I.

Was ist Heimat? Die meisten Menschen werden darauf die eine oder andere Antwort haben: Dort, wo man den ersten Kuss geküsst, das erste Buch gelesen, wo die Eltern wohnten, als man Kind gewesen ist. Dort, wo die eigene Sprache, der eigene Dialekt gesprochen wird. Im letzten Jahr war dieser ideologisch ziemlich aufgeblähte Begriff im (partei-)politischen Deutschland in aller Munde. Man überlegte: Geht das auch irgendwie ent-ideologisiert, ohne das Geklapper von interessierter Seite, die damit ein Hier und ein Dort erklären wollen, um die von dort von denen von hier zu separieren? Ja, das geht, wenn man den Spieß umdreht: Die Definitionsmacht, was Heimat sei, muss bei jenen liegen, die keine mehr haben.  Man ist dann schnell bei Menschen wie Ruth Klüger oder Jean Améry, die sehr genau beobachtet und beschrieben haben, wie es ist, wenn Heimat definiert wird, um sie auszuschließen. Aber das ist die Vergangenheit, her mit der Gegenwart!

Das herkömmliche Verständnis von Heimat geht von einem mehr oder weniger stark räumlich geprägten Heimatbegriff aus. Heimat kann man aber noch anders verstehen, nämlich zeitlich. Vermutlich hat jede/r einen Zeitanker, ‚sein‘ Jahrzehnt, in dem er oder sie heimisch ist. Dadurch öffnet sich die Perspektive: Irgendwie sind wir alle, die schon alt genug geworden sind, Vertriebene aus der eigenen Heimat, die wir uns selbst geschaffen haben, ohne es damals überhaupt ansatzweise zu ahnen, geschweige denn, es zu forcieren. Die simple wie die Ideologen entwaffnende Erkenntnis, die wir alle dadurch mitnehmen: Heimat lässt sich erst beschreiben und erfahren, wenn man sie verloren hat. Von dem räumlichen Heimatverlust können mir heute Menschen erzählen, die mich in diesem Land mit den Nazis nicht alleine lassen, bis die Faschisten von heute auch mich irgendwann vertrieben haben werden. Zugegeben, ich bin kein Optimist. Nun, bis dahin ist es noch ein wenig, hoffe ich. Aber den zeitlichen Heimatverlust kenne ich nur zu gut: Ich erlebe meinen Zeitanker sehr intensiv, ich höre immer noch ‚meine‘ Musik von damals und vieles heute kommt mir einfach nur fremd vor. Ich will das nicht weiter ausführen, wenn man anfängt, das auszubreiten, wird es entweder sentimental oder peinlich, oder beides. Jedenfalls, Menschen, die mich heute kennen lernen, haben oft das Gefühl, dass sie gegen eine Wand laufen, dass sie nicht wissen, was zwischen uns steht, weil ich oft distanziert wirke. Das hat mit diesem Verlust von Heimat zu tun, die eine Grundmelancholie wie einen trennenden Fluss zwischen mir und meinen Mitmenschen setzt. Übersetzen kann nur, wer aus dem gleichen Jahrzehnt vertrieben wurde. Oder geduldig zuhört. Ich glaube, so ähnlich lässt sich auch Walter Benjamin lesen.

Aber da ist noch mehr, und das wurde mir erst so richtig bewusst, nachdem ich mich durch Didier Eribons neuestes Buch gefressen hatte. Wie ein Sog hatte es mich erfasst, weil sein Essay Dinge in mir angesprochen hat, die eigentlich schon längst bekannt sind, weil ich das schon so oder so ähnlich bei Pierre Bourdieu gelesen habe. Heimat, so Eribon, ist nicht nur räumlich und zeitlich zu verstehen, sondern auch sozial. Und das kann eigentlich nur den Literatursoziologen auffallen, wie Bourdieu oder eben Eribon.

II.

