Ich weiß, es ist mitten im Sommer, aber egal wie lange er dauert, danach fängt das Wintersemester wieder an und traditionell ist dies in den meisten Fällen das Semester des Studienbeginns. Die Abiturienten, denen erzählt wird, dass ihnen nun die Welt zu Füßen liege, gehen mal mit stolzgeschwellter Brust, mal etwas ahnungslos in ihr erstes Semester. Das war früher natürlich nicht anders und das ist auch gut so, weil es eine gewisse Neugier und damit Offenheit bewahrt. Was sich aber ein wenig geändert hat, das ist die Fähigkeit des Systems, Studienwechsler adäquat und diskriminierungsfrei ihr Fach finden zu lassen, das zu ihnen passt. Studienberatung ist seit jeher wichtig für die Wahl des Studienfachs, aber mir scheint, viele Studienanfänger informieren sich immer mehr online über ihr zukünftiges Studienfach. Ich bin darauf gestoßen, weil ich mich auch einmal auf das neue Semester vorbereiten wollte und auf gut Glück nach „Germanistik“ auf youtube gesucht habe – ein ähnliches Experiment hatte ich mal mit „Hitler“ versucht (und der Tagesspiegel rauft sich auch schon die Haare). Jedenfalls scheint es mir, dass nicht wenige junge Menschen sich heutzutage auf youtube und anderen Kanälen über ihr Studienfach informieren. Und wieso auch nicht, liegt es doch näher an ihrer Lebenswelt als ein Buch darüber zu lesen oder sich das Gerede eines alten saturierten Professors anzuhören.  Nunja, trotzdem versuche ich mal als alter Sack ein paar Worte zu dem Thema zu schreiben, vielleicht findet sich ja ein oder eine Unentschlossene oder Interessierte über Google hier ein. Ich weiß, ein youtubevideo dazu zu erstellen und dem ganzen Meinen und Fühlen etwas entgegenzusetzen wäre konsequenter. Aber das gibt es natürlich auch alles schon, vielleicht kommt es auch einfach darauf an, einen gewissen quantitativen Druck zu machen.

Die Frage, was germanistische Literaturwissenschaft ist, fängt sehr oft mit der Frage an, was eigentlich Literatur ist. Heute versteht man Literaturwissenschaft als eine Kulturwissenschaft, die die Texte in ihrem Umfeld betrachtet. Dadurch rücken auch die Kontexte in den Blickpunkt: Diese können mit geschichtswissenschaftlichen, kunstgeschichtlichen, soziologischen, theologischen, philosophischen und weiteren Zugängen verknüpft werden. Damit steht der Text nicht losgelöst in Zeit und Raum, sondern situiert sich in seinem Kontext. „Literatur“ meint daher nicht mehr nur „Belletristik“, sondern im Prinzip kann alles (kultureller) Text und Kontext sein. Damit möchte ich nicht sagen, dass es nicht um Bücher ginge, ganz im Gegenteil, vom Barock bis zur Popliteratur des 21. Jahrhunderts steht natürlich alles auf dem Speiseplan, was man in die Finger bekommen kann. Einige Beispiele gefällig? Man kann sich etwa fragen, in welchem Verhältnis das Konzept des Weltgebäudes, welches als Kosmologie in der frühen Aufklärung wichtige Leitwissenschaft gewesen ist und bei Autoren wie Kant, Fontenelle, Gottsched oder Humboldt eine zentrale Bedeutung einnahm, mit Autoren wie Jean Paul, Schiller oder Goethe steht. Oder: Wie verliefen die Debatten um die so genannte Vergangenheitsbewältigung nach 1945 in der Bonner Republik und wie unterscheiden sie sich von denen in der Berliner Republik? Dabei rücken dann solche Debatten in den Vordergrund wie die Walser-Bubis-Debatte, das Diktum Adornos oder die Auseinandersetzung mit der Serie Holocaust Ende der 1970er Jahre. Noch ein Beispiel gefällig? Wie lässt sich die Kultur der Weimarer Republik beschreiben: Befreiungsschlag vom Kaiserreich und erste freie Demokratie in Deutschland, oder Vorgeschichte zum „Dritten Reich“? Oder: Wie lässt sich das zu ganz unterschiedlichen Zeiten und in ganz unterschiedlicher Konstellation auftretende Motiv der weiblichen Wasserleiche in den jeweiligen Kontexten und Konstellationen beschreiben? Das kann man aus einer Genderperspektive tun, man kann es auch aus einer literaturhistorischen Perspektive angehen. Noch ein Beispiel: Was ist Kritik? Wie manifestiert und situiert sich Kritik, welche gesellschaftliche Funktion hat sie und wie verstehen sie unterschiedliche Philosophen? Auch ganz klassisch: Wie lassen sich unterschiedliche Schriftstellerinnen und Schriftsteller vergleichen? Kundera und Goethe vielleicht? Oder Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger? Oder Gerson Stern und Joseph Roth? Auch beliebt sind Detailstudien, wie etwa die Bedeutung des Niederdeutschen im Werk von Uwe Johnson. Aber auch Fragen etwa die Kinder- und Jugendbuchliteratur betreffend – Wie setzt man Kinderbücher im Unterricht ein, welche Klischees werden tradiert oder gebrochen – gehören zu den Fragen, die die Literaturwissenschaft bearbeitet. Noch ein letztes Beispiel: Wie lässt sich der Holocaust darstellen, literarisch, filmisch, multimedial? Damit ist auch angedeutet, dass die Grenzen oftmals fließend sind, wo etwa Germanistik aufhört und Film- und Medienwissenschaften, Kulturwissenschaften und Philosophie anfangen.

