Ich bin unzufrieden. Wieder mal habe ich ein Stück gesehen, dass mich unzufrieden zurückgelassen hat. Eigentlich ist ja ein Stück von Schiller vortrefflich dazu geeignet, dem Text nachzuspüren und zu genießen. Und ich dachte tatsächlich, dass der Text sehr gut vorgetragen wurde und dass ich mir vielleicht doch mal wieder ein Hörbuch anhören sollte. Aber dann saß ich da und dachte mir: Wieso höre ich nicht wirklich eher ein Hörbuch? Ich bin kein auditiver Mensch, das heißt, mir fällt es schwer, anderen Menschen beim Reden zuzuhören. Ich bin dann schnell genervt. Ich lese lieber von ihnen. Daher ist das mit dem Hörbuch so eine Sache. Aber nunja. Immer noch besser als eine zweifelhafte Inszenierung.

Theater hat seit Schiller den Auftrag, den Menschen zu etwas Besserem, zu einem Besseren, zu erziehen, es geht bei der ästhetischen Erziehung des Menschen darum, ihn moralisch zu formen, um einen erneuten Rückfall in die Barbarei  zu verhindern. Und selbst der größte Dramatiker des 20. Jahrhunderts, Bertolt Brecht, sah das Theater als ein (moralisches) Lehrstück. Abgesehen von der Frage, ob die Gattung des Dramas diesem Anspruch gerecht werden kann (und ob es überhaupt eine literarische Gattung gibt, der das gelingt), hängt dies doch die Erwartungshaltung recht hoch. Geht es nicht eigentlich um Unterhaltung? Ein gutes Theaterstück kann eine gute Unterhaltung sein — aber ein Theaterstück kann auch mehr sein. Das teilt sich das Theaterstück mit guten Büchern. Ein gut inszeniertes Theatersück ist eine Erfahrung, und das hat das gut inszenierte Theaterstück beispielsweise einem guten Film voraus: Ein guter Film kann eine Erfahrung sein, aber er muss es nicht unbedingt. Ein gut inszeniertes Theaterstück ist nur deshalb gut, weil es eine Erfahrung ist. Dementsprechend hoch sind seit Schillers Zeiten die Erwartungen, entsprechend kläglich der Erfolg als Erziehungsanstalt, und das, je ungeduldiger das Publikum anderes erwartet.

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Foto: berlinbarstories.com

Und wenn dann zwei Frauen in mittlerem Alter mit irgendwas Popcornknisterndem zwei Plätze neben mir sitzen, vermutlich mit einem Theaterabo, dann werde ich innerlich ein wenig ungehalten. Und dann melancholisch.

In Schillers Don Karlos geht es ja eigentlich um Macht, Intrigen, die zweifelhafte Liebe am Hof und um menschliche Schicksale. Der Stoff also, aus dem das klassische Theater ist. Es gibt noch eine erfreulich hohe Fallhöhe, die auch die modernste Inszenierung nicht weg abstrahieren kann. Aber da fängts schon an. Wenn die Inszenierung ‚modern‘ sein möchte, meint man heute meist leider postmodern. Man muss ja nicht zurück zu Theaterinzenierungen wie zu Gründgens Zeiten, aber wenn Bühnenbild, Kostüme und Schauspiel völlig (oder fast völlig) ins Abstrakte weggekürzt werden, dann habe ich so meine Probleme. Vor Jahren sah ich mal einen Biedermann, der knipste sein Firmenlogo an, dann war er in der Firma, und wenn er das Firmenlogo ausknipste, dann war er zuhause. Und das muss er natürlich in einer Art Vorrede mit direkter Ansprache dem Publikum verklickern, weil das versteht ja kein Mensch mehr. Das kann man mit Frisch vielleicht noch machen, aber Schiller sperrt sich dagegen. Und so hängt sowas dann in der Luft, nicht Fisch, nicht Fleisch, texttreu vorgetragen in einer schlechten Inszenierung, die nicht mehr weiß, was denn eigentlich moralische Erziehung mal bedeutete.

Aber das ist auch völlig gegenstandslos geworden, wenn  zum Beispiel dann noch Lokalpolitiker damit in Verbindung gebracht werden wollen, dass sie die Abschaffung der Zuschüsse fürs städtische Theater fordern. Weil, es rechnet sich ja nicht wirtschaftlich, anders als das Kino um die Ecke. Da kann man auch ganz regulär Popcorn kaufen.

Ich bin also unzufrieden. Woher kommen wir und wohin gehen wir? Was erlöst uns aus dem Elend? Kunst, Kultur, Literatur? Wir selbst etwa? Wenn man heute ‚uns‘ oder ‚wir‘ sagt, dann ist das doch fragmentiert, psychisch auseinanderanalysiert, individualisiert und vereinzelt. Das Freiheitsversprechen der Moderne ist nicht eingelöst worden, das Theater und das Lehrstück lösen nicht ein, für was sie konzipiert und aufgeführt wurden. Manche sagen, man muss dieser Realität ins Auge schauen und zugestehen, dass womöglich schon der Anspruch falsch gewesen ist. Und sie kramen ihre Popcorntheorien hervor, and some men, just want to watch the world to burn.

Nun ja. Die anderen gehen ins Theater. Und sind unzufrieden.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Bei einer kürzlichen Vorpremiere eines aktuellen Stücks machte ich die gegenteilige Erfahrung- ein engagiertes Ensemble und eine ordentliche Regie vermochten es nicht, ein verunglücktes Narrativ zu retten …

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