Ich habe einen Freund, der eine abwechslungsreiche Biographie hat und nur manchmal davon erzählt. Und von dem, was er erzählte, konnte ich damals nicht ganz folgen, und nur langsam setzt sich heute seine Geschichte wie ein Puzzle zusammen. Es ging um seine Lebensgefährtinnen, oder, wie man in jüngeren Jahren zu sagen pflegte: Freundinnen. Zwischenzeitlich fand er heraus, dass Männlein oder Weiblein relativ austauschbar für ihn waren. Allerdings meinte er, er konnte sich damals nicht vorstellen, mit jemandem zusammen zu sein, der nicht seinen Dialekt spräche. Es war ihm zutiefst suspekt, wenn er mit jemandem nicht in seinem vertrauten Dialekt sprechen konnte, es fehlte einfach eine Vertrautheit, die anscheinend im Kindesalter geprägt wurde und ihn auch irgendwie festnagelte. Das war im Alltag kein großes Thema, aber wurde zu einem Problem, wenn es emotional wurde. Dann gab es auf einmal eine seltsame Sprachbarriere.

Dieser Umstand wurde ihm irgendwann bewusst, als er zu allem Überfluss bemerkte (oder sich einredete), dass er sich nicht mehr von Personen angezogen fühlte, die in Deutschland aufgewachsen waren. Das war eine zutiefst paradoxe Situation für ihn, aber er fand irgendwie irgendwelche Heimatvertriebene, die ihm seinen Dialekt nachsahen und sich diesem anpassten, sodass er sich noch überlegen fühlen konnte in seinem Provinzialismus. Das trug eine gewisse Zeit lang, bis es ihn für Jahre weit ab seines Heimatdialekts verschlug. Im Laufe der Zeit drehte sich das Verhältnis um: Ihm kam sein eigener Dialekt fremd vor, provinziell, er schämte sich dessen. Es war wie ein Klotz an seinem Bein, der ihn festhielt, aber auch prägte, weil er das nicht abschütteln konnte wie Essgewohnheiten oder eine Kleiderordnung. Er war sprachlich determiniert. Aus Freundinnen und Freunden wurden mit den Jahren Lebensgefährtinnen und Lebensgefährten, und er schämte sich für seine Sprache, seine Herkunft, sah in jedem den Weltbürger, nur in sich denjenigen, der einmal so viel von seinem Dialekt hielt und es zuließ, dass er sein Leben bestimmte. Weil, nun, letztlich konnte auch er nicht aus seiner Haut heraus. Er hatte eine soziale Heimat, der er entflohen war. Das machte  ihn einsam. Und schüchtern. Aber wer konnte schon hinter diese Biographie sehen? Einer seiner letzten Lebensabschnittsgefährten, erzählte er, warf ihm immer vor, dass er ihn anlüge. Letztlich stimmte das wohl auch, sagte mein Freund, aber wohl in der Hinsicht, dass er ihm etwas vorgaukelte, was dieser in ihm sah, er aber nicht war. Ein Verwirrungsspiel wie in Shakespeares besseren Tagen.

III.

„Setzen sich diese konkreten, unmittelbaren Wahrheiten vielleicht auch deshalb nicht durch, weil es, wie Robert Roberts am Anfang von The Classic Slum bemerkt, kaum Soziologen und Historiker gibt, die sie aus der Innenperspektive der populären Klassen selbst erlebt haben? Dominiert deshalb in den Sozialwissenschaften eine äußerliche, verfälschende Perspektive auf die unteren Klassen? Eine der katastrophalsten Folgen der unerbittlichen Reproduktionslogik in Schulen und Universitäten (und besonders dort, wo über die Besetzung der universitären Lehr- und Forschungspositionen entschieden wird) ist die Gleichförmigkeit und damit Beschränktheit des Blickes auf die soziale Welt. Unter den Produzenten unserer wissenschaftlichen Diskurse finden sich fast keine Arbeiterkinder oder Kinder aus den unteren Schichten. Perspektiven, die aus dem Arbeitermilieu selbst kommen, sind fast vollständig eliminiert. Die Folge sind zahlreiche Verzerrungen, die als solche gar nicht auffallen. Mit pseudomethodischen Argumenten wird versucht, diese Umstände zu widerlegen, im Grunde werden sie dadurch aber nur noch brutaler. Es ist gar nicht schwierig, die Autorität der Wissenschaft infrage zu stellen. Man muss dazu nur die Schwäche ihrer institutionellen Garantien kennen. Um diese Schwäche aber zu erkennen, muss man den Milieus, die von diesen angeblich so gelehrten Autoritäten beschrieben werden, selbst angehört haben. Auch deshalb sehen die falschen Diskurse guten Zeiten entgegen.“

IMG_20180113_022838000
Foto: Wolfgang Schnier

IV.

