Es gibt zu jedem menschlichen Phänomen eine Kulturgeschichte. So auch die vom Zigarettenrauchen. Und die geht, kurz gefasst, folgendermaßen: Tabakrauchen galt im 19. Jahrhundert mehr als noch heute als ein Luxusgut, welches in erster Linie nur den wohlhabenden Schichten vorbehalten war. Dadurch diente es vor allem dem Bürgertum als ein Dinstinktionsmerkmal: Rauchen wurde zu einem gesellschaftlichen Code, zu einem Zugehörigkeitsmerkmal zu einer bestimmten sozialen Schicht. Das macht auch schon die gesamte Attraktivität des Rauchens aus und führte gegen Ende des 19. und vorallem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu, dass es vor allem für die Arbeiterklasse als ein Zeichen der gesellschaftlichen Teilhabe galt, wenn man sich das Rauchen auch leisten konnte. Rauchen wurde somit verknüpft mit Emanzipation, gesellschaftlicher Partizipation, Unabhängigkeit und sozialer Zugehörigkeit.

Das emanzipierte (Bildungs)Bürgertum verlor also sein Distinktionsmerkmal und ging  mehr und mehr dazu über, das Rauchen einzustellen — mit den gesundheitlichen Aspekten, die immer mehr ins Bewusstsein rückten, hatte man dann auch einen guten Grund, nicht mehr zu rauchen: Nichtrauchen wurde also zum Distinktionsmerkmal derjenigen, die sozial flexibel und anpassungsfähig waren und mitbekommen hatten, dass sich der Wind wieder gedreht hatte. Rauchen ist heute verpönt und mit Attributen wie ‚Unterschicht‘, ‚Willensschwäche‘ und ‚Selbstmord auf Raten‘ verknüpft. (man kann das viel detaillierter und auch anders pointiert hier nachlesen: 1,2,3,4).

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Und das Zigarettenrauchen ist heute ja tatsächlich sozial geächtet, zumindest in Deutschland. In Restaurants ist es generell verboten und viele Bundesländer haben strenge Nichtraucherschutzgesetze für Gaststätten durchgesetzt. Seitdem sieht man die Raucher bei Wind und Wetter draußen vor der Türe stehen. Allerdings hat sich das Freizeitverhalten stark verändert, sodass sowieso nur noch diejenigen regelmäßig in den Kneipen abzuhängen scheinen, die kein digitales soziales Leben haben. Oder so ähnlich. Jedenfalls hat sich der gesellschaftliche Code des Zigarettenrauchens diametral gewandelt: Vom billet d’entrée in die gesellschaftliche Teilhabe hin zum Marker für den gesellschaftlichen Außenseiter.

Rauchen hat aber für viele immer noch das kulturindustriell induzierte Image von Freiheit und Partizipation. Und genau dieses wird in das genaue Gegenteil verkehrt. Vor ein paar Jahren gab es in einigen Bundesländern direkte Volksabstimmungen über den so genannten Nichtraucherschutz, so zum Beispiel in Hamburg und in Bayern (es kann auch sein, dass das schon die einzigen beiden Bundesländer gewesen sind). In Hamburg gab es nun folgendes Phänomen: Während sich die Menschen in den überwiegend gut ausgebildeten, besser verdienenden und sozial integrierten Stadtvierteln an der direkten Demokratie beteiligten und abstimmten, war die Wahlbeteiligung in den ärmeren, ‚bildungsferneren‘ Stadtvierteln überdurchschnittlich niedrig. Während also der fahrradfahrende Sozialpädagoge und Weltverbesserer weiß, wie er gesellschaftliche Prozesse bestimmen kann, nämlich indem er an demokratischen Wahlen partizipiert und sein Umfeld womöglich aktiviert, bleiben in den ärmeren Stadtvierteln die Menschen zuhause. Ein Gefühl von Lethargie, gesellschaftlicher Abgehängtheit und Gedankengänge eines Wir-gegen-die, was oft in politisch-gesellschaftlicher Ohnmacht  mündet, ist da allzu oft das bestimmende Moment. Während also nun der gut ausgebildete, wohlhabende und nichtrauchende Mensch zur Wahl geht, bleibt der ärmere, ‚bildungsfernere‘ und rauchende Mensch der Volksabstimmung fern. Es stimmt also der Sozialpädagoge über ein Thema ab, das ihn eigentlich gar nicht betrifft, weil in den Etablissements, in denen er verkehrt, sowieso nicht mehr geraucht wird, während der Hafenarbeiter tatsächlich noch in seinem Ohnmachtsgefühl bestätigt wird, wenn er in seiner Kneipe fortan nicht mehr rauchen darf. Und da das Ganze dann als Demokratie verkauft wird, gehen die Assoziationen und kulturellen Codes auch auf den Begriff der Demokratie über. Dies ist vermutlich auch ein Schlaglicht für das komplexe Phänomen der ‚Politikverdrossenheit‘, die auch dazu führt, dass scheinbare Protestparteien Zulauf bekommen, weil sie eben nicht diesem gesellschaftlichen Unsinn zuzuordnen sind.

