Gedanken zur Weihnachtszeit haben den Vorteil, dass man sie sich von Zeit zu Zeit machen kann, ohne dass man Gefahr läuft, sich ständig im Kreis zu drehen oder, noch schlimmer, Gefahr läuft, dies nicht mitzubekommen. So hatte ich zwar schon vor einigen Jahren einige Gedanken zu Weihnachten angestellt, aber nun stelle ich irgendwie fest, dass sich die Themen ändern, die Schwerpunkte sich verlagern, neue Aspekte berücksichtigt werden wollen und andere Facetten in den Hintergrund treten. Aber so ist das eben im Leben: Wenn man dieses zyklische Nachdenken koppelt an eine gewisse Linearität, dann ist das zwar noch nicht die Quadratur des Kreises, aber es verbindet auf elegante Art zwei eigentlich entgegen gesetzte Momente. Und das ist ja auch ganz schön.

Irgendwie habe ich ja das Gefühl, man kann sich heiser denken. Also sozusagen auf der Stelle treten, an einem Gedanken herumkauen. Es ist schon ein ziemlich abgegriffenes Mantra, kurz vor Weihnachten über Konsum und Kommerzialisierung, über Werteverfall und am besten noch über die Jugend von heute zu schimpfen. Letzteres ist ja bekanntlich ein Genre seit Sokrates, immer wieder neu erzählt, jeweils gespiegelt in den Zeitumständen. Darüber könnte man auch mal ein Buch schreiben: Eine Kulturgeschichte des Sittenverfalls der letzten 2000 Jahre. Auch wieder bezeichnend, dass mir das beim Thema „Gedanken zur Weihnachtszeit“ einfällt. Aber das ist ja auch so ein Mantra, diese Doppelmoral, die man sich so leistet. Aber gut, genug über die Mantren unserer Zeit.

Ich denke oft über einen Aufsatz nach, den ich vor drei, vier Jahren gelesen habe, er beschäftigte sich mit der Frage, weshalb Adorno nie einen Aufsatz zu Paul Celan geschrieben hat. Es ist ja schon schwer genug zu beschreiben, wieso etwas so ist, wie es ist, aber zu beschreiben, weshalb etwas nicht ist, das ist nochmal eine eigene Kategorie. Ich denke gerade auch beim Schreiben dieser Zeilen darüber nach, weil das, was da in diesem Aufsatz angeführt wurde, ein kluger Gedanke gewesen ist, der mehr oder weniger modifiziert auch auf dieses Nachdenken übertragen werden kann — und irgendwie auch eine gewisse Allgemeingültigkeit hat. Naja, jedenfalls lautet die Vermutung, weshalb Adorno keine Abhandlung zu Celan geschrieben hat: Adorno habe sich nicht sicher sein können, ob er bei Celan intersubjektive und allgemeingültige Prinzipien vorfindet, die Ausdruck des Zeitgeistes sind, oder ob es nicht doch rein subjektive Befindlichkeiten eines Gequälten sind, der dessentwegen den Verstand verloren hatte, aber eben auch gute Gedichte schreiben konnte. Man mag davon halten, was man möchte, der Punkt, der dahinter steckt, ist folgender: Stellt die Mitteilung rein subjektiver Befindlichkeiten eine andere Qualität dar als die Kommunikation allgemeingültiger Prinzipien? So mancher stellt das Schreiben ein, wenn er länger darüber nachdenkt.

Spaziergang Wolfgang Schnier
Foto: Wolfgang Schnier

Hölderlin hat mich eingeholt. Aber von Hölderlin in der Vorweihnachtszeit zu reden bedeutet auch irgendwie, den Knall nicht gehört zu haben. Bei einer Weltlage, bei der sich selbst die schwärzesten Kulturpessimisten der frühen 2000er heute lesen wie ganz wünschenswerte Alternativvorschläge. Dieser Tage kam beim Smalltalk bei einer Weihnachtsfeier heraus, dass ich weder aktuelle Serien kenne, noch aktuelle Filme schaue, noch weiß, welche Fernsehshows im Moment so angesagt sind. Kennt noch jemand Cheers (1982-1993) und In the Heat of the Night (1988-1994)? Ich dachte bislang eigentlich, danach kam eh nix mehr. Aber das war wohl etwas zu optimistisch. Irgendjemand meinte, der Batmanfilm sei toll. Ja, sagte ich, Kim Basinger und Michael Keaton haben ganz passabel gespielt. Nun gut, ich bin ein geduldiger Mensch, ich habe keine Eile, erst recht nicht, wenn es um Filme geht. Und vielleicht schaue ich mir einen anderen Batmanfilm in zehn oder 20 Jahren an, falls ich dann mal Zeit dafür habe. Hölderlin. Wilhelm Michel meinte, dass man bei ihm sehr wohl allgemeine Prinzipien finden könne, Hölderlin sei so etwas wie der deutsche Nationaldichter. Aber Michel meinte in den 1920er Jahren auch, Antisemitismus sei nicht mit dem ‚Deutschtum‘ vereinbar. Wie sich zeigte, ist aber Gegenteil der Fall. Auf dem Schreibtisch von Celan fand man Michels Hölderlin-Biographie, aufgeschlagen und unterstrichen war der Satz: „Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens.“ Und bei Albert Camus steht: „Man hat den Selbstmord immer nur als soziales Phänomen behandelt. Hier dagegen eht es zunächst einmal darum, nach der Beziehung zwischen individuellem Denken und Selbstmord zu fragen. Eine solche Tat bereitet sich in der Stille des Herzens vor, geradeso wie ein bedeutendes Werk. Der Mensch selbst weiß nichts davon. Eines Tages drückt er ab oder geht ins Wasser.“ Als ich diese Stelle das erste Mal las, musste ich sofort an Celan denken. Und bei Camus findet sich genau in dieser Passage auch schon die Frage nach dem Verhältnis von subjektiver Befindlichkeit (Selbstmord) und allgemeingültigen Prinzipien (das bedeutende Werk).

Nun, sollte man an Weihnachten nicht vielleicht an andere Dinge denken als an Selbstmord? Nein, das gehört leider zusammen, die Selbstmordrate geht regelmäßig am Jahresende nach oben. Das erkennt man schon alleine daran, dass im Fernsehen bevorzugt Komödien gezeigt werden. Oder hat sich das etwa geändert und es laufen an Weihnachten auch klassische film noir- Tragödien mit einer femme fatale? Eben. Der Punkt ist auch ganz einfach: Viele (lange nicht alle) Menschen haben sich in jungen Jahren ein Ideal einer perfekten Welt zusammengezimmert, das irgendwann zwangsläufig verloren geht. Irgendwann sind Eltern und Großeltern nicht mehr da, das eigene Leben hat keinen ähnlichen Verlauf genommen und irgendwie ist alles anders als ideal. Das ist eine kulturindustriell induzierte Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen objektiven Prinzipien und subjektiver Befindlichkeit. Gefährdet sind diejenigen, denen als Kind in guter Absicht ein solches Ideal aufgenötigt wurde. Das ist schon fast perfide. Es gibt aber auch Menschen, die haben schon früh jegliche religiösen und sonstigen Illusionen verloren. Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen und man kann sich dann fragen, ob es ihnen damit auch wirklich besser geht.

Gibt es daraus einen Ausweg? Den wird jede und jeder für sich selbst finden müssen. Man kann sich mit Komödien und anderen Dingen zudröhnen, man kanns aber auch lassen. Eigentlich ist das ja so etwas wie ein Verlust von metaphysischer Heimat. Aber genau darin kann auch der Ausweg liegen: Man kann sich zugehörig fühlen zum philosophischen und ästhetischen Diskurs der Jahrtausende und partizipiert so an der Überzeitlichkeit. Das spendet Trost. Hölderlin also zum Beispiel, oder Celan und Camus. Ich bin mir nicht sicher, ob sowas auch mit einem Batmanfilm funktioniert. Mit einem guten film noir oder mit einer femme fatale vielleicht.

Man könnte jetzt etwas unzufrieden einwenden, dass diese kursorischen Gedanken vielleicht alles Mögliche sind, aber bestimmt keine besinnlichen und angenehm-huldvollen Worte, die dazu geeignet sind, in eine Weihnachtsstimmung zu kommen. Das ist aber auch Absicht. Mir geht nicht nur der Konsumterror auf den Keks, sondern auch die völlige Überfrachtung mit moralinsauren Bekenntnissen, die man aus der einen oder anderen Moral ableitet — was dann meist sowieso nur Ausdruck einer gelebten Doppelmoral ist, die sich in solchen Momenten dann manifestiert.

Gedichte haben ja den Vorteil, dass man sich ihnen in ganz unterschiedlichen Lebensphasen nähern kann. Sie sprechen zu einem in einer anderen Sprache, oder, genauer, sie sprechen andere Dinge in uns an, je nachdem, mit welchen Lebensthemen wir uns hier und da beschäftigen. Damit wird das Überzeitliche wieder ein Stück weit kontingent, allgemeine Prinzipien spiegeln sich in der subjektiven Befindlichkeit. Vielleicht hätte Adorno doch noch etwas zu Celan schreiben können. Aber das wäre ihm in dieser Perspektive viel zu zu existentialistisch gewesen.

Hölderlin. Wer schon in Weihnachtstimmung gewesen und jetzt immer noch ist, dem hilft vielleicht dieses Zitat aus dem Hyperion:

Alabanda war wirklich ungewöhnlich bewegt. Wenn ich ein Kind ansehe, rief dieser Mensch, und denke, wie schmählich und verderbend das Joch ist, das es tragen wird, und daß es darben wird, wie wir, daß es Menschen suchen wird, wie wir, fragen wird, wie wir, nach Schönem und Wahrem, daß es unfruchtbar vergehen wird, weil es allein sein wird, wie wir, daß es – o nehmt doch eure Söhne aus der Wiege, und werft sie in den Strom, um wenigstens vor eurer Schande sie zu retten!

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Wild Awakenings. Der Name dieses, offensichtlch mittlerweile geschlossenen, Lokals in SF kann auch als phänomenologischer Imperativ aufgefasst werden. Während des Lesens Deiner Überlegungen fühlte ich mich an die kraftvolle Wortverbindung erinnert. Danke.

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