Menschen haben ganz unterschiedliche Biographien. Menschen haben ganz unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit und diese Wirklichkeit stellt sich unterschiedlich dar, je nach Biographie und Lebensweg, den man gehen musste, um zu dem Punkt zu gelangen, an dem man irgendwann steht. Viele Menschen haben das Gefühl, in die Welt geworfen zu sein, ohne so recht zu wissen, wie ihnen geschehen ist. Eine andere Sichtweise würde vielleicht sagen, hier ist ein Strom der Zeit, an dem nimmt man bewusst oder eben unbewusst teil. Persönliche Befindlichkeit hin oder her, Dinge sind nun einmal so, wie sie sind und sie lassen sich mehr oder weniger allgemeingültig beschreiben. Und je mehr das Subjektive hinter der Artikulation des Zeitgeistes zurück tritt, desto eher partizipiert man letztlich an dieser Wirklichkeit, die dann doch nicht viel mehr ist als eine Perspektivierung der Zeitumstände durch den einen oder anderen Menschen. Vielleicht lassen sich je nach Kultur auch Hochzeiten, vielleicht auch goldene Zeitalter, benennen. Vielleicht war eine solche Zeitspanne für die deutsche Literatur im 19. Jahrhundert, wo auf engstem Raum Aufklärung, Sturm und Drang, Klassik, Empfindsamkeit, Vormärz und Biedermeier die Studenten heute Schwitzen lässt, weil sie Goethe und Schiller in mindestens zwei Epochen stecken können, Claudius und Büchner in zwei separate packen sollen und Bürger am besten gar nicht erst erwähnen. Was danach kommt, sind allenfalls noch Fußnoten zu Goethe — oder?

Ja, das ist eben auch eine Perspektivierung des Geistes, wie man das gerne wahrnehmen würde. Irgendwie erinnert mich das aber an eine Perspektive eines Männchens oder Kanninchens, das auf dem Mond sitzt und sich die Menschheitsgeschichte als ein Unbeteiligter ansieht und dann, während eines Happens Mondkäse, abwägt, wie denn, wo denn, was denn.

Die entgegengesetzte Blickrichtung schaut nicht vom Mond auf die Erde, sondern von der Erde auf den Mond und nimmt ihn wahr als einen Sehnsuchtsort, ein unerreichbares Mysterium, dessen vornehmliche Eigenschaft die Reflexion ist: Woher kommen wir und wohin gehen wir?  Der Unterschied der Blickrichtungen ist eine Frage ums Ganze: Gibt es eine Perspektive von außen, oder ist diese nur eine perspektivierte Reflexion? Man wird sich entscheiden müssen.

Jedenfalls verhält es sich genauso mit der Literatur. Spricht sie zu mir aus einem übergeordneten Blickwinkel, den ich nicht ohne sie einnehmen kann? Oder hilft sie mir, die Welt zu perspektivieren? Ich glaube, in dieser Frage entscheiden sich Lebenswege, Selbstentwürfe und Identifikationsprozesse, die sich selbst nicht mehr hinterfragen. Wo befindet man sich nun an welchem Punkt der Kurve? Welche Kurve? Und aus welcher Perspektive?

Diese Fragen kamen mir auf, als ich das erste Mal bei Heinrich Böll hinein las. Ich bin mir allerdings auch sicher, dass Böll nur mein persönlicher Anlass gewesen ist und diese Fragen unabhängig jeden einmal überfallen. Oder überfallen sollten. Und falls sie das nicht tun, ist das keine Aussage über Böll, sondern eher eine — persönlich perspektivierte — über den Mann im Mond und über die Dinge, über die er dann eben schweigt.

