Aleppo gehört zu den Städten in Syrien, die in den letzten Jahren im Brennpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stand  — zusammen mit Kobane wurde Aleppo zum Symbol einer gescheiterten westlichen Politik, die sich ihrer Verantwortung nicht bewusst wurde und es zuließ, das am Ende Russland noch Öl ins Feuer goss und die demokratischen Kräfte, die, die der Westen eigentlich unterstützen sollte, unter dem Deckmantel der ‚Terrorbekämpfung‘ dem Erdboden gleichmachte. Am Anfang der schriftlich überlieferten europäischen Zivilisation stand die Zerstörung einer Stadt in Vorderasien — wenn man so wie ich den Westen mitsamt seinen Werten und Überzeugungen, seinen Errungenschaften und seinem demokratisch-liberalen Selbstverständnis im freien Fall sieht, so sieht man im Vorbeiflug hier und da Wasserstandsmarker, die anzeigen, wo man sich gerade auf dem Weg nach unten befindet. Trump ist Amerikas Caligula, der Brexit Ergebnis des jahrzehntelangen neoliberalen Extremismus und die sich daraus ergebene Frustration, die sich nicht anders entladen kann, als den Weg in den Abgrund noch zu beschleunigen. Der Klimawandel und die Ausbeutung der Dritten Welt hängen in vielfältiger Art zusammen, und das intellektuelle Niveau der Kulturrelativisten spiegelt sich in der Frage, ob man Toiletten nach Mekka ausrichten darf oder nicht. Dazu kommt das Versagen des Westens und vor allem der Obamaadministration im arabischen Frühling, als man eine Chance nach der anderen verstreichen ließ, um die Klerikalfaschisten in Teheran und den Mordbrenner in Syrien wegzufegen und demokratische Strukturen aufzubauen. Sicher, es wäre ein Höllenritt geworden — aber waren die demokratischen Prozesse im Westen nicht immer auch ein Höllenritt gewesen? Aber gut, geschenkt, Politik gerinnt zu Geschichte und die wiederholt sich bekanntlich, nämlich einmal als Tragödie und einmal als Farce. Wenn man Demokratie, Menschenrechte und Rechtstaat nicht zu den Menschen im Nahen Osten bringt, sondern nur falsche Versprechen von Freiheit in Form von Pepsi oder Coke, zwischen denen man wählen kann, dann kommen eben die Menschen zu uns in den Westen. Dieser These musste man vor sieben Jahren vielleicht nicht zustimmen, mittlerweile wurde sie aber von der Wirklichkeit eingeholt: Es kommen nicht einige wenige in das Gelobte Land Europa, es kommt jeder, der noch bei Verstand und bei Kräften ist, den Weg auf sich zu nehmen. Das ist die Dialektik zwischen verweigerter Demokratie, liberaler Partizipation, außenpolitischem Versagen und Flucht und Vertreibung. Apropos Flucht. Es gibt ein neues Lied von Kettcar, das eindrücklich daran erinnert, was das Thema Flucht mit der jüngsten deutschen Geschichte zu tun hat.

Aber das nur nebenbei. Eigentlich geht es mir ja um diesen Reisebericht von dem Syrer Hanna Diyab, der aus Aleppo stammt und über das Mittelmeer nach Europa und Paris reiste. Und nicht flüchtete.

