Eigentlich dachte ich, dass ich über diesen Punkt noch ein wenig nachdenken müsste. Eigentlich denke ich aber darüber schon seit über einem Jahr nach, als sich abzeichnete, dass die AfD in den deutschen Bundestag einziehen würde, als Trump gegen alle Hoffnungen und Befürchtungen die Wahl gewann und ich mir mal die Einzelheiten zum Brexit näher angesehen hatte. Eigentlich sind das Folgende also Gedanken work in progress und da ich weiß, dass Gott und die Welt mitliest, ist es immer so eine Sache, ob man denn auch wirklich darüber schreiben sollte. Dem Fass den Boden ausgeschlagen hat aber das Statement der Frankfurter Buchmesse zu den tätlichen Angriffen rechtsextremer Grupen gegenüber Andersdenkenden auf besagter Buchmesse. Sie möchten gerne eine Plattform für den offenen Meinungsaustausch bieten und wen das nicht ansatzweise ein wenig an Chamberlain und sein historisches Versagen erinnert, dem kann man irgendwie auch nicht mehr helfen. Aber was hat die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2017 mit Chamberlain zu tun? Beide sind einer Dialektik der Moderne unterworfen, die es schon immer in der europäischen Geschichte seit der Aufklärung gegeben hat, ihren krassen reaktionären Kristallisationspunkt im Antisemitismus findet und etwas harmloser in den Horoskopen und in Rezepten für eingekochtes Wasser daherkommt. Der Zusammenhang läuft also, wenn man so will, über das Horoskop, das Weltbild der Trump-Supporter bis zu dem Typen, der diese Pressemitteilung der Frankfurter Buchmesse geschrieben hat. Wo fängt man bei einer solchen Tristesse denn noch am besten an?

Man packt den Stier bei den Hörnern. Das ist immer eine gute Idee. Um was geht es also — um (Meinungs)freiheit. Freiheit zu sagen, was man möchte. Das bedeutet, dass man tolerieren müsste, wenn jemand eine andere Meinung vertritt als man selbst. Dass diese Toleranz mitunter repressiv sein kann, weiß man schon etwas länger. Aber gut, geschenkt. Man kann ja nicht jeden Autor kennen. Aber dass die Idee, Ideologen einen Raum zu geben, deren Ideologie darin besteht, die besagte Freiheit in the long run abzuschaffen, eine schlechte Idee ist, sollte einem gesunden Menschenverstand schon einleuchten — letztlich kann man sich dann die Lektüre des besagten Aufsatzes von Marcuse auch sparen. Aber da könnte man mit irgendeinem Voltaire-Zitat aus dem vorletzten Jahrhundert kontern. Allerdings steht das in einem Kontext und in einer Zeit, als man sich Freiheit erst beibringen musste, ähnlich wie der Moorsoldat aus Massada, während man die Freiheit heute verteidigen muss. Das ist ein Unterschied. Keine Freiheit den Feinden der Freiheit heißt also die Devise. Sind jetzt diese neuen Neuen Rechten also die neuen Underdogs, zu denen sie sich gerne stilisieren? Gegen einen Mainstream? Ja, in gewisser Weise schon. Aber was hat das mit Saturn im dritten Haus, mit Waage, Jungfrau und Löwe zu tun? Am Ende vielleicht noch etwas mit Augustinus? Himmel hilf!

Trump ist ja damit aufgefallen, dass er tun und lassen konnte, was er wollte, und er stolperte über keinen Eklat und über keinen Skandal. Letztens twitterte jemand sowas wie: „Wisst ihr noch, als der US-Präsident nur die Praktikantin vögelte? Das waren gute Zeiten.“ Ich will jetzt gar nicht so sehr in mein Lamento hineinfallen, von wegen früher war alles besser (und spätestens seit den 1990er geht es bergab und soweiter), aber ein wenig auffällig ist das schon, oder nicht? Etwas Ähnliches gab es schon beim Brexit, allerdings ein wenig schwächer, aber da konnte man auch schon mehr oder weniger lügen, bis sich die Balken bogen. Jedoch fiel das danach einigen Kommentatoren auf und wenn man sich das so anguckt, wissen das die Beteiligten auch, so ein bisschen wenigstens ahnen sie es.