Die Moderne ist das Zeitalter des Liberalismus, die Postmoderne das Zeitalter des Neoliberalismus. Die Aufklärung ist gescheitert, aber sie ist alternativlos: Sie muss ihre Defizite durch eine immer weiter akzelerierende Radikalisierung wettmachen. Dietz Bering bezweifelte, dass es unter postmodernen Bedingungen noch Intellektuelle geben könne. Er hatte vermutlich in einer bestimmten Lesart Recht: Die Intellektuellen haben die Deutungshoheit und damit die gesellschaftliche Relevanz abgegeben. Den Diskurs bestimmt die Ulknudel um viertel nach acht und die Serien im Stream, die vergessen lassen, dass die Realität so trist und trostlos ist, die Zukunft vernagelt und die Aussichten weltpolitisch mehr als mies sind. Diesen Eskapismus gibt es häufig in apokalyptischen Epochen der abendländischen Geschichte, selten war er so greifbar und technisch so real wie heute. Aber gut, so stellte sich das den jeweiligen Zeitgenossen immer dar, und auch früher konnte man sich nicht damit trösten, dass die Perspektive in der vormaligen Zeitstufe beschränkter gewesen ist. Diesem Gedanken weiter nachzuhängen führt an dieser Stelle letztlich zu weit, zurück also zur eigentlichen Spur: Die Deutungshoheit haben heute nicht mehr die Intellektuellen (wenn sie sie je hatten), sondern ein gesellschaftliches Phänomen, dass sich teils als kulturindustrielle Fratze, teils als pseudodemokratische Bewegung beschreiben lässt, das die demokratische Gesellschaft mit ihren eigenen Mitteln schlagen möchte (1,2,3,4,5,6). Diese Prozesse hängen unmittelbar zusammen, wie auch ein Blick auf die kulturpolitischen Fehlentscheidungen der 1980er Jahre in Deutschland zeigt. Dies ist Teil eines komplexen gesellschaftlichen Wandels, der nicht nur technisch beschrieben werden kann, sondern auch als ein Wertewandel. Der Aspekt, der hier interessiert, ist die Bedeutung des Bildungsbürgertums, oder, abstrakter, das Bildungsideal, wie es sich irgendwann einmal in der Moderne herausgebildet hat. In der Zeit der Moderne und des Liberalismus war Bildung ein erstrebenswertes Ideal, dementsprechend hoch angesehen waren die Intellektuellen, zumindest im wahrnehmbaren Diskurs, wie er sich präsentiert. Das an sich muss man nicht idealisieren, denn diese Verantwortung und Deutungsmacht konnte auch fatal sein, wie ein Hinweis auf den Berliner Antisemitismusstreit deutlich macht. Aber damit einher ging eine gewisse Mentalität: Das Bildungsbürgertum hatte zwar immer schon einen Dünkel, aber die Attraktivität, mehr zu wissen und mehr zu verstehen, hatte einen gewissen Sog und einen gewissen Charme. So richtig erfassen kann man das vielleicht erst heute, wo er kaum mehr eine Rolle spielt. Und das ist noch nicht so lange her, als dies kippte. Peter Weiss konnte noch in seiner Ästhetik des Widerstandes folgender Auffassung sein:

Kulturarbeit nannte Coppi den Übergang der Eingeschlossenheit im Betrieb zur Offenheit des Kurses am Abendgymnasium, denn der Schritt dorthin war die Leistung, er mußte gelingen, durch ihn mußte die Erschöpfung überwunden werden, die uns zurückhalten wollte. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer fiel nach den ersten Stunden ab. Die Stirnen schlugen aufs Pult, niedergehaun von zwölf Stunden, die um sieben Uhr abends aus Blei waren. Das Unterrichtswesen kalkulierte diese Gefallnen ein, die Überlebenden hielten sich mit den Fingern die Augen auf, starrten die verschwimmenden Tafeln an, kniffen sich in den Arm, kritzelten ihre Hefte voll, und während des letzten Lehrabschnitts fielen noch mehr ab, es genügte, eine Woche zu verlieren, durch Wohnungssuche, Arbeitssuche, durch einen Unfall oder einfach nur durch Entmutigung, und sie waren raus aus dem Pensum gerissen.

Aufklärung war einmal die etwas voreilige Hoffnung des Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Heute wird diese Unmündigkeit nicht nur zelebriert, sondern gilt als erstrebenswert. Das Studium dient in den meisten Fällen einzig der Karriere, nicht der persönlichen Entfaltung und Selbstverwirklichung, der Sinn des Lebens interessiert nicht mehr vor der Midlife Crisis. Das ist ja unter einem individuell-hedonistischen Blickwinkel vielleicht sogar noch begrüßenswert, gesellschaftspolitisch ist das fatal und führt zu Prozessen, mit denen wir uns heute herumschlagen: Die Gegenaufklärung bestimmt den Diskurs, die Faschisten sitzen im Bundestag und Trumps Mitarbeiter versuchen dessen Fernsehkonsum unter acht Stunden am Tag zu drücken. Die Aufklärung frisst ihre Kinder, der Prozess radikalisiert sich ein weiteres Mal, dieses Mal unter neoliberalen Vorzeichen. Und das Bildungsbürgertum? Es denkt an Platon wie an einen Fluch. Oder vielleicht wie an die Büchse der Pandora, oder an Goethes Zauberlehrling: „Diejenigen, die zu klug sind, sich in der Politik zu engagieren, werden dadurch bestraft, dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst.“ Der Konservative denkt sich vielleicht noch, der Sündenfall war die Französische Revolution. Vielleicht hat er auch noch Bismarck im Ohr: Fert unda, nec regitur. Aber dieses Lamentieren führt zu nichts, oder, nur zu kreisförmigen gedanklichen Bewegungen, die sich selbst tottreten. Der Punkt ist: Was für eine Perspektive ist das denn überhaupt?

Screenshot_20180111-235732_20180113081232306

V.

„’Es lag ein Fluch auf uns‘, sagte mir meine Mutter, um zu erklären, warum sie in ihrem Leben nicht glücklich werden konnte, und erzählte mir danach die Szene, die ich schon in Rückkehr nach Reims wiedergegeben habe: Der Vater ihrer Mutter verjagt seine siebzehnjährige Tochter, weil sie Schwanger ist: ‚Hau ab mit deinem Bastard! Verflucht seid ihr alle beide!‘ Dieser Fluch war aber nicht von einem einzelnen Menschen ausgesprochen worden, so dumm und borniert dieser auch sein mochte. Die Unerbittlichkeit dieses Vaters war nur das Echo von Haltungen und Aussagen, die schon lange vor ihm bestanden. Im Grunde war sein Ausruf ein Zitat. Was seine Stimme da aussprach, war so etwas wie das unsichtbare, ungreifbare Gericht, von dem Kafka spricht, das Gericht, dessen Urteilssprüche man niemals verstehen kann und doch auf sich nehmen muss. Man weiß nicht, warum und woher diese Urteile gesprochen werden. Aber man entdeckt eines Tages, dass sie uns vorangehen, uns umgeben, uns begleiten, bewerten und ohne irgendeine weitere Erklärung verurteilen. Gesellschaft als Urteil.“

VI.

