Wenn es einen Autor aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt, der heute unterhalb des Radars der öffentlichen Aufmerksamkeit fliegt, dann ist das Walter Kempowski. Und auch seine zwei Hauptwerke, die Deutsche Chronik und das Echolot, finden außerhalb von akademischen Debatten heute kaum noch Beachtung. Und auf einen solchen Satz muss natürlich die Entgegnung folgen: Aber das zu unrecht. Was die Deutsche Chronik auch heute noch so lesenswert macht, das ist der Stil, der Kempowski-Sound, der unverwechselbar ist. Und der kommt in Tadellöser & Wolff voll zur Geltung.

In dem Buch geht es um autobiographische Erinnerungen von Kempowski in der Zeit zwischen 1938 und 1945 und ist der vierte Teil der Familienchronik. Im Laufe der Zeit sind viele Kriegserinnerungen zusammengekommen und vor einigen Jahren waren die Familienromane wieder voll en vogue. Und während ich das hier schreibe, halte ich kurz inne, um zu recherchieren, welche Bücher das überhaupt waren. Viel kommt bei der Recherche nicht heraus, weil diese Bücher auch schon wieder verblasst sind und der Hype wieder vorbei ist. Und so recht lässt sich das auch nicht mehr recherchieren, diese Schwemme von vor 10 oder 15 Jahren. Aber das zeigt eigentlich, wie die Deutsche Chronik und darin vor allem Tadellöser & Wolff herausragt. Wenn von den ganzen Familienchroniken aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bleibt, dann die von Kempowski. Der Stil wird oft beschrieben als reduktionistisch, als verkürzend und collagenhaft. Dadurch wird eine ganz eigentümliche Mischung aus Unmittelbarkeit, Unreflektiertheit und Naivität konstruiert — und das wird bis auf die Spitze getrieben: Einem kurzen Zeitungsbericht sei zu vernehmen gewesen, dass „in Auschwitz, bei Kattowitz, da habe sich auf der Straße ein blutiges Ehedrama abgespielt.“ Ist das verharmlosend? Ja, wäre es, wenn es nicht im Kontext des Romans und dieser konstruierten Unreflektiertheit stünde.

Dann dämpfte man die Stimme und schaute sich um. Im Nachbarrevier habe man KZ-Häftlinge arbeiten sehen. ‚Fahren Sie schnell weiter‘, habe der SS-Mann gesagt. Die hätten böse ausgesehen. Schlimm. ‚Konzertlager‘, wurde gesagt, und: ‚Das rächt sich.‘ Aber bloß den Mund halten – ‚Junge, hörst du?‘  – Herr Hitler müsse es ja wissen.

Was damit zum Ausdruck kommt, ist eine fast schon unglaubwürdige Naivität. Der Vater ist erfolgreicher Geschäftsmann — kann man wirklich so erfolgreich sein, wenn man ungebildet ist, nichts sehen und hören möchte und lediglich im Besitz einer instrumentellen Vernunft ist? Tja. Das ist die Frage, die sich dieser Tage auch wieder irgendwie stellt, nicht wahr. (Außerdem und nebenbei: Die Nachricht hat es tatsächlich gegeben)

Somit zeichnet Tadellöser & Wolff ein sehr interessantes Bild der Kriegszeit in einer privilegierten Familie aus einer kindlichen und jugendlichen Perspektive. Einmal wird der Erzähler aufs Land geschickt und verbringt auf einem Landschloss beim Adel ein paar Wochen und ist zumindest für diese Zeit vor den Luftangriffen in Rostock und Hamburg sicher. Dort stellt er den Mädchen nach und hört sich die seltsamen Reden der untergegangenen Welt an. Danach bekommt er seinen Belegschein, dass er harten Landdienst absolviert habe und fährt zurück. Das ist schon interessant zu sehen, wie, aus Kempowski-Perspektive, diese Gesellschaft auf dem Landschloss beschrieben wird. Kriegsnot? Die kommt auf, wenn in Rostock die Bomben vom Himmel fallen und man in lauter Eile nicht mehr die Plattensammlung in den Bunker bekommt. Apropos Plattensammlung: Kempowski gehört zur Swing-Jugend, die darauf bestanden, ihre normale Pubertät in Form des Rebellierens auch in der Nazizeit auszuleben. Somit stand diese Jugendkultur in Opposition zum Naziregime, und das ist ja schonmal was. Umso interessanter werden die Kontraste zwischen dieser Swing-Jugend-Perspektive und der allseits vorherrschenden Verblendung in der Familie und im weiteren Umkreis. Und hier wird der Konstruktionscharakter des Buches offenbar, weil diese Gegensätzlichkeiten so hart gegeneinander formuliert und konstruiert werden. Also ist es eigentlich keine Chronik, sondern tatsächlich ein Familienroman. Wer den Kempowski-Sound noch nicht kennt, der sollte da einmal hineinschauen. Er ist unverwechselbar und mir fällt auf Anhieb kein Autor, keine Autorin ein, mit dem ich ihn vergleichen könnte. Arno Schmidt vielleicht? Ich weiß nicht.

Übrigens erscheint die Deutsche Chronik zur Zeit in einer wilden Reihenfolge bei Penguin.

swing


Walter Kempowski: Tadellöser & Wolff. München 2016, 10,- €
ISBN: 978-3-328-10074-4

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Es ist diese Naivität, die „uns“ provoziert, hier, wie auch in den wirklichen Erzählungen …
    ich danke dir
    herzlichst
    Ulli

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