Über Goethes Werther ist schon sehr viel geschrieben worden und ich überlege, ob es überhaupt lohnt, dem etwas hinzuzufügen. Aber es gibt da einen Punkt, von dem lese ich kaum etwas, und das ist etwas seltsam, denn ich finde ihn sehr offensichtlich. Ich habe dieser Tage den Briefroman auch als ein Ein-Personen-Stück im Theater gesehen, und hier wurde mein Gedanke noch offensichtlicher, da das Publikum in seinen Reaktionen meine Vermutung unterstrich.

Aber erst einmal der Reihe nach. Goethes Werther ist ein Briefroman, der verschiedene Stationen der Entwicklung in der Beziehung Werthers mit der mit einem anderen Mann verlobten Lotte thematisiert. Das Buch war so erfolgreich, dass europaweit die liebestollen und affektgesteuerten jungen Burschen sich anzogen wie Werther und sich im Werther-Fieber auch allenthalben selbst umbrachten, um so ihrer Gefühlslage nachdrücklich Ausdruck zu verleihen. Die konservative Schickeria von Lavater bis Lessing standen dem Werk äußerst skeptisch gegenüber, da dieser Schlüsselroman des Sturm und Drangs die christlichen Werte unterminiere und nicht einer gesitteten Moral zuträglich sei. Oder so ähnlich, das alles und noch viel mehr kann man ja heute recht einfach nachlesen. Wenn man sich das heute so ansieht, dann kommt das manchem schon etwas seltsam, vielleicht sogar lächerlich vor: Ein Buch soll so viel Furore machen? Manche Erklärbären sind schnell bei der Sache und verweisen auf die Beatle-Mania oder die Kelly Family, die ähnliche Begeisterungsstürme ausgelöst hatten — oder, wenn es belesene Erklärbären sind, dann kennen sie Harry Potter und A Song of Ice and Fire, die weite Teile der Menschen in unserem westlichen Kulturkreis erreicht haben (oder immer noch erreichen) und ihnen ein Gefühl dafür geben, wie prägend letztlich Literatur sein kann. Das ist nicht verkehrt, aber etwas simplifizierend, denn Faktoren, die heute hinzukommen, hat es zu Werthers Zeiten noch nicht gegeben. Das ist zum Beispiel die mediale Dauerbeschallung, die bis hin zu einer klinisch relevanten Reizüberflutung gehen kann und Menschen heutzutage in einer Art und Weise konditioniert, wie es vorher eben nicht möglich gewesen ist: Dekonzentration, Multitasking und das Informationsüberangebot können wir uns heute nicht mehr weg denken und es fällt sehr schwer, sich ein Leben ohne diese Dinge vorzustellen. Aber genau diese Bedingungen, die unser Leben und Lesen heute bestimmen, gibt es noch nicht allzu lange, sodass alle Prozesse und Ereignisse vorher hinter einer Verstehensbarriere erst rekonstruiert werden müssen. Dazu kommt noch die kulturindustrielle Zurichtung der Welt, die ebenfalls ein Resultat der Entwicklungen des 20. Jahrhunderts ist. Dabei muss man zumindest einen Punkt im Hinterkopf behalten: Kulturartefakte werden unter kulturindustriellen Bedingungen zur Werbung der Welt, wie sie ist. Sie ist ein Ordnungsfaktor und gaukelt eine scheinbare soziale Gesetzmäßigkeit vor: Sie verdoppelt die Realität und zementiert gerne bestehende soziale Gegebenheiten in alle Ewigkeit fest. Ich will das nicht weiter ausführen, denn eigentlich will ich auf etwas anderes hinaus. Aber vielleicht noch so viel: Im Gegensatz zur Kulturindustrie, die den Menschen mit süßem Brei verhungern lässt, richtet Kultur die Menschen auf und erhebt Einspruch gegen die miesen Verhältnisse, unter denen sie leben müssen. Und auch das war innovativ am Werther: Artikulation eines modernen Bewusstseins, dessen Vehemenz sich besser an dem Lamentieren des Kultur- und Moralverfalls seiner Kritiker ablesen lässt als an den Reaktionen der Werther-Fiebrigen.

Eigentümlicherweise lassen sich zumindest der Faust und der Werther in einem Punkt nahezu parallel führen. Werther ist aufgespalten zwischen zwei emotionalen Extremen: Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – diese Wendung kommt, wenn ich mich nicht irre, zuerst im Werther vor. Und ganz ähnlich ist auch Faust strukturiert, wenngleich sehr viel komplexer. Allerdings schlagen bei Werther die Extreme über die Stränge und sie hängen linear miteinander zusammen: Aus dem einen Gefühl erwächst das andere. Das ist im Faust anders. Letztlich führt dieses zu Tode betrübt sein zu Werthers Selbstmord, der ultimative Ausdruck der eigenen Leiden. Das ist ziemlich affektgeladen und eigentlich Zeichen mangelnder Ausdrucksfähigkeit — zumindest, was die Nachahmer-Selbstmorde angeht. Und genau das ist auch die Spur, auf die ich hinaus möchte.