Mein Freund, von dem ich weiter oben sprach, erzählte mir auch, dass er manchmal ein seltsames Gefühl seinen Studenten gegenüber gehabt habe. Es war ihm, als stünden sie über ihm, als müsse er zu ihnen aufblicken. Sie sprachen dialektfreies Deutsch und hatten etwas an sich, das ihm befahl. Dabei waren sich diese Studenten dessen überhaupt nicht bewusst, im Gegenteil, sie kamen zu ihm, um Rat zu fragen, schließlich war er nicht nur der ältere, sondern auch derjenige, der sie lehrte. Aber irgendwie verunsicherten sie ihn und er empfand eine Scham, die er nicht auf irgendein Ereignis, auf irgendeine Begebenheit zurückführen konnte. Aber er kam dem auf die Spur: Es war ein Habitus, den diese Studenten hatten, die sie anscheinend qua Geburt distinguierten. Und er, mittlerweile in der Selbstwahrnehmung kaum mehr der deutschen Sprache mächtig (und so scheint es ihm heute noch), musste sozusagen zu ihnen aufschauen, er, der einmal stolz auf seinen Provinzialismus gewesen ist. Damit kam niemand zurecht, weder er noch die Studenten. Seltsames stand zwischen ihnen, weil es noch nicht einmal angesprochen und damit aus dem Weg geräumt werden konnte. Auch blieb er ein Fremder in seinem Kollegium. Anfangs habe er zwar schon das Gefühl gehabt, dass er willkommen gewesen sei. Aber nach und nach stellte sich heraus, dass er die Codes nur imitierte, dass es ihm schwer fiel sie zu befolgen. Zu allem Überfluss war nicht nur ihm das bewusst, sondern auch seinen Kollegen, die wohlwollend darauf reagierten und gerade dadurch auf der sozialen Distanz bestanden. Dieses Erlebnis verstörte ihn so sehr, dass er die Universität verließ und zurück in seine räumliche und soziale Heimat ging. Er ging zurück zu seinen Wurzeln, zu seiner vertrauten Umgebung. Er arbeitet heute als Arbeiter in einer Fabrik. Aber auch dort ist er nicht heimisch, allenthalben muss er sich anhören, er könne dem doch entfliehen, ein anderes Leben führen. Aber das hört er selten: Mittlerweile verdient er mehr als seine alten Freunde im akademischen Prekariat, bei denen es noch nicht einmal so sehr ins Gewicht fiele, wenn sie streikten oder ganz unter den Tisch fielen. Es interessiert ja niemanden mehr — anders als bei ihm womöglich, wenn Produktion und Konsum ins Stocken kämen.

VII.

Soziale Heimat ist kein affirmativer Begriff, meistens ist es eine Tatsache, der man ähnlich fatalistisch gegenüber steht wie dem Wetter. Daher macht es auch keinen Sinn, den Begriff emotional zu überfrachten, es sei denn, man möchte ihn instrumentalisieren. Das ist so wirkungsmächtig wie uninteressant: Man lässt sich den Diskurs bestimmen von Leuten, mit denen man nichts zu tun haben möchte. Aber es hilft nichts, man muss einmal darüber nachdenken. Ich fange dabei am besten einmal von hinten an: Mich interessiert die französische Gesellschaft vor allem deshalb, weil ich der Meinung bin, dass sie manche Prozesse zehn bis zwanzig Jahre vor der deutschen Gesellschaft durchexerziert hat. Die ganzen Auseinandersetzungen mit dem Front National gehen mindestens zurück bis in die 1990er Jahre und gipfelten 2002 in der Notwendigkeit, gegen den Front National zu stimmen, egal welcher andere Kandidat zur Wahl stand. So gewann damals Chirac mit den Stimmen der Linken die Wahl gegen den ersten Le Pen. Die Franzosen haben auch ein zweites Mal die Prüfung bestanden. Aber die Diskussionen der letzten Jahre sind fatal. Houellebecq ist das enfant terrible — oder ist er nicht mehr als der Überbringer der schlechten Nachricht? Aber auch das ist eine Frage, die letztlich vom Thema wegführt. Interessanter ist die Frage, die Gila Lustiger aufgeworfen hat: Wieso haben bei all den Ausschreitungen in den Pariser Banlieues die Bibliotheken zuerst gebrannt? Diese sozialdemokratischen Einrichtungen, die den Elenden und Verdammten dieser Erde — so weit reicht noch der koloniale Schatten der Grande Nation — die Möglichkeit schaffen sollten, ihrem Elend zu entkommen, waren diesen Elenden ein Fanal, das Signum ihrer Verdammnis: Je voller die Bibliotheken waren, desto größer wurde die Distanz, je tiefer die Regalmeter in die Geschichte reichten, desto größer die historische Tragweite ihres Schicksals. Deshalb brannten die Bibliotheken, deshalb ist Bildung nur selten erstrebenswert, sondern heute vor allem ein Distinktionsmerkmal für diejenigen, die sie nicht erreichen können. Der Liberalismus fraß seine Kinder, weil noch das Ideal der Chancengleichheit für die meisten unerreicht blieb und wie ein Hohn klingen muss für die Masse derjenigen, die nicht zum Zuge kamen. Und mit dieser Perspektive bleibt einem jeglicher affirmative Bezug zur sozialen Heimat im Halse stecken. Sie lässt sich nur beschreiben, wenn man sie einmal hinter sich gelassen hat, sie verloren hat, wenn man einsam geworden ist im Verlust der Gewissheiten. Das konnte man ja auch schon seit Jahrzehnten nachlesen, aber manchmal muss man eben wieder darauf gestoßen werden, wenn nicht von Bourdieu, dann eben jetzt von Eribon.

