Das erste Buch, das ich von Stefan Zweig gelesen habe, war entweder seine Sternstunden der Menschheit oder sein großartiges Buch über Marie Antoinette. Die Schachnovelle kannte ich schon, aber irgendwie liegt die Stärke von Stefan Zweig auf diesen historischen Betrachtungen: Ähnlich wie Sebastian Haffner, ist doch das historische Sujet das Gebiet, auf dem Zweig brilliert wie sonst niemand, Haffner eingeschlossen.

Das liegt nun an einem interessanten Detail: Zweig schreibt nicht mit einem wissenschaftlichen Anspruch, hat aber trotzdem den Ehrgeiz, zu erzählen, wie es eigentlich gewesen ist. Und dann kommt das ins Spiel, was unwissenschaftlich ist, nämlich Emphatie, weil das nicht intersubjektiv nachprüfbar ist und die Darstellung, so plausibel sie uns erscheint, immer Fiktion ist. Das sollte man also nicht vergessen, wenn man Stefan Zweig liest; für Haffner gilt das zu einem gewissen Grade auch, allerdings nicht in gleichem Maße wie für Zweig.

Allerdings gewinnt man durch diese Entscheidung unheimlich viel, nämlich: Lesbarkeit. Wenn man ein begnadeter Geschichtenerzähler und Geschichtserzähler ist, dann wird einem eher zugehört als einem staubtrockenen Historiker, der dazu noch schlecht schreibt. Das wirft man ja auch den deutschen Historikern ein wenig vor, dass sie, anders als ihre angelsächsischen Kollegen, nicht erzählen könnten. Darüber könnte man nun den ganzen lieben langen Tag reden, ob Gordon A. Craig besser zu lesen ist als Golo Mann (der übrigens den Büchnerpreis gewonnen hat), allerdings finde ich Hobsbawm tatsächlich besser zu lesen als andere Historiker. Aber das nur nebenbei, die unbestreitbare Überlegenheit, wenn ein Stefan Zweig ein historisches Thema bespricht, liegt einfach in seiner Art und Weise, wie er erzählen kann.

Und Zweig gelingt es auf wenigen Seiten, Zusammenhänge darzustellen, die fundamental für seinen jeweiligen Gegenstand sind. Man denke nur an den Anfang seines Magellans, wo er mit wenigen lebendigen Pinselstrichen die gesamte relevante Ökonomie des Mittelalters entlang der Gewürze skizziert, oder die beinahe niederschmetternde Charakterisierung von Ludwig XVI. kurz vor der Flucht aus Paris, als dieser sich weigerte, mit einer Kutsche zu flüchten, die keine Einlagefächer für Weinflaschen hat und erst ein Schreiner im revolutionären Paris gefunden werden musste, der dem König noch seine Extrawurst brät. Und wie war das nochmal, als Konstantinopel von den Osmanen erobert wurde? Bei Zweig kann man das und vieles mehr nachlesen.

Tagebuch_von_Stefan_Zweig
Tagebuch Stefan Zweigs. Foto: Kritzolina (CC BY-SA 4.0)

Wenn auch alle diese Bücher und Geschichten etwas Besonderes sind, jede in ihrer Anlage und Inhalt, so gibt es doch zwei Bücher, die, so denke ich, daraus noch hervor ragen. Das sind seine Erinnerungen eines Europäers an die Welt von Gestern. Es gibt manchmal diese Bücher, die in einer Mischung aus psychologischem Ansatz und Kulturbeschreibung eine Mentalität, eine Geisteshaltung einer ganzen Generation, einer ganzen Welt, festhalten. Ein solches Buch ist die Welt von Gestern und man muss eigentlich Benjamins Passagenwerk daneben halten, oder doch zumindest seine Kindheitserinnerungen in Berlin. Dies sind dann Emphatien, die zu Klassikern werden, weil sie etwas beschreiben, was bereits ein paar Jahre später nicht mehr erleb- und erfahrbar ist, weil der Zeitgeist sind gewandelt hat und die Welt in der Moderne aus einem Leid ins nächste fällt. Dieses Genre ist nun leider ein sehr junges Genre, da es, so meine Vermutung, erst die Entdeckung der psychischen Instanzen durch Freud benötigte, um die Aufmerksamkeit auf innere Prozesse zu lenken, die beeinflusst sind durch die äußere Welt.

Das zweite Buch, das ich für außergewöhnlich halte, das ist Zweigs Buch über die Dämonen von Hölderlin, Kleist und Nietzsche. Auch hier gibt es eine unerreichte Emphatie, die fast schon an eine Epiphanie, einer Offenbarung der inneren Dynamiken dieser drei Genies, darstellt. Und auch hier berichtet Zweig von einer untergegangenen Welt, denn, so fragt man sich, gibt es überhaupt noch ähnliche Bedingungen, um eine ungeheure Schöpfungskraft freizusetzen, wie es sie bei Hölderlin, Kleist und Nietzsche gegeben hat. Man kann schon einmal darüber nachdenken, ob es eigentlich das bürgerliche Zeitalter des langen 19. Jahrhunderts gebraucht hat, um solche Genies hervorzubringen. Nicht von ungefähr spricht man von Adorno als dem letzten Genie, der noch voll und ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts gedacht und gewirkt hat. Anders gesagt: Wer heute von seinen Dämonen überfallen wird und mit ihnen ringt, der ist doch in den meisten Fällen nicht mehr arbeitsfähig und es wird alles daran gesetzt, dass seine Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt wird. Dass man Krisen sublimieren muss, fällt keiner Krankenkasse ein.

Das ist auch der tiefere Erkenntnisgewinn von Stefan Zweigs historischen Darstellungen: Er saß an der Schnittstelle zu einer Welt, die im Untergang begriffen war und deren Chronist er wurde. Somit wird gerade seine Empathiefähigkeit zu dem Kern seiner Texte, denn sie zeigen nicht nur historische Möglichkeitsentwürfe auf, sondern in ihrer Darstellung halten sie eine Sichtweise fest, die uns heute nicht mehr selbst intuitiv zugänglich ist. Wir leben in einem anderen Takt, der Zeitgeist schwingt in einer anderen Amplitude. Stefan Zweig hat das sehr genau beobachtet und registriert und ist wohl auch darüber depressiv geworden.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

2 Kommentare

  1. Danke für die aufschlusssreiche Rezension. Zweig habe ich mit 17 verschlugen. Bei seinen Biographien denke ich heute aber manchmal dass sie etwas zu subjektiv sind (wenn auch, wie du schreibst, sehr lesbar). Aber Die Welt von Gestern gehört bis heute zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Liebe Grüße, Andrea

    1. Ja, er schreibt sehr detailliert und sehr überzeugend, man muss sich daher immer bewusst halten, dass es Fiktion ist und er nicht persönlich dabei gewesen ist. Aber gerade darin liegt ja seine Stärke, finde ich!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s