Zugegeben, diese Beispiele sind jetzt weit von dem entfernt, was einem im ersten Semester erwarten wird. Aber ich wollte einmal kurz skizzieren, wohin die Reise eines Tages gehen kann. In den ersten Semestern geht es darum, und es tut mir ein wenig leid das so deutlich sagen zu müssen, erst einmal Lesen und Schreiben zu lernen. Damit meine ich nicht (nur) die etwas eingeschränkten Fähigkeiten, mit denen manche Schülerinnen und Schüler heute mit Abitur von der Schule entlassen werden, sondern vielmehr, dass wissenschaftliches Lesen und wissenschaftliches Schreiben nochmal ganz eigener Fähigkeiten bedarf. Es gibt beim Schreiben gewisse Regeln, die man beachten muss (Fußnoten! Literaturverzeichnis! Zitate! Gliederung! Logischer Aufbau! Argumentation!) und das Lesen muss effektiver werden (Skimming! Exzerpieren!). Diese beiden Fähigkeiten müssen en passant das gesamte Bachelorstudium trainiert und ausgebaut werden.

Außerdem geht es ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr nur um reine Wissensvermittlung. Je höher das Semester und je mehr man sich eine fachlich solide Basis mit grundlegendem Wissen aufgebaut hat, desto mehr treten andere Dinge in den Vordergrund. Diese lassen sich auf zwei Punkte zusammenziehen: Fragen und Fragestellungen entwickeln und Thesen formulieren. Und darauf läuft das Lesen-und-Schreiben-Lernen auch hinaus: Man lernt, Probleme nicht nur zu identifizieren, sondern wahrzunehmen, bevor es jemand anderes tut, man lernt, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und zu erklären und man lernt, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und ein Problem mit verschiedenen Herangehensweisen anzugehen. Im besten Falle macht das Studium der Germanistik gedanklich flexibel, oder, wie es der französische Schriftsteller Francis Picabia formuliert hat: Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.

Bücher
Foto: Wolfgang Schnier

Damit ist auch schon skizziert, was ein Studium der Germanistik nicht ist: Es ist keine Berufsausbildung. Am Ende des Studiums gibt es keinen exakt darauf passenden Beruf, der wie Schloss-Schlüssel passen würde. Und selbst das Berufsziel „Deutschlehrer“ geht nicht deckungsgleich mit dem Germanistikstudium auf, da zumindest noch die Erziehungswissenschaft mitläuft (und man später feststellt, dass man eher einen Sack Flöhe hüten muss, dem man irgendwie die Begeisterung an Sprache und Literatur vermitteln soll). Man sollte also nicht nur gedanklich flexibel werden, sondern auch in der späteren Berufswahl flexibel sein. Das ist kein Nachteil, sondern ein großer Vorteil: Die Bandbreite und die Einsatzmöglichkeiten könnten kaum vielfältiger sein. Während man mit einem anderen Studium oder einer Berufsausbildung eine klar umrissene Tätigkeit hat, aus der man auch nicht mehr so schnell ausbrechen kann und höchstens technische Entwicklungen Neuerungen mit sich bringen, stehen Germanisten von der Lehrtätigkeit an der Uni und der Schule über Stellen bei Verlagen und PR-Abteilungen in Firmen jeglicher Branche und Größe bis zur Selbstständigkeit als Lektor, Unternehmensberater oder Journalist viele Bereiche offen (Theaterkritiker, Dramaturg, Schriftsteller, Dozent in der Erwachsenenbildung, Übersetzer oder Archivar nicht zu vergessen!).

Für wen ist das Studium der Germanistik nichts? Oftmals wird angeführt, die Germanistik sei ein sehr theoretisches Fach. Da werden nicht nur viele Linguisten widersprechen. Aber eine gewisse Affinität zum theoretischen Arbeiten braucht man schon. Wer sich schon vor Beginn seines Studiums Gedanken darüber macht, wozu er das Studium später einmal brauchen könnte, sich Gedanken um Karriere und Einkommen macht, der sollte sich im Kapitalismus vielleicht nicht gerade eine Geisteswissenschaft aussuchen (man kann sich aber nie zu früh Gedanken über den Sinn des Lebens machen!) Und auch die Fähigkeit, unfallfrei drei Sätze am Stück zu formulieren, ist kein sicheres Indiz (auch wenn es sehr nützlich ist. Aber das ist es immer), sondern schon eher eine Liebe und Sehnsucht nach Literatur, Büchern und neuen Gedanken. Und woran merkt man das? Wer etwa beim Lesen eines längst verstorbenen Autors denkt: ‚Das trifft genau das, was ich denke, aber ich hätte es nie so formulieren können!‘, dann ist das schonmal ein gutes Zeichen. Und wer sich einmal tief in eine Autorin oder Autoren hineinvergraben hat und erst nach einem halben Jahr wieder aufschaute, um zu sehen, wo die Welt sich denn momentan eigentlich befindet und was so um einen herum passiert ist, dann ist das ein untrügliches Indiz.

Zum Schluss vielleicht noch ein Punkt: „Was ist Germanistik“ steht in der Überschrift, damit Du den Artikel hier auch finden konntest, weil ich vermute, dass Du nicht nach „Was ist germanistische Literaturwissenschaft“ gegoogelt hast. Man verzeihe mir, dass ich weder eine linguistische noch eine sprachgeschichtliche Perspektive vorgestellt habe. Kollegen, bitte übernehmen Sie!


Coverbild: Dan Smith (CC BY-SA 2.0)

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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