VIII.

„Auch diejenigen, die sich den Normen eines professionellen Milieus, eines professionellen Milieus, eines Metiers, eines Berufsstandes und so weiter so gut es geht widersertzen, müssen diese Normen immer schon bis zu einem gewissen Punkt respektiert haben, denn sonst hätten sie zu den Ausdrucksmitteln, die sie jetzt für sich nutzen können, gar keinen Zugang bekommen. Man kann nicht in einem Milieu leben, ohne sich dessen Funktionsweisen — und seien es nur die Abläufe der täglichen Existenz — zu eigen zu machen. Man wird von jedem Milieu unweigerlich vereinnahmt. Dieser primäre Gehorsam ist die unverzichtbare Grundlage für jeden Ungehorsam. Zumindest von denen, die sich selbst als Teil des ‚kulturellen‘ oder ‚intellektuellen Milieus‘ betrachten, sollte man allerdings erwarten können, dass sie sich eine gewisse Widerspenstigkeit, einen gewissen Respekt vor dem, was ihre gesellschaftliche Funktion ist oder sein sollte, erhalten. Stattdessen dominieren Anbiederung, Opportunismus, Machtgier und Eitelkeit, Konservatismus und Prinzipienlosigkeit, das Nachbeten von Glaubensätzen, denen garantiert applaudiert wird… Alle dies Haltungen machen das exakte Gegenteil von dem aus, was der Stolz eines Intellektuellen sein sollte. Viel zu oft sind die Menschen, denen man in diesen Sphären tatsächlich begegnet, himmelweit von dem idealisierten Bild entfernt, das man sich zu Studienzeiten von ihnen gemacht hat, als man ihnen begegnen und einer von ihnen werden wollte. Es gibt wunderbare Intellektuelle, keine Frage. Und es gibt solche, die, gelinde gesagt, abscheulich sind. Nicht selten ist die Enttäuschung brutal und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.“

IX.

Wer nicht mehr in der Welt heimisch ist, aus dem einen oder anderen Grund, der hat es schwer. Ein Trost mag für manchen das Metaphysische sein (1,2), das zum Sinn des Lebens werden kann. Aber ist das nicht schon ein Verrat an all jenen, die dieses Zelebrieren von Bildungsmacht wie Hohn empfinden müssen? Wie ein Bestehen auf und Ausbuchstabieren des Abstands zwischen ihnen und jenen, die den Wein predigen? Die Tage von Peter Weiss sind gezählt, das Bildungsideal verraten, der Liberalismus tot, es lebe der Neoliberalismus, die Kulturindustrie, Trump, Front National und Vox Populi in Deutschland! Wer hat in dieser Welt noch eine Heimat? Das mag man am liebsten gar nicht wissen.