Böll fühlt sich wie kaum ein anderer Autor seinem unmittelbaren Zeitgeist verpflichtet, den er in seine Gewalt zwingt und mit ihm ringt. Und vielleicht muss er als einer der letzten gelten, die Willens waren, den Zeitgeist zu formen. Und vielleicht ging mit dem Zweiten Weltkrieg wirklich etwas zu Ende, das so unterschiedliche Kommentatoren wie Dietz Bering und Bruno Hillebrand konstatierten, jeweils aus ihrem Blickwinkel. Für Hillebrand ging mit Celan etwas zu Ende, das mit Goethe begann, und Bering fluchte wie ein Rohrspatz über den Niedergang des Intellektuellen spätestens in den 70er Jahren. Wenn das mal kein Zufall ist: Eine Verfallsgeschichte des Intellektuellen misst sich nicht an den Intellektuellen selbst und an dem, was sie zu sagen haben, sondern an deren Wahrnehmung und Stellung in der Gesellschaft. Zwischen kulturindustriell-medialer Dauerbeschallung von Fernsehen über Hollywoodblockbuster bis sportlichem Großereignis in jedem Jahr und der neoliberalen Zurichtung der Wirklichkeit bleibt nicht mehr viel Platz für die wichtigen Dinge im Leben. Kultur und Kulturbetrachtung findet nur noch dort statt, wo sich gegen jeden Zeitgeist zum Trotz noch Residuen gebildet haben.

Vermutlich ist Böll einer der letzten, die berichten konnten aus einer Welt, in der es noch anders gewesen ist, und der, anders als etwa Zuckmayer und Borchert, über die unmittelbare Gegenwart hinaus blicken konnte. Auch gab es dann noch die Brut der Gruppe 47, dessen berühmtestes Mitglied heutzutage in Interviews mit seltsamen Aussagen zur Nazizeit auffällt. Aber Böll mit der Gruppe 47 zu überblenden, trifft es nicht ganz.

Borchert stellte sich kaum die Frage nach dem Mann im Mond, vermutlich, weil die Zeit von ihm forderte, die Perspektive viel enger zu wählen. Und die Perspektive der Gruppe 47 war viel zu diversifiziert und alles andere als einheitlich — höchstens, wenn es um Paul Celan ging, war die Meinung verstörend einhellig.  Böll saß da zwischen den Stühlen, irgendwie: Halb steckte er tief in der Trümmerliteratur drin, aber gehörte doch viel mehr schon dem Zeitgeist, dem wir heute noch angehören. Nämlich dann, wenn es um die persönliche Perspektivierung des Zeitgeistes geht. Fühlen wir uns in Europa eigentlich nicht mehr als „Nachkriegsgesellschaft“? Oder etwa doch? Und anders als eben Borchert hatte Böll die Möglichkeit, die Zukunft zu antizipieren. Viele der Dinge nämlich, die Böll beschrieb, sind auch heute noch relevant.

Die Frage, die sich heute mit Böll stellt: Vergeht die „Nachkriegsgesellschaft“? Und wie stellt sich diese eigentlich dar? Das sind doch die Themen vom Billard um halb zehn über Ansichten eines Clowns bis zur verlorenen Ehre der Katharina Blum.

Man könnte nun sagen: Böll ist ein Chronist der Bonner Republik mit seinem Kaminzimmer-Korporatismus, der kreidefressenden sozialen Marktwirtschaft und dem — von heute aus gesehen idyllischen — Ost-West-Gegensatz. Und immerhin, noch bevor man so wirklich wusste, was ein unzuverlässiger Erzähler ist, weil man vielleicht aus Thomas Manns letzten Romanen noch nicht so ganz schlau geworden ist, konnte man bei Böll noch Handfestes nachlesen: Normen, Werte, eine bipolar-dichotomische Opposition der Welt — allerdings war letzteres seltsam in sich gebrochen: Wer sitzt denn da am Ende in Bonn auf der Bahnhofstreppe und ist angeblich gescheitert? Der Clown und Titelheld. Mir wollte einmal eine Deutschlehrerin auftragen zu erörtern, weshalb Hans der Clown gescheitert sei. Ich mochte Suggestivfragen noch nie, vor allem nicht, wenn sie in pädagogisch-erzieherischer Absicht mich zu einer gewissen Weltsicht nötigen sollten. Heute würde ich sagen, dass die suggestiv-induktiv vorgetragene Lehrerinnenlesart so ziemlich das Gegenteil der Romanaussage ist. Und genau das ist doch die Frage nach der Perspektive: Sie saß auf ihrem kleinen Mond und schaute auf die Dinge herab, während man sich Literatur doch gerade so nicht erschließen kann.

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Foto: Wolfgang Schnier

Die Ansichten eines Clowns und die Frage, ob und weshalb Hans gescheitert ist, ist eine Frage der Perspektive. Am Ende sitzt Hans der Clown ohne Aussicht auf weitere Arrangements pleite und leicht angetrunken auf der Bahnhofstreppe in Bonn und wartet darauf, dass Marie, die kürzlich die Verlobung mit ihm aufgelöst hatte, aus dem nächsten Zug erscheint, sodass sie ihn sehen wird, um dann mit dieser Situation umgehen zu müssen. Mit diesem Bild endet der Roman. Die Zeitgenossen lasen den Roman als eine offene Kritik am Katholizismus in seiner rheinischen Ausprägung. Geblieben ist von dieser Kritik aber eigentlich nur eine historische Momentaufnahme, als hätte man irgendwann in den frühen 60ern auf den Auslöser gedrückt und eine ansehnliche Schwarzweißaufnahme erhalten. Und bei solchen Aufnahmen weiß man dann später nicht mehr so genau, wo sie entstanden sind, wer auf dem Bild zu sehen ist und ob diese lustigen Kleider damals schon lustig gewesen sind, oder sie für uns heute nur so seltsam aussehen. So ähnlich geht es uns auch mit diesem Roman: Es ist eine Momentaufnahme, ein Schnitt in der Zeit, und wir können heute nicht mehr so genau sagen, ob diese Kritik an der Gesellschaft der Bonner Republik nur ein Zerrbild von ihr zeichnet, oder ob es sich um eine mehr oder weniger satte und minutiöse Kritik handelt, die die Verwerfungen und Abgründe offenlegt. So genau muss man das nicht entscheiden, denn so funktioniert Literatur nicht, weil sich die Fiktionalität vom reinen Tatsachenbericht unterscheidet. Daher geht es darum, dieses Spannungsfeld zu reflektieren und offen zu halten und sich gerade nicht endgültig festzulegen. Das bedeutet aber auch, dass die Frage, ob Hans der Clown gescheitert ist, in einer Vibration festklemmt: Welche Perspektive wird hier angelegt und nach welchen Maßstäben dieses Werturteil gefällt? Was sind das denn dann für Werte und Normen, die dies feststellen, aber gleichzeitig die eigene Verstrickung in die Nazibarbarei und die Verdrängung der eigenen Schuld eben jener ‚wert-vollen‘ Gesellschaft der Bonner Republik außen vor lassen? Haben die überhaupt ein moralisches Recht, über das Leben eines Clowns zu urteilen, der sich gerade durch einen hohen moralischen Anspruch an sich selbst und seine Mitmenschen auszeichnet? Die Frage hebt sich also selbst aus den Angeln, weil die Perspektive, die über den Clown urteilt, sich selbst desavouiert hat. Wenn man nun diese Mondperspektive verworfen hat und sich neben Hans auf die Bonner Bahnhofstreppe setzt, dann fallen zwei Dinge auf: Er wird nämlich vielleicht selbst sagen, dass er gescheitert sei, aber nach seinen Wert- und Normvorstellungen, die er nicht mit der Wirklichkeit in Einklang bringen konnte — der Fehler liegt aber nicht in dem eigenen moralischem Anspruch, sondern in der katastrophalen Wirklichkeit. Und was noch auffällt: Es gibt zwar kein happy ending in dem Roman, aber es ist ein offenes Ende. Wer weiß also schon, wo Hans der Clown heute sitzt? Der Roman ist eine Momentaufnahme, ein Schnitt in der Zeit, und genauso wie die Szenerie in dem Schwarzweißbild zwar festgefroren ist, aber letztlich unbeeinflusst von dem Fotografen und dem Bild im Fluss der Zeit weiterläuft, so ist auch das Leben eines traurigen Clowns kontingent. Auch wenn wir nur von der Tristesse in der postnazistischen Gesellschaft der Bonner Republik erfahren, ist es vermutlich ungerechtfertigt, ein endgültiges Urteil über ihn zu fällen.