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Und jetzt gibt es eine länger anhaltende Debatte über Fake News, Meinungsfreiheit, Glaubwürdigkeit von traditionellen Medien und der Rolle von Social Media in dem ganzen Komplex. Und da fängt man schon eher an zu spüren, dass das irgendwie zusammenhängt. Hat etwa das freie, offene und demokratische Internet auch etwas damit zu tun? Ja, und ich sag euch Leute, wenn man einmal mit Dialektik angefangen hat, wird man sie nicht mehr los.

Aber zunächst muss ich noch etwas zu einem Buch erzählen, das auch auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde. Didier Eribon fängt sein fulminantes Buch „Gesellschaft als Urteil“ nämlich mit einer Reflexion über seine soziale Rolle an, die sehr beeindruckend vorführt, wie man genau beobachtet. Es geht darum, wie er versucht, sich selbst ins rechte Licht zu rücken, indem er ein Familienbild bearbeitet, damit man ihm bei bestimmten Analysen, die ihm bei dem Nachdenken über das ganze Bild gekommen sind, nicht auf die Schliche kommt. Dabei stellte er dann aber fest, dass diese manipulierte Beobachterposition Teil des Problems ist, weil er dieser Perspektive und dieser Vergangenheit, die das Familienbild darstellt, nicht entkommen kann, da es nun einmal Tatsachen sind, denen er durch Nachdenken nicht entfliehen kann, sondern, im Gegenteil, nur noch offensichtlicher und massiver werden. Weiter habe ich das Buch noch nicht gelesen, aber es erinnert mich ein wenig an mein Lieblingsbild. Das ist nicht von Barnett Newman, sondern von Caspar David Friedrich und heißt Der Wanderer über dem Nebelmeer. Es hängt in der Hamburger Kunsthalle und jedes Mal, wenn ich dorthin fahre und mir anschaue, kommt es mir so schlicht und unscheinbar vor. Und ich erinnere mich an einige etwas abfällige Besprechungen dieses Bildes. Wie könne man nur jemanden mit der Rückenansicht ins Zentrum des Bildes stellen? Und dann noch direkt ins Zentrum, ohne jeglichen erkennbaren intendierten Bruch? Die Farbkomposition bliebe hinter anderen Bildern zurück und dieses Rückenpotrait verdecke sowieso die Hälfte des eigentlichen Bildes. Das sind gewichtige Einwände, aber wenn ich an diese Einwände denke, jedes Mal, wenn ich vor dem Bild sitze (das letzte Mal musste ich mir die Bank zurecht rücken), dann zähle ich durch: Der wievielte Beobachter ist nun diese Kritikerstimme in meinem Kopf? Es gibt einen Beobachter, der steht da in dem Bild mit dem Rücken zu mir. Es gibt einen weiteren Beobachter, der bin ich. Und dann gibt es diese tertiären Beobachter in meinem Kopf, die Anmerkungen, die ich zu diesem Bild gelesen habe. Beobachter Nummer 3 sagt also, das Bild sei nicht gelungen, weil es ein Unding ist, jemanden von hinten darzustellen. Beobachter Nummer 4 merkt an, dass es keine klaren Linien gäbe, dass alles irgendwie disparat sei und nicht harmoniert. Beobachter Nummer 5 merkt vielleicht das gleiche an, sieht darin aber genau die Disparität, denen der Mensch in der aufziehenden Moderne ausgesetzt ist. Was nun Beobachter Nummer 2 eigentlich von dem Bild denkt, ist unerheblich, weil klar geworden ist, was der springende Punkt ist: Es gibt verschiedene Beobachter und jeder hat seine eigene Perspektive. Und das ist so modern, moderner geht’s nicht mehr. Und damit ist das Grundproblem schon eigentlich benannt, auf das ich damals gestoßen bin, als ich das erste Mal in der Hamburger Kunsthalle saß und dem Wanderer beim Wandern zuschaute und das direkt mit dem Thema hier verbunden ist. Also geht es um den Zusammenhang zwischen Caspar David Friedrich, dem Internet, Augustinus, Horoskopen und Trump-Supporter.

