Inspiriert von Ralph Schock, der über seine Kindheit in den 1950er Jahren berichtet,  und auch von Aharon Appelfeld letztem Buch Meine Eltern, möchte ich in einer losen Reihenfolge Schlaglichter auf die Zeit einige Jahrzehnte später werfen. Neben dem Festhalten von einzelnen persönlichen Episoden, die genaugenommen relativ belanglos sind, geht es bei den meisten Erinnerungen, die ich gelesen habe, auch um die Darstellung von normativen Wertvorstellungen, die in einer gewissen Zeitstufe habituell und gesellschaftlich derart normal, akzeptiert, virulent und/oder unauffällig gewesen ist, sodass erst in der Retrospektive Auffälligkeiten und Besonderheiten zu Tage treten. Diese Berichte sind in der Moderne kulturgeschichtlich wichtiger als je zuvor: Durch die ständige Akzelerierung technischer und sozialer Prozesse und die sich daraus ergebenen Umbrüche verschieben sich diese normativen Gewissheiten mittlerweile innerhalb einer Generation. Wenn man sich einmal anschaut, wie relativ stabil frühere Gesellschaften über Jahrhunderte gewesen sind, dann wird dieser Punkt evident — dramatisch stellt es sich in unserer Zeit dar, da meine Generation die letzte vor der digitalen Revolution gewesen ist und noch eine vordigitale Kindheit erlebt hat. Das hat sich fundamental und unumkehrbar geändert: Auch wenn man versuchen würde, seine Kinder heute gänzlich frei von technisch-digitalen Einflüssen zu halten, etwa weil man denkt, das sei noch sehr empfehlenswert, dann ändert das nichts an der Tatsache, dass die Kinder heutzutage von Menschen inspiriert und beeinflusst werden, die selbst tief im digitalen Selbstverständnis verwurzelt sind, seien es die Eltern selbst, die LehrerInnen oder sonstige engere oder weiter entfernte Bezugspersonen. Insofern haben solche Erinnerungssplitter nicht nur den Zweck einer nostalgischen Betrachtung, welche an der Oberfläche zwangsläufig mitläuft, sondern sind auch Dokumente des Zeitgeistes, wie er sich in der jeweiligen Zeitstufe manifestiert hat. Darüber hatte ich auch immer wieder  kleinere Anekