Kann man Brechts epischem Theater heute noch etwas abgewinnen? Sind das nicht moralinsaure Angelegenheiten, die nur so vor moralischem Zeigefinger strotzen, und aus einer Zeit stammen, in der den Menschen in Europa doch eigentlich noch offensichtlicher als heute bewusst gewesen ist, dass die gesamte Kultur und Literatur Auschwitz nicht verhindern konnte? Das Projekt der Aufklärung, den Menschen aufzurichten und aus seiner Unmündigkeit zu führen, eben durch Kunst, Poesie, Schauspiel, Literatur, kurz, durch ästhetische Erziehung, also die Kultur des Okzidents seit Kant, Voltaire und Schiller, ist, gelinde gesagt, gescheitert. Und Brecht hält daran fest, als obs doch noch ein Morgen gäbe. In seinen Arbeitsjournalen hat Brecht allerdings darüber nachgedacht. Angesichts der Shoah liest sich solches Nachdenken folgendermaßen: „Die Literatur war nicht vorbereitet auf und hat keine Mittel entwickelt für solche Vorgänge.“ Und über ein Gespräch mit Ilja Ehrenburg notierte Brecht 1950: „Wir sprechen davon, daß beim Anblick von Auschwitz die Literatur in Ohnmacht fällt.“ Brecht dachte also sehr wohl darüber nach. Und so lassen sich manche seiner Stücke auch lesen als einen Rekonstruktionsversuch der Bedingungen für eine Welt, in der Auschwitz möglich war. Und dazu gehört wohl wie kaum ein anderes Stück das Leben des Galilei.

Das lässt sich sogar mit rein formalen Umständen plausibel erklären: Das Stück wurde Ende der 1930er Jahre geschrieben, in Brechts Exil in den USA umgearbeitet, bevor er dann eine weitere starke Überarbeitung in den 1950er Jahren vornahm. Und von 1939 bis 1955/56 änderte sich genau jener Schwerpunkt des Stückes, den man unter die oben skizzierten Überlegungen subsummieren kann.

Es geht, kurz gefasst, in der frühen Fassung um Macht und den Übergang der Deutungshoheit von theologischen Welterklärungsmodellen hin zu einer wissenschaftlich-rationalen Vorstellung von Wahrheit und wegen mir auch um dessen Authentizität (eine ausführliche Inhaltsbeschreibung gibt es bei Wikipedia, allerdings wäre ich bei einigen angeführten Punkten etwas skeptisch. Solide Informationen bekommt man dagegen in Büchern, zum Beispiel in dem Brecht Handbuch, Band 1). Dass die Kirche dabei nicht so gut wegkommt, ist auch kein Wunder — Giordano Bruno wurde keine zehn Jahre vor Galileis Entdeckungen verbrannt, um die Legitimität des eigenen Wahrheitsbegriffs durchzusetzen, welche dadurch erst recht desavouiert wurde. Und unter anderem auch aus diesem Grunde kann die christliche Kirche keine moralische Autorität mehr für sich beanspruchen. Aber das nur nebenbei, weil diese Frage zwar in der späten Version nicht revidiert, aber doch etwas zurückgestellt wird. Im Vordergrund steht nun die Frage nach der moralischen Autorität und Legitimität der Wissenschaften selbst.

„Der Papst, die Kardinäle, die Fürsten, die Gelehrten, Kapitäne, Kaufleute, Fischweiber und Schulkinder glaubten, unbeweglich in dieser kristallenen Kugel zu sitzen. Aber jetzt fahren wir heraus, Andrea, in großer Fahrt. Denn die alte Zeit ist herum, und es ist eine neue Zeit. Seit hundert Jahren ist es, als erwartete die Menschheit etwas.“

„Eine neue Zeit ist angebrochen, ein großes Zeitalter, in dem zu Leben eine Lust ist.“

„Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität.“

Das ist der Optimismus des jungen und mittleren Galilei, seine Erwartungshaltung an die Wissenschaft und sein Selbstverständnis als Forscher. Er arbeitet an der Wahrheit im Sinne eines aufgeklärten Zeitalters, in dem die Menschheit zu neuen Ufern aufbricht. Und er scheitert nach eigenem Bekunden nicht nur an der Kirche und deren Vorstellungen, sondern an sich selbst. Er widerruft nicht nur seine Lehren und entgeht so dem Scheiterhaufen, was er und sein Schüler als ein Versagen angesichts der Wahrheit ansehen, der er sich verpflichtet fühlt und die da aus Angst vor physischen Schmerzen geopfert wurde. Galilei geht noch weiter:

In meinen freien Stunden, deren ich viele habe, bin ich meinen Fall durchgegangen und habe darüber nachgedacht, wie die Welt der Wissenschaft, zu der ich mich selber nicht mehr zähle, ihn zu beurteilen haben wird. Selbst ein Wollhändler muß, außer billig einkaufen und teuer verkaufen, auch noch darum besorgt sein, daß der Handel mit Wolle unbehindert vor sich gehen kann. Der Verfolg der Wissenschaft scheint mir diesbezüglich besondere Tapferkeit zu erheischen. Sie handelt mit Wissen, gewonnen durch Zweifel. Wissen verschaffend über alles für alle, trachtet, sie Zweifler zu machen aus allen. […] Das Elend der Vielen ist alt wie das Gebirge und wird von Kanzel und Katheder herab für unzerstörbar erklärt wie das Gebirge. Unsere neue Kunst des Zweifelns entzückte das große Publikum. Es riß uns das Teleskop aus er Hand und richtete es auf seine Peiniger.

Brecht ist ein Dialektiker: Galilei nimmt sich selbst aus der Tugend des Zweifelns nicht heraus, sondern im Gegenteil, er scheint am Ende seines Lebens im Mittelpunkt seines eigenen Zweifelns zu stehen. Und so zählt er es zu seinen größten Versäumnissen, der Wissenschaft keinen moralischen Kompass mitgegeben zu haben:

Der Kampf um die Meßbarkeit des Himmels ist gewonnen durch Zweifel; durch Gläubigkeit muß der Kampf der römischen Hausfrau um Milch immer aufs neue verloren gehen. Die Wissenschaft, Sartri, hat mit beiden Kämpfen zu tun. Eine Menschheit, stolpernd in diesem tausendjährigen Perlmuttdunst von Aberglauben und alten Wörtern, zu unwissend, ihre eigenen Kräfte voll zu entfalten, wird nicht fähig sein, die Kräfte der Natur voll zu entfalten, die ihr enthüllt. Wofür arbeiten wir? Ich halte dafür, daß das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Machthaber, sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen anzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden, und eure neuen Maschinen mögen nur neue Drangsale bedeuten. […] Ich hatte als Wissenschaftler eine einzigartige Möglichkeit. In meiner Zeit erreichte die Astronomie die Marktplätze. Unter diesen ganz besonderen Umständen hätte die Standhaftigkeit eines Mannes große Erschütterungen hervorrufen können. Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden!

Und diesen hippokratischen Eid gibt es nicht, selbst die Forderung, dass Wissenschaft zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden solle, wird allenthalben bestritten: Sie solle Selbstzweck sein und bleiben und kein Telos verfolgen, auch und erst recht keinen sozialen Fortschritt ins Auge fassen, weil das wäre dann eben keine Wissenschaft mehr, raunt es unter manchen Rationalisten und den Positivisten, die heute die Deutungshoheit haben und Zweifel an allem einfordern, nur nicht an sich selbst. Aufklärung wird zu einem nicht hinterfragbaren Mythos, was Brechts Galilei wusste und demzufolge auch letztlich zur Katastrophe führte: Die Rationalität ist wertneutral und ohne die moralischen Leitplanken, wie sie schon sehr früh von Kant und Schiller gefordert wurden, ist die (Natur-)wissenschaft nichts mehr als ein Sklave der Zeitumstände, die dann auch allenthalben Leute verbrennen oder auch mal faschistisch werden können.

Und so ist Brechts Theater doch noch aktuell, vielleicht aktueller denn je. Ein Nachdenken über den eigenen Standpunkt, eine Reflexion über die eigenen Möglichkeiten und Grenzen, darüber, woher wir kommen und wohin wir gehen wollen, kann nur über Literatur erfolgen, weil eine Gesellschaft — und damit auch die Wissenschaft — sich nicht selbst beobachten kann und dafür die Literatur benötigt. Dafür brauchen wir Brechts Stücke, heute vielleicht mehr denn je zuvor.

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Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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3 Kommentare

  1. Die Wissenschaft dient vollkommen neuen Interessen, die natürlich nicht mehr ausgesprochen werden: Drittmittel für Forschungen gibt es vor allem im Pharma- und Rüstungsbereich, ein wenig für die Optimierung der BWL und VWL-Menschen …

    1. Ich glaube es war Luhmann oder Blumenberg, welche mal einen DFG Antrag gestellt haben mit dem Thema „Erforschung der Mondrückseite durch reines Nachdenken“ oder so ähnlich. Das waren noch Zeiten!

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