Jedenfalls ist es so, daß die Jugend unserer Zeit, die sich global informiert dünkt und darum die Informiertheit an die Stelle des perhorreszierten Begriffs geistiger Reife und Lebenserfahrung gesetzt hat, noch in der Bestreitung des Monopolkapitalismus diesem tributär bleibt. Der Intellektuelle kauft, wie sein geistig geringer bemittelter Nachbar die vielgespielte Schallplatte, nicht eigentlich Ideen auf dem Markte, sondern ein Vokabular. Er redet Slang, ob Marx-Slang oder Lévi-Strauss-Slang gilt gleichviel. Er glaubt, daß er reflektiere. Freilich doch, man kann es sagen: er reflektiert, strahlt genau das zurück, womit man ihn anleuchtet. Je fester die Hochburgen der Monopole stehen, desto rigider, wenn auch zugleich zur Wandlung disponibler wird der Zeitgeist.

Jean Améry: Unmeisterliche Wanderjahre, S. 200.

Améry kritisiert einige Seiten später Noam Chomsky — und man hat auf einmal das Gefühl, dass dieses Buch von 1971 wirklich geradezu in die Gegenwart hineinreicht. Was Améry hier Marx-Slang und Lévi-Strauss-Slang nennt, würde man heute als Namedropping bezeichnen, den Monopolkapitalismus vermutlich Neoliberalismus nennen und was perhorreszieren bedeutet, lässt sich heute unauffälliger recherchieren als vor zwanzig Jahren herausfinden zu müssen, was Attitüde heißt. Die Schallplatte ist auch wieder in Mode und das Reifezeugnis sagt heutzutage weder etwas über geistige Reife noch über die Lebenserfahrung aus, oder allenfalls dergestalt, dass unter Umständen das Potential bestünde, sich diese Dinge demnächst anzueignen.

Wer noch eine Sommerlochlektüre sucht: Bitteschön!

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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5 Kommentare

  1. „When a person believes one thing but chooses or is forced to advocate its opposite, the result is cognitive dissonance.“ Hier, aus Antwortgründen, zitiert nach Varoufakis, Adults in the room. Ich glaube, dass das Zitat, das Du ansprichst, mehr mit der Verarbeitung kognitiver Dissonanzen zu tun hat, als vordergründig aufleuchtet. Es ist tatsächlich eine Aufgabe der Jugend (weshalb Du wohl diesen Bezug gesetzt hast), diese zunächst einmal überhaupt der bewussten Wahrnehmung zugänglich zu machen und in (Sprach-)Modellen vorläufig zu bändigen. Aber, wie Du richtig andeutetest, bedarf es Personen vom Kaliber Amérys, die eigentlichen, gesellschaftlichen Verarbeitungsprozesse anzukurbeln, falls ihnen jemand zuhört, bzw. zuhören will. Das aber ist in informationell-übersatten Zeiten nicht ganz so einfach … danke daher für das Setzen des Anstoßsteines!

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