesseln der Welt, die zwar schlecht, aber seit Kant und Schiller kalkulierbar geworden ist, im Guten wie im Schlechten. Das weiß man zwar nun auch seit Freud, was ja dann auch bekanntlich die Moderne in eine erste Krise stürzte, die nicht mehr als eine dunkle Vorahnung der tatsächlichen war. Der Abgrund lag im Weg wie eine Falle. Wer etwas über seine eigenen Dämonen erfahren möchte, der lese Kafka, so sagen sie. Aber das ist eine Floskel, die weder den Hörnern gerecht werden, die die Seele aufspießen, noch Kafka Gerechtigkeit zukommen lassen, dessen Wert man zwar durchaus in der Beschreibung der eigenen Abgründe suchen kann, dessen Sprache doch darüber hinaus geht. Wer etwas über die eigenen Dämonen erfahren möchte, der versuche, den flüchtenden und immer kleiner werdenden Kosmos in Mahlers Fünften zu finden, die eigene Freiheit in der Zauberflöte. Man wird feststellen: Man kann es nicht. Und das ist die Spur, die in konzentrischen Bahnen letztlich immer und immer wieder auf sich selbst verweist.

Wenn das Universum sich einmal so weit ausgedehnt hat, dass der Kosmos nur noch unsere eigene Galaxie umfassen wird, dann wird es keinerlei Beweise und Anzeichen davon mehr geben, dass es einmal anders gewesen ist. Fast hätte ich diese Einsamkeit mit der Stille verglichen, aber die Stille weiß um den Lärm, ebenso wie der Schatten ein Relief bildet, um den die Lichtphotonen sich gruppieren. Papageno wird es am Ende wissen. Wen kann man nun mehr beneiden? Den heutigen Betrachter, dem das Universum noch nicht groß genug geworden ist und er deshalb die Ewigkeit ermessen kann? Oder denjenigen, dem eine Galaxie einst genügen wird? Papageno weiß davon nichts. Wieso sagt es ihm niemand? Wäre der Lauf der Welt auch nur einen Deut anders verlaufen, hätte Beethoven nicht die Neunte geschrieben, hätte Mozart sein Requiem beendet oder Max Brod den Wunsch seines Freundes entsprochen? Ja, ich denke schon. Die Probe aufs Exempel ist Emile Zola und Baudelaire, Patti Smith und Chopins Revolutionsetüde, dessen erste Takte die Erkennungszeichen des polnischen Widerstands war. Kulturelle Identitätskonstruktionen wirken nur, wenn sie exkludieren: Und sei es in kosmischer Einsamkeit angesichts der Ewigkeit.

So ist nun also die Stille wirklich aus der Wirklichkeit ver-rückt: Ausgangspunkt waren einst die Maschinen, die sich tief in den Kiefer gruben und Knochen mahlten. Dreißig Jahre später kann ich mich diesem Dämonen stellen. Vielleicht heilt Zeit doch die Wunden, die einst ins Mark der Seele geschlagen wurden. Ist man deshalb eigentlich mit der Zeit weniger sensibel geworden? Wer nicht den jahrelangen Lärm ertragen musste, wird vermutlich nicht ermessen können, wie sich Mahlers Fünfte in völliger Stille anhört. Mir ist, als nähme diese Stille kosmische Geschichte vorweg.

Den eigenen Dämonen muss man sich stellen. Einem nach dem anderen. Ich mache langsame Fortschritte. Das Leben ist ein Sein zum Werden.

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Geschrieben von Wolfgang Schnier

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