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Foto: Wolfgang Schnier

Es ist der Reisebericht, wie ihn Hanna Diyab Jahre nach seiner Rückkehr verfasst hat — im 18. Jahrhundert. Es ist folgende Geschichte: Ein Beauftragter des französischen Königshofes, also von Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, reist durch den Nahen Osten und kauft und sucht für seinen Auftraggeber nach wertvollen antiken Gegenständen. Genaugenommen ist er eine Art offizieller Grabräuber, der sich durch geschickten Einsatz von Bestechungsgeldern und Einflussnahme seines Ranges Zugang zu allerlei Relikten verschafft, dessen Wert er fachmännisch abschätzt und, so die Einschätzung von Hanna Diyab, großartige Schätze für den Sultan von Frankreich akquiriert. Auf diesem Beutezug läuft ihm zufällig Hanna Diyab über den Weg, der gerade dabei ist, von seinem Entschluss, Mönch zu werden, wieder abzurücken und etwas ziellos durch die Gegend stolpert. Ganz so flapsig stellt sich Hanna selbst nicht vor, aber so ungefähr muss man sich das wohl vorstellen. Und da Hanna Diyab nicht nur Christ ist und Lesen und Schreiben kann, sondern auch Französisch spricht, wird er von Frankreichs offiziellem Grabräuber als Übersetzer, Dienstbote und Gehilfe angeheuert und mit dem Versprechen gelockt, später in Paris eine wichtige Position am Königshof einzunehmen. Hanna Diyab stimmt zu, lässt sich seine Kleider schicken, die er braucht, um am französischen Königshof als ein authentischer Syrer durchzugehen, und zieht mit seinem Chef von Syrien über Ägypten, Zypern, Tunis nach Liverno und schließlich nach Paris. Er schildert in einer sehr erfrischenden Sprache all die wunderlichen Dinge, die ihm auf der Reise begegnen (Seeräuber! Hungersnot! Heiße Quellen! Wüstenspringmäuse! Biblische Relikte! Seenot auf dem Mittelmeer!) und man kommt sich fast vor wie in einer Geschichte von Tausendundeiner Nacht. Und, in der Tat, Hanna Diyab gehört zu diesem Teil der Weltliteratur, denn in Paris erzählt er dem Gelehrten Antoine Galland einige der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht:

Ein alter Mann besuchte uns des Öfteren, er las gut Arabisch und übersetzte Bücher aus dieser Sprache ins Französische. In dieser Zeit übersetzte er unter anderem die Geschichten von ‚Tausendundeiner Nacht‘. Dieser Mann suchte meine Hilfe zu einigen Punkten, die er nicht verstand und die ich ihm erklärte. Es fehlten im Buch, das er übersetzte, einige Nächte, und ich erzählte ihm daher die Geschichten, die ich kannte. Er konnte sein Buch mit diesen Geschichten ergänzen und war sehr zufrieden mit mir.

So entsteht also Weltliteratur. Hanna Diayb erzählte Antoine Galland unter anderem die Geschichte von Aladin und die Wunderlampe und von Ali Baba und die vierzig Räuber. Hochinteressant ist hier die Transformation von Narrativen von einer Kultur zur nächsten — kaum eine Märchensammlung hat unser westliches Bild vom Orient so stark geprägt wie die Geschichten von Tausendundeiner Nacht. Und diese Geschichten kommen gerade zur rechten Zeit: Die Zeit der Aufklärung dämmert bereits am Horizont, John Locke, auf dessen Liberalismus sich die westlichen Staaten heute (noch) gründen, ist gerade erst gestorben; nach Ludwig XIV. kommt nur noch einer, der das Ancient Regime in seiner vollen Pracht verkörperte, denn schon der nächste,  Ludwig XVI., starb 1793 durch die Guillotine, als Friedrich Schiller die Französische Revolution wegen ihrer unmenschlichen Brutalität schon als gescheitert ansah. Aber das nur nebenbei, die Prozesse in der Moderne akzelerieren nur allmählich, das heißt, die Entwicklungen liefen damals noch in einer anderen Amplitude als sie das heute tun. Und so kann man diese Zeit des 18. Jahrhunderts ideengeschichtlich schon als eine Umbruchphase sehen, an dessen Ende die großen Revolutionen stattfanden. Und genau in dieser Zeit werden nun die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht einem europäischen Publikum präsentiert und werden schlagartig in ganz Europa populär. Eine Gesellschaft kann sich nicht selbst beobachten, sie benötigt dafür die Literatur, und so helfen kulturtransformatorische Narrative bei der Konstitution einer eigenen Identität: Um eine Vorstellung von sich selbst zu bekommen, braucht der Westen einen Begriff von Orient und Okzident, von Identität und Alterität. Diese kulturelle Identitätskonstruktion findet auch später noch bei Goethe statt, wenn er im west-östlichen Diwan über das Verhältnis von Ost und West nachdenkt. Die Geschichten von Tausendundeiner Nacht halfen und helfen damit zur Konstitution eines Selbstbildes, das sich erst in Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Nichtidentischen, herausbilden kann.