Und Marie? Seltsam, diesem Namen aus dem 19. Jahrhundert hier wieder zu begegnen. Man könnte vieles hineinlesen: Repräsentation des Zeitgeists, passives Sehnsuchtsobjekt oder eine männliche Konstruktion von Weiblichkeit. Vermutlich sollte man sich auch hier nicht eindeutig festlegen und ihr wieder einmal eine einseitige und eine feste Rolle zuschreiben. Ich habe mich oft gefragt, wie denn der Roman geschrieben werden müsste, wenn er aus Maries Sicht erzählt würde. Mit dieser Überlegung wird dann auch deutlich, wie wichtig es ist, die eigene Perspektive und den eigenen historischen Neigungswinkel mitzudenken.

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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8 Kommentare

  1. Interessanter Beitrag! Ich habe in den 80ern den kompletten Böll gelesen, geliebt und dann auch als Abiturthema gewählt (damals ging das noch). Seitdem keine Zeile mehr. Mich würde es sehr reizen, durch eine Wiederlektüre zu schauen, wie viel davon bei einem Autor, der so seiner Zeitgenossenschaft verpflichtet war, heute noch Bestand hat. Ich muss mir irgendwann unbedingt die Zeit dazu nehmen. Viele Grüße, Petra

    1. Liebe Petra, eigentlich müssten wir ständig alle zehn Jahre die Literatur neu lesen, um zu sehen, wie wir sie zu dem jeweiligen Zeitpunkt wahrnehmen. Das ist ein Fass ohne Boden, wenn man einmal damit anfängt! Aber vielleicht muss man ja nicht gleich den gesamten Böll nochmal lesen…

  2. Hallo Wolfgang,
    den Clown kenne ich noch nicht aus eigener Lektüre, danke für die Vorstellung und Interpretation. Die Katharina Blum und ein bissel anderes war mir bekannt. Gerade gibt es auch Bölls Kriegstagebuch herausgegeben.
    Viele Grüße, Bernd

    1. Lieber Bernd, der Roman ist absolut empfehlenswert – zu mir hat er direkt gesprochen, die anderen Bücher waren da distanzierter.
      Kam das Kriegstagebuch nicht schon vor einiger Zeit heraus und es gab einen Aufschrei, weil es angeblich das Böll-Bild revidierte?

      1. Auf wordpress finde ich eine Besprechung bei:
        https://literaturgefluester.wordpress.com/2017/12/10/man-moechte-manchmal-wimmern-wie-ein-kind/
        Die Perlentaucher haben dazu drei Rezensionsnotizen aus der FR, SZ und Zeit:
        https://www.perlentaucher.de/buch/heinrich-boell/man-moechte-manchmal-wimmern-wie-ein-kind.html
        In der SZ schrieb Götz Aly aus Historiker-Sicht recht kritisch, ansonsten wird wohl mehr eine Ergänzung des Böll-Bildes als eine Totalrevision gesehen.
        Mich hat damals Anfang der achtziger Jahre beeindruckt, wie Heinrich Böll die Friedensbewegung unterstützt hatte.
        Viele Grüße, Bernd

      2. Vielen Dank für die Links! Ich hatte dann etwas anderes im Hinterkopf. Irgendetwas, das vor fünf, sechs Jahren bekannt wurde – vielleicht war es auch nur die Ankündigung zu den Kriegstagebüchern. So genau kann ich mich nicht mehr erinnern.

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