Man könnte das Spiel noch ein wenig weiter treiben, weil das verbindende Element einfach so grundlegend ist, dass es wie eine Grundierung unter all diesen Dingen liegt. Es geht um das philosophische Prinzip der Wahrheit, die Augustinus mit göttlichem Ursprung legitimierte und das seit dem (mehr oder weniger) ein tragendes Element menschlicher Gesellschaften ist. Was hat es mit diesem philosophischen Konzept auf sich?

Man kann es kurz machen: Das Paradigma seit der Aufklärung nach Kant, Schiller und den anderen lautet: Die Interpretation der Welt richtet sich nach der Wahrheit. Die faktische Welt, wie sie ist, dient als Ausgangslage, um diese Welt zu perspektivieren, um sie zu interpretieren. Das ist der Ausgangspunkt einer jeglichen wissenschaftlichen Debatte, das schlägt sich nieder in den Sitzverteilungen in der französischen Ständeversammlung und in der Paulskirchenversammlung (und so weiter). Es gibt eine Welt, das Faktische, philosophisch abstrahiert als die Wahrheit, die man schon immer so oder so interpretieren und perspektivieren musste — schon allein, weil die eigene Beobachterposition sich von der eines anderen Beobachters unterscheidet. So funktioniert unsere Demokratie, so funktioniert der Parlamentarismus, so funktionieren moderne westliche Gesellschaften im Ganzen. Denn der Kniff der modernen Demokratien ist es, dass sie konkurrierende, disparate, sich widersprechende Meinungen und Ansichten miteinander verbinden, da der gemeinsame, übergeordnete Konsens ist, dass dieser gemeinsame pluralistische Rahmen akzeptiert wird. Und es wird akzeptiert, meist stillschweigend, dass sich die Welt und die philosophische Wahrheit aufsplittet in unterschiedliche Betrachtungsweisen und Interpretationen. Weil, nun, weil, ansonsten funktioniert dieses pluralistische Konzept nicht mehr. Und daher gibt es einen demokratischen Korridor, der geteilt werden muss und der sich auf diesen Meinungspluralismus berufen muss, der sich auf die Freiheit berufen muss, der sich auf den demokratischen Grundkonsens berufen muss, der sich aber nicht nur auf bestimmte Positionen bezieht, sondern auch die Frage nach der Einstellung zur Wahrheit aufwirft. Das war, wenn man sich einmal die Geschichte der Moderne ansieht und deren negative Leitideen, immer schon mehr oder weniger ein Problem, dass sich gewisse gesellschaftliche Gruppierungen aus diesem demokratischen Korridor hinausbewegt haben. Diesen Antidemokraten gelang es dann auch tatsächlich, die Demokratie mit ihren eigenen Mitteln zu besiegen. Chamberlain ist da ein Stichwort, vielleicht wird man aber auch schon 1918/1919 und vorher fündig.

Was ist das denn nun, was sich gefühlt in den letzten Jahren verändert hat, mit Brexit, Trump und den neuen Neuen Rechten? Ganz einfach: Das Verhältnis von Wahrheit und Interpretation dreht sich in diesem Weltbild einfach um. Das ist mehr oder weniger das gleiche Prinzip bei der Astrologie, eingekochtem Wasser und was es sonst noch an esoterischem Müll da draußen gibt. Es ist eine Flucht vor der Kontingenz der Moderne, eine Flucht vor der Komplexität moderner Gesellschaften und ihren Widersprüchen, und letztlich ist es eine Verweigerung der eigenen Mündigkeit.