Und so stehen am Anfang der westlichen Welt, wie wir sie heute kennen, der liberalen, aufgeklärten, demokratischen Welt, Geschichten aus Aleppo, der Stadt also, der 2015 niemand zur Hilfe kam. Stéphane Charbonnier, Chefredakteur und Zeichner bei Charlie Hebdo, der am 7. Januar 2015 von Islamisten ermordet wurde, schrieb ein Jahr zuvor:

Je ne suis pas kurde, je ne connais pas un mot de kurde, je serais incapable de citer un nom d’auteur kurde. La culture kurde m’est totalement étrangère. Ah, si ! il m’est arrivé de manger kurde… Passons. Aujourd’hui, je suis kurde. Je pense kurde, je parle kurde, je chante kurde, je pleure kurde. Les Kurdes assiégés en Syrie ne sont pas des Kurdes, ils sont l’humanité qui  résiste aux ténèbres. Ils défendent leur vie, leur famille, leur pays, mais qu’ils le veuillent ou non, ils représentent le seul rempart contre l’avancée de l’“État islamique”. Ils nous défendent tous, non pas contre un islam fantasmé que ne représentent pas les terroristes de Daech, mais contre le gangstérisme le plus barbare. Comment la prétendue coalition contre les égorgeurs serait-elle crédible, alors que, pour des  raisons différentes, beaucoup de ses membres ont partagé avec eux (et partagent encore pour certains) des intérêts stratégiques, politiques, économiques? Contre le cynisme et la mort, aujourd’hui, il y a le peuple kurde.

Hanna Diyab schreibt seinen Reisebericht rund 50 Jahre später auf, als er längst nach Aleppo zurückgekehrt ist und als Tuchhändler sein Auskommen bestreitet, da sich die Versprechen seines Grabräuber-Chefs als leere Versprechen entpuppt haben. Aber er ist ein begnadeter Erzähler, dessen Talent man heute erst so recht überblicken kann. Sein Reisebericht, der 1993 eher zufällig in den Vatikanischen Archiven entdeckt wurde, ist leider leicht beschädigt und nicht ganz vollständig erhalten, ein Teil des Anfangs fehlt.

Sein Bild von Europa, vom Sultan von Frankreich, der Gesellschaft am Vorabend der Moderne, hilft uns heute, uns selbst zu verstehen, wenn wir durch die Augen des Außenseiters auf die eigene Gesellschaft blicken. Das ist hochinteressant und sehr angenehm zu lesen. Und hier wird sozusagen die Geschichte der Geschichten erzählt, wie ein Teil unseres europäischen Selbstverständnisses aus Aleppo zu uns kam.

Heute hilft Hanna Diyab mit seinem Bericht also wieder einmal beim Beobachten, wir können den Finger in die Wunde legen, die Aleppo und Kobane heißen und uns fragen, was denn eigentlich schief gelaufen ist in den letzten zwanzig, dreißig Jahren. Und so wird dieser Reisebericht von Aleppo nach Paris aus dem 18. Jahrhundert auch irgendwie zu einem dieser Wasserstandsmarker.


Hanna Diyab: „Von Aleppo nach Paris“. Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV. Aus der französischen Übertragung übersetzt von Gennaro Ghiradelli. Berlin 2016. 491 Seiten, 42 Euro.
ISBN: 9783847703785

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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5 Kommentare

  1. Danke für die Empfehlung und die Buchbesprechung. Zu diesem arabischen Blick fällt mir ein:
    Rifa’a al-Tahtawi, Ein Muslim entdeckt Europa. Bericht über seinen Aufenthalt in Paris 1826 – 1831, Übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Karl Stowasser, Verlag C. H. Beck, München 1989, 339 Seiten.
    Tahtawi reiste als Imam und geistlicher Betreuer der ersten organisierten ägyptischen Studienmission nach Paris. Im Bericht schildert er die Umstände der Reise, Gesellschaft und Politik in Paris und Frankreich, Unterricht und Wissenschaften sowie die Juli-Revolution von 1830.

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