 

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Foto: Wolfgang Schnier

Nun kann es auf einer individuellen Ebene durchaus sein, dass das Rauchen und das Nicht(mehr)rauchen gleichzeitig mit dem Attribut der Freiheit behaftet ist, ganz unabhängig von dem gesellschaftlichen Kontext, den ich in Ansätzen versucht habe zu skizzieren, aber abhängig vom individuell-persönlichen Stand, Habitus und Selbstverständnis. Nikotin kann auch ein größeres Abhängigkeitspotential entfalten als Heroin ( es muss es aber nicht). Und dass der war on drugs längst verloren ist, kann man schon seit einigen Jahren bei Johann Hari nachlesen (ein Buch, dass ich schon seit einem Jahr besprechen möchte, aber irgendwie nicht dazu komme). Da geht es dann auch sehr stark um gesellschaftliche Partizipation, die man wahrnehmen kann, oder man eben nicht (mehr) dazu in der Lage ist. Rauchen kann man aber gerade auch angesichts seiner  (jüngsten) Kulturgeschichte als ein Protest und ein Widerstand gegen diese fahrradfahrenden Weltverbesserer und gesundheitsfanatischen Besserwisser in ihren Villenvierteln verstehen (um es mal überspitzt auszudrücken). Dann wird Rauchen tatsächlich wieder zu einem Symbol der Freiheit.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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6 Kommentare

  1. Freiheit ist auch deshalb fragmentiert, weil in einer gut funktionierenden Gesellschaft die gegenseitige Rücksichtnahme ein oberes Gebot ist.
    Ich bin dafür, dass in öffentlichen Einrichtungen Rauchverbot herrscht und dass es abgetrennte Bereiche in Speiselokalen gibt. In Österreich wird ab dem 1. Mai 2018 ein generelles Rauchverbot in den Speiselokalen geben. Totaler Blödsinn, weil ich selbst in meinem zweiten Wohnzimmer sehe, dass das Rauchen auch eine gesellschaftlich-soziale Funktion hat.
    Aber darüber kann man lange diskutieren.

    Liebe Grüße von einer, die nun mehr beim “Fortgehen” ihre Zigaretten raucht
    (und auf ihre nichtrauchenden Mitmenschen gern Rücksicht nimmt)

    1. Ja, darüber kann man wirklich lange diskutieren! Während ich das Rauchverbot in Restaurants allerdings toll finde, bin ich selbst gerne in (anderen) Etablissements, in denen noch geraucht wird. 🙂

  2. Dein Beitrag zu den Fragmenten der Freiheit verknüpft Aspekte des Rauchens mit einer Betrachtung der direkten Demokratie. Der Blick auf „die feinen Unterschiede“ sozialer Distinktion ist allemal interessant.

    Rückfrage zum Thema Rauchen: Wie hoch ist der Anteil der Tabakindustrie und der damit verbundenen Werbewirtschaft einzuschätzen bei der Verbreitung der Meinung, Rauchen sei mit Freiheit verbunden? Der Werbespruch von „Freiheit und Abenteuer“ beherrschte den Diskurs und eine entsprechende Lobby-Arbeit, die maßvolle gesetzliche Regelungen auf Bundesebene und europäischer Ebene über Jahrzehnte zu verhindern wusste.

    Der Erfolg des bayerischen Volksbegehrens zum Nichtraucherschutz hatte auch damit zu tun, wie zuvor der Bayerische Landtag mit seiner Mehrheitspartei und der Staatsregierung ausgewogene Regeln versäumt und das Thema verschleppt hatten. Der Oktoberfest-Rummel war damals wieder mal wichtiger als anderes. So konnte sich das Volksbegehren als Korrektiv in der repäsentativen Verfassung bewähren.

    Die Geschichte vom bildungsnäheren, radelnden Sozialpädagogen in Hamburg, der den bildungsferneren Hafenarbeiter überstimme und damit „Politikverdrossenheit“ erzeuge bis hin zum Zulauf für Protestparteien, ist hier plakativ erzählt, für mein Empfinden nicht wirklich überzeugend. Direktdemokratische Instrumente wie Bürgerbegehren und Volksbegehren können Teilhabe ermöglichen, wenn sie klar ausgestaltet sind. Dabei unterliegen sie teilweise ähnlichen Einflussnahmen wie der repräsentative politische Prozess, teilweise eigenen Bedingungen. Plebiszitär angelegte Referenden „von oben“, wie das britische Brexit-Referendum, folgen anderen Interessen.

    Viele Grüße und schöne Feiertage.

    1. Lieber Arnold, was ich da referiert habe, sind Ergebnisse der empirischen Sozialforschung, die an den jeweiligen Beispielen durchgeführt wurden. Was ich beschrieben habe, geht auf einen Aufsatz in einer Publikation des MPIfG zurück, den ich vor Jahren gelesen habe.

      Dir auch einen schönen Feiertag!

  3. In Deutschland herrscht eine fatale und verlogene Doppelmoral, denn niemand würde auf die Idee kommen, Alkohol genauso zu ächten wie Tabak und dass trotz all der gravierenden gesundheitlichen und sozialen Folgen dieser Droge, dieses Suchtmittels. Dann könnte es ja glatt noch eine Rebellion geben!

  4. Coffee and Cigarettes
    ist einer der besseren Jarmusch-Filme – aber vielleicht finde ich das nur, weil ich beim Fahrradfahrenaus Prinzip keinen Helm trage ….

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