Wenn sich also eigentlich die eigene Weltsicht danach richtet, wie man die Welt (die ‚Wahrheit‘) unterschiedlich interpretiert und dann in einem rational-vernünftigen Austausch darüber steht und ein Argument das andere sticht, dann ist das Gegenteil von diesem Paradigma, dass sich die Welt (die ‚Wahrheit‘) gefälligst nach der eigenen Interpretation zu richten habe. Wenn man also eine vorgefasste Meinung hat, die jenseits jeglicher wissenschaftlich-rationaler Überprüfbarkeit steht (die Welt ist 6000 Jahre alt, Saturn im dritten Haus ist lebensbestimmend für mich, alle Qualitätsmedien, die nicht meine eigene Meinung vertreten, ist ‚Lügenpresse‘, usw.), dann muss sich diesem Weltbild nach die ‚Wahrheit‘ eben danach richten. Ansonsten kann ich auch diesen Unsinn auch nicht wirklich aufrecht erhalten — aber man kann sich ja wie aus einem Baukasten der Argumente bedienen, die man aus dem normativen Paradigma kennt: Meinungsfreiheit, Pluralismus und Austausch der Argumente. Dass man aber nach anderen Spielregeln spielt, also eigentlich außerhalb dieses gemeinsamen demokratischen, rationalen Konsenses steht, fällt auf den ersten Blick nicht auf. Aber das wird sehr offensichtlich, wenn man sich die Debatten in den USA ansieht: Es ist völlig egal, welchen Skandal Trump lostritt, es ist egal, wie oft er lügt und einfach überhaupt keine Ahnung von überhaupt nichts hat: Es geht darum, dass er eine gewisse Interpretation der Welt verkörpert und sich danach eben die Fakten, die ‚Wahrheit‘ zu richten hat. Das Verhältnis von Wahrheit und Interpretation dreht sich einfach um. Das ist ebenso einfach zu beschreiben wie es zur Geschichte der Moderne schlicht dazugehört. Man kann sowas auch einfach Ideologie oder verdinglichtes Denken nennen, je nach Ausprägung und Kontext.

Wie geht man nun damit um? Die bisherigen Strategien greifen aus einem Grund nicht mehr, und das hat mit der Digitalisierung und dem digitalen Wandel der Medienöffentlichkeit zu tun. Bis noch vor kurzem, also ungefähr bis zu den 1990er Jahren, gab es für den öffentlichen Diskurs noch wirksame Kontrollmechanismen, nämlich Journalisten und Redaktionen, die den ganzen Müll herausfiltern konnten, bevor er veröffentlicht wurde. Natürlich konnte dann jede und jeder sein eigener Journalist sein und seine eigene Zeitschrift gründen, aber die Hürden waren ungleich höher. Und den esoterischen und antidemokratischen Bodensatz, der manchmal noch ganz harmlos daherkommt, konnte man durch die täglichen Horoskope in der Tageszeitung befriedigen und so großzügig dem pluralistischen Credo nach eingemeinden, da das eigentliche Paradigma dadurch nicht hinterfragt wurde. Das ist auch der Grund, weshalb es Kartenleger, Handleser und Horoskopdienste gibt: Sie sind die meiste Zeit harmlos, solange das normative Paradigma dadurch nicht in Frage gestellt wird. Die Gatekeeperfunktion haben die klassischen Medien nun nicht mehr, und das leuchtet jedem sofort ein, der auch nur ansatzweise die Fakenews Schrägstrich Hatespeech- Debatte verfolgt hat. Anders gesagt: Das Internet bietet jedem die Möglichkeit, in die Welt hinaus zu senden, wie es ihm oder ihr beliebt. Die Hürden wurden schrittweise abgebaut, die Möglichkeit der Vernetzung immer einfacher, sodass nun auch der technisch Unbegabteste eine Facebookgruppe gründen kann. Das war vorher schlicht anders. Natürlich hat das enorme demokratische Prozesse in Gang gesetzt, man denke nur an den arabischen Frühling, der vom Westen aus beklatscht aber nicht tatkräftig unterstützt wurde, oder wenn man die Tatsache für sich nimmt, dass jede und jeder so gut wie ohne Hürden publizieren kann, wie er und sie möchte. Aber das hat eben auch eine eigene Dialektik, nämlich, dass das tatsächlich auf alle zutrifft: Der antidemokratische Mob kann sich eben auch organisieren, er kann die Mittel der pluralistisch-demokratischen Gesellschaft nutzen und sie gegen sie selbst wenden. Ohne Social Media wäre Pegida nicht möglich gewesen und die AfD vermutlich auch nicht in der Form denkbar, wie sie sich bis heute immer wieder radikalisiert hat. Und das alles läuft unter diesem letztlich antimodernen Reflex, wonach die Komplexität und die Kontingenz der Moderne abgelehnt, der pluralistisch-demokratische Konsens aufgelöst wird, die Mittel der Aufklärung gegen sie selbst gewendet werden und man gleichzeitig nicht nach den gleichen Spielregeln spielt.

Also noch einmal, wie damit umgehen? Ich denke, man muss sich klarmachen, dass es einen demokratischen Korridor gibt, der sich nicht nur an politischen Positionen orientiert, sondern auch den Grundkonsens betrifft, wonach sich die Interpretation der Welt nach der Welt richtet, und nicht in ideologisierter Form eine Interpretation, eine Weltsicht (nämlich die eigene) zum Maß der Dinge wird. Kann man das nicht in einer weiteren Schleife zur Disposition stellen? Ja, letztlich frisst die Rationalität ihre Kinder, die Aufklärung ist gescheitert, aber sie ist alternativlos. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich wills mal anders formulieren: Das völlig haltlose Statement der Frankfurter Buchmesse zeigt, dass sie sich über ihre eigenen Fundamente nicht bewusst sind. Es ist eine repressive Toleranz und Ausdruck, dass man mal ein paar Bücher lesen sollte, die man so verkauft. Mir würden da schon ein paar einfallen. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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5 Kommentare

  1. Ein schöner Beitrag ohne Hysterie. Das muss man ja schon lobend erwähnen in diesen Tagen.
    Trotzdem finde ich es schwierig, eine Grenze zu ziehen. Was ist freie Meinungsäußerung? Was sind freie Meinungen? Ich finde, jedem steht es frei, sich ein Deutschland wie im 19. Jahrhundert zurück zu wünschen. Die Aufgabe der demokratischen Gesellschaft wäre es, die Vorteile so darzustellen, dass auch Hohlbratzen das verstehen. Und nicht Meinungen zu verbieten, die sich immerhin mit dem (wenn auch sehr eingeschränktem) Menschsein verbinden lassen.

    1. Nun, im Ende wird sich zeigen, ob die demokratische Gesellschaft heute in der Lage ist, gegen die antidemokratischen Bestrebungen vorzugehen. Auf der einen Seite könnte man sagen, man weiß nun, wohin Appeasment führt. Auf der anderen Seite, einmal als Tragödie, einmal als Farce…
      Kurz: Es gibt einen demokratischen Korridor, an dem die Neuen Rechten nicht partizipieren. Wenn sie sich dann auf den Baukasten aus dem demokratischen System (Meinungsfreiheit, Redefreiheit, etc.) berufen, aber entweder nicht nach den gemeinsamen Spielregeln spielen (Meinung follows Wahrheit und nicht umgekehrt), oder sie das pluralistisch-demokratische Paradigma in toto abschaffen möchten mit eben jenen demokratischen Mitteln – ja, dann kann man heute irgendwie nicht mehr sagen, man habe das nicht kommen sehen, nicht wahr?

