Ich glaube, ich werde einmal eine kleine Reihe starten, in der ich unregelmäßig ganz unterschiedliche Aspekte beleuchte, die einem bei der Beschäftigung mit dem Begriff der Freiheit kommen. Es gibt in der Geistesgeschichte der Moderne kaum einen Begriff, der ebenso schillernd ist, aber auch gleichzeitig kaum einen, der in gleichem Maße vielschichtig und polyvalent wäre. Was man unter Freiheit versteht oder verstehen kann, das ist Gegenstand ehrwürdiger Diskussionen in so ziemlich jeder geisteswissenschaftlichen Disziplin und auch mittlerweile eine Frage der Neurophilosophie.  Überhaupt, in der Philosophie gibt es vier sich mehr oder weniger gegenseitig ausschließende und sich gegenüberstehende Positionen, ob es einen freien Willen gibt. Das ist, um das einmal anzudeuten, die Frage, ob wir in einer physikalisch determinierten Welt leben, in der jeder Reaktion eine andere Aktion voraus geht, und ob damit ein freier Wille kompatibel ist. Das ist eine Frage, die man sich vermutlich früher oder später irgendwie stellt, wenn man sich mit dem Thema Freiheit beschäftigt. Ich persönlich denke, dass wir in einer determinierten Welt leben, aber trotzdem einen freien Willen haben. Vielleicht komme ich darauf später noch einmal genauer zurück.

Letztlich zeigt das aber, dass die Freiheit fragmentiert ist, nicht nur, weil man zu ganz unterschiedlichen Zeiten etwas ganz unterschiedliches darunter verstand, sondern auch, dass man heute beinahe so viele Zugänge zur Freiheit haben kann, wie es Menschen gibt. Man wird kaum zwei Menschen finden, die einen allumfassenden Freiheitsbegriff haben, geschweige denn, sich in allen politischen, sozialen, metaphysischen und individuellen Implikationen einig wären (oder sich darüber selbst einmal gründlich Rechenschaft abgelegt hätten).

Dieser individueller Zugang ist aber bereits Ergebnis freiheitlich-demokratischer, also westlicher, Geistesgeschichte: In varietate concordia — das gilt nur unter freiheitlicher Prämisse. Östliche Philosophien und Gesellschaften haben ganz andere Zugänge zu der Frage was Freiheit bedeutet und es gibt ja auch die These, dass die Entdeckung des Individuums, wie es Borkenau nachzeichnet, erst die Voraussetzung gewesen ist, für die Entdeckung der universalen Menschenrechte und damit eben auch die Frage nach Freiheit wieder ganz neu akzentuiert werden konnte.

Die Geschichte der westlichen Moderne seit 1492 kann man erzählen als eine Geschichte der Freiheit, die dann in dialektischen Bewegungen erst einmal eine Geschichte der Unfreiheit ist: 1492 ist der Beginn der Moderne, weil in diesem Jahr in Spanien mit dem so genannten Alhambra-Edikt die sephardischen Juden mit einem protorassistischen Konzept vertrieben wurden: Der Reinheit des Blutes. Die Moderne ausgerechnet bei einem Rückgriff auf protorassistische Welterklärungsmuster beginnen zu lassen, ist pessimistisch und setzt sich dem Vorwurf aus, die gesamte Geschichte der Judenverfolgung als Vorgeschichte der Shoah zu sehen. Das stimmt allerdings nur, wenn man dies als eine alleinige Geschichte der Juden ansehen würde — darüberhinaus bin ich der Meinung, dass dies nicht so sehr die Geschichte der Juden ist, sondern die Geschichte der Mehrheitsgesellschaft, die sich mit diesen protorassistischen Argumenten ein Selbstverständnis gegeben hat. Allerdings ist damit auch schon ausgeleuchtet, wo die Grenzen der Freiheit verlaufen: Nämlich in totalitären, manichäistischen Weltbildern, wie es der Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne gewesen ist und auch nach wie vor leider wirkungsmächtig geblieben ist.

Soweit einmal meine einleitenden Gedanken, die ich dieser losen Reihe einmal voranstellen möchte. Anlass darüber nachzudenken war eine Stelle bei Peter Weiss, dessen Ästhetik des Widerstands ich wieder ausgekramt habe, da ich es damals als junger Student gelesen hatte, als ich kaum in der Lage gewesen bin, das Buch zu verstehen. Dort findet sich folgende Passage:

 

Eurystheus, sein Vetter, rezitierte, mit weinerlicher Stimme, Gedichte, und spielte dazu, falsch, die Leier, Herakles aber zog Linos, dem Lehrer, der seinem Schüler weismachen wollte, die einzige Freiheit, die es gäbe, sei die Freiheit der Kunst, den Hut so hart über die Augen, daß ihm das Nasenbein brach, und als der Magister weiterhin behauptete, die Kunst sei zu allen Zeiten unabhängig von den jeweiligen Wirrnissen zu genießen, steckte er ihn kopfüber in die Jauchegrube und ertränkte ihn, zum Beweis, daß waffenlose Schöngeistigkeit einfachster Gewalt nicht standhalten kann.

Der Geist leugnet seine Grenzen, die ihm die Physis aufzeigt. Und der Körper wird mit dieser Machtdemonstration kaum das Reich der geistigen Freiheit aufhalten oder auch nur erahnen. Wenn man am ästhetischen, philosophischen Diskurs teilnimmt, erlangt man Zugang zu einer Freiheit, die unabhängig vom Körper ist — gleichzeitig ist dieser Zugang aber endlich, nämlich determiniert durchs Körperliche. Diese Dialektik ist altbekannt und mündete schonmal in dem letztlich geistfeindlichen Kalauer „In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist“, den, wenn ich mich nicht irre, die Nazis als Argument nahmen, ein Primat des Körperlichen zu postulieren und in einem Zirkelschluss von einem in ihrem Sinne nicht gesunden Körper auf einen nicht gesunden Geist zu schließen, womit Nonkonformität mit der Naziideologie gemeint war. Aber davon einmal ab, es scheint doch auf eine Ausschließlichkeit hinauszulaufen: Körperliche Freiheit versus geistige Freiheit. Gibt es also so etwas wie eine Freiheitskonkurrenz, bei der man sich letzlich entscheiden muss?

Es gibt nun Leute wie Gumbrecht, die meinen, dass in der Geistesgeschichte der Moderne eben diese Körperlichkeit in den Hintergrund getreten ist und sich daraus auch die momentane Krise in der Welt erklären lässt. Wie er das genau meint, wird man wohl demnächst in seinem neuen Buch nachlesen können, von dem man hört, dass es sein opus magnum werden könnte. Wie dem auch sei, man wird letztlich nicht aus dieser Dialektik herauskommen und individuell entscheiden müssen, welche Schwerpunkte oder welchen Neigungen man denn nun in welchem Lebensabschnitt nachgehen möchte.

Persönliche Freiheit könnte dann auch bedeuten, dass man sich selbst zugesteht, diese Frage immer wieder neu zu stellen, oder, anders gesagt, sie in unterschiedlichen Lebensabschnitten anders zu beantworten.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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