X.

Es gibt keine hoffnungsfrohe Perspektive mehr, keine, die auf Morgen vertrösten würde, keine, die über die Gegensätze zwischen oben und unten hinwegtäuschen könnte. Nicht nur die Aufklärung muss sich radikalisieren, dieses bürgerliche Projekt, das gescheitert ist, sondern anscheinend auch ihr Wirtschaftssystem. Aber das weiß man auch schon seit über hundertfünfzig Jahren. Die Menschheit steht vor derart komplexen Problemen, dass Szientisten wie Steven Hawking nichts Besseres einfällt, als gedanklich Reißaus zu nehmen und einen neuen Planeten zu suchen, auf dem es dann weitergehen soll. Das kann man machen, aber das löst doch das eigentliche Problem nicht, sondern verlagert es nur. Ähnlich ist es bei Ideen, Asteroiden oder auch den Mond als Rohstoffquelle in den Blick zu nehmen. Das alles ist ja schön und gut, aber es weist umso deutlicher darauf hin, dass im Diskurs mittlerweile nur noch technische Lösungen für die Probleme der Menschheit zirkulieren, aber keine sozialen. Darüber kann auch kein sozialdemokratischer Minister hinwegtäuschen, der noch Marx zitieren kann, oder dass in Schleswig-Holstein tatsächlich das bedingungslose Grundeinkommen in einem Feldversuch erprobt werden soll.

XI.

Mein Freund interessierte sich sehr für Eribons Begriff der Habitusspaltung. Demnach unterliegt jeder Klassenflüchtling einer Habitusspaltung, er fühlt sich nicht zuhause in seiner neuen sozialen Heimat. Das fällt nur dem auf, den es betrifft: Heimat lässt sich nur im Status des Verlustes definieren. Wir redeten auch über Gramsci, der meinte, jede Klasse habe seine Intellektuellen. Wir sollten einen Lesekreis ins Leben rufen und die Gefängnishefte lesen, meinte er. Ich las ihm aus Peter Weiss vor: „In der gesellschaftlichen Polarisierung siegten nicht die Kräfte, die einen sozialen Fortschritt herbeiführen wollten, sondern der in Selbstzerstörung übergehende Konservatismus.“ Wir tranken Wein und er erinnerte an Johannes Agnoli, der angesichts von Adornos Diktum „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ sagte, wenn das stimme, könne man den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und in Norditalien Tomaten züchten. Ich erwiderte, wir nordeuropäischen Barbaren müssten es in Norditalien erst einmal besser machen als Stendhal. Das stimme, sagte mein Freund, aber sei das dann Ausdruck unseres sozialen oder intellektuellen Eskapismus? Ich ließ die Frage der Einfachheit halber offen.

XII.

„Etwas Analoges lässt sich von Leuten sagen, die wegen einer Habitusspaltung, die auf ihren sozialen Aufstieg zurückzuführen ist, mit ihrer Umgebung ‚über Kreuz‘ sind. Wenn jemand eine Stelle, eine Stellung oder einen Status innehat, der für ihn (oder sie) nicht selbstverständlich ist, weil er (oder sie) nicht schon immer dafür bestimmt oder zugelassen war oder darauf vorbereitet wurde, dann folgen daraus eine charakteristische Rollendistanz sowie die Ausprägung eines gewissen kritischen Denkens und Verhaltens, das auf Personen mit einem ähnlichen Status verwirrend wirkt. Anders als man vielleicht denken könnte, ist es keineswegs angenehmer, mit sich selbst nicht übereinzustimmen — in sozialer, beruflicher und in anderen Hinsichten —, als dies perfekt zu tun. Etwas Vergangenes scheint in der Gegenwart zu überdauern, es macht sie unsicher und manchmal unerträglich. Man ist – im mehrfachen Wortsinn — deplatziert.“


Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Berlin 2017. (daraus entnommen sind die Zitate  III. V. VIII. und XII.)
ISBN: 978 3 518 073308

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s