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Der junge Goethe schreibt ein Liebesgedicht

Es gibt nämlich genaugenommen drei Gemütszustände im Werther, allerdings kann der dritte nur vom Rezipienten beobachtet werden. Werther fehlt diese Reflexionsfähigkeit und vielleicht kann sie zeitgenössisch nur eine etwas irritierte Hofdame haben, angesichts der Werther-Klone überall. Die zweite Phase, dieses zu Tode betrübt sein von Werther, geht nämlich einher mit einem affektierten Selbstmitleid, welches auf unbeteiligte Dritten seltsam wirken muss: Kann sich dieser liebestolle Narr nicht am Riemen reißen, denkt man sich. Ja und nein — das Thema, das ein weites Feld ist und sehr unterschiedliche Facetten hat, ist auch heute noch aktuell. Jedenfalls, der Punkt ist: Gerade, weil Werther den Sprung in die Selbstreflexion nicht schafft, die ihm das Selbstmitleid, in dem er sich suhlt, offenbaren würde, ist sein weiteres Schicksal determiniert. Das führt dann zur Frage, ob es einen freien Willen ohne Selbstreflexion geben kann — und was dann letztlich der Maßstab sei, damit man das eine oder das andere beurteilen könnte. Interessanterweise findet man das gleiche Thema auch in der nur wenige Jahre jüngeren Zauberflöte; der Unterschied ist der deus ex machina, den Goethe seinem Werther nicht zugesteht. Aber das ist ein anderes Thema.

Was bleibt vom Werther heute? Eine ungebremste Kraft und Leidenschaft, eine Erinnerung an das jugendliche Feuer, an dem man sich von Zeit zu Zeit nochmal wärmen kann. Dabei sollte man sich die Reflexion über diesen dritten Gemütszustand aufheben, bis das Buch gelesen oder das Ein-Personen-Stück vorbei ist. Das hält die Knochen jung.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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3 Kommentare

  1. Hallo Wolfgang,
    Deine Klassiker-Auslegung ermutigt, den Werther nochmal anzuschauen. Wie ich wohl im Zusammenhang mit der Kanon-Diskussion schon mal geschrieben hatte, waren während meiner Schulzeit in den siebziger Jahren die Klassiker im Hintertreffen. Also lasen wir Ulrich Plenzdorfs „Neue Leiden des jungen Werther“. Nachher hatte ich Goethes Buch mal versucht, fand den Ton damals so schwülstig, dass ich es wieder weglegte. Deine Lesart regt einen neuen Versuch an.
    Aktuell erfreut mich die Lektüre von Goethes „West-östlicher Divan“ .
    Schöne Grüße
    Bernd

    1. Lieber Bernd,
      ja, der West-östliche Divan ist sehr interessant, vor allem bei einer heutigen Relektüre. Allerdings muss ich sagen, haben mich die Xenien mehr angesprochen, allerdings muss ich sagen, habe ich insgesamt einen schwachen Draht zu Goethes Gedichten. Aber so ist das manchmal mit individuellen Vorlieben. Und dazu gehört auch der Werther: Wenn er Dir nicht liegt, weshalb solltest Du Dich da durchquälen? Allerdings, ja, es kann ja sein, dass er für Dich mittlerweile lesbarer geworden ist. Das kannst Du dann in der Tat einmal ausprobieren!

  2. Lieber Herr Schnier,

    Ihrem Beitrag kann ich nur zustimmen. Selbstreflexion ist für Werther gar nicht nötig, da er auf die Empfindung setzt. Er ist trotz oder wegen seines Alters forsch genug, zu meinen, dass Empfindungen und rechte Ideen als Erkenntnismittel ausreichen. Beschäftigt hat mich in diesem Zusammenhang auch die folgende Passage aus dem Brief vom „15. März“: „Ich strich mich sacht aus der vornehmen Gesellschaft, ging, setzte mich in ein Kabriolett und fuhr nach M., dort vom Hügel die Sonne untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu lesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinehirten bewirtet wird. Das war alles gut.“ Das ist für mich Synonym für Werthers Gedankenflucht – Selbstreflexion, ist daher nicht möglich, da sie die Anerkennung gesellschaftlicher Maßstäbe voraussetzt –, gleichbedeutend mit der Einsicht, dass Werther sich nicht in der eigenen, sondern nur in der griechischen Welt bespiegelt, wie übrigens auch Hölderlins Hyperion.

    Viele Grüße und Danke für Ihre Anregungen!
    Gerold Paul

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