  2. Auch wenn ich die Dinge mittlerweile aus der Ferne betrachte, nehme ich weiter Anteil an der Entwicklung in Deutschland und Europa und ich würde den Faden gerne ein bisschen weiterspinnen. Der Ausgang der Bundestagswahl hat mich schockiert und auch ratlos gemacht. Wenn ich Deinem Gedankengang folge, würde es doch bedeuten, dass die Parteien, die jeglichen Dialog mit der AfD ablehnen, richtig handeln, oder habe ich das missverstanden? Liegt darin aber nicht auch eine große Gefahr? Immerhin wurde die Partei demokratisch gewählt, auf Basis welcher Versprechungen sei mal wie beim Brexit dahingestellt. Ist nicht Dialog oder Diskussion der einzige Ausweg aus der Misere? Offenbar fühlen sich große Teile der Bevölkerung von der Gesellschaft abgehängt. Wenn wir sie jetzt entmündigen, indem ihrer Partei konstruktive Beiträge (sofern sie welche haben) von vornherein verwehrt werden, riskieren wir doch, dass wir sie zu Märtyrern machen. Ganz davon abgesehen, dass das auch im Gegensatz zum pluralistischen Gedanken der Demokratie steht. Ich weiß, das war nicht Dein Thema hier, aber ich würde trotzdem gerne Deine Meinung dazu hören, weil es mich sehr beschäftigt. Liebe Grüße, Peggy

    1. Tja, die Frage ist, was man macht, wenn die Falschen gewählt werden? Da hat man ja in Deutschland eine gewisse Affinität dafür, hätte man bis vor kurzem noch hämisch sagen können. Vielleicht ist ja eine Antwort, dass der neoliberale Extremismus zwischenmenschliche Bindungen und gesellschaftliche Solidarität bereits soweit erodiert hat, dass die westlichen Gesellschaften in der Form nicht mehr organisiert werden können. Die Frage stellt sich ja nicht nur in Deutschland, sondern auch und vor allem in Frankreich, UK und den USA. Für mich sieht das so aus, als lebten wir in Umbruchzeiten, die aus dem Neoliberalismus von Thatcher, Blair, Schröder und den anderen resultieren.

      In der Bundestagswahl hat Hartz IV gewonnen. Die Gesellschaft ist entsolidarisiert, alles wird unter das Leistungsprinzip gestellt, zwischenmenschliche Beziehungen nennt man mittlerweile ‚Networking‘ und der Bürger ist kein Bürger mehr, sondern Kunde. Auf die Krisen heute können demokratische Gesellschaften anscheinend nicht mehr anders reagieren als durch eine Verschärfung der Krisen: Der Brexit ist ja keine Lösung der Probleme in UK, sondern radikalisiert diese Probleme in einer Art und Weise, wie sie vorher zwar befürchtet, aber nicht wirklich absehbar gewesen sind. Und der kleine Mann, der in den USA Trump gewählt hat, weil er die Dekadenz des reichen Establishment verachtet, hätte keinen größeren Bock zum Gärtner machen können, der seine Interessen verachtet wie keiner vor ihm. Und so weiter.

      Letztlich wird es auf eine Erziehung zur Mündigkeit hinauslaufen. Für unsere Generation habe ich kaum Hoffnung mehr. Diese Probleme heute haben sich von Nachkriegsgeneration zu Nachkriegsgeneration immer weiter verschärft. Dieser Prozess muss gestoppt und umgedreht werden. Aber auch dazu sieht es mies aus.

      1. Danke für Deine ausführliche Antwort. Ich bin zwar keine Expertin in Sachen Politik und Geschichte, aber ich meine gewisse Parallelen zum Fall der römischen Republik zu sehen. Auch dort haben Polemik und starke Männer letzten Endes die Oberhand gewonnen. Vielleicht ist das der Lauf der Geschichte, der ewige Zyklus. Ich persönlich hoffe jedoch, dass es zumindest in Deutschland nicht so weit kommt (andernorts ist man ja auf dem besten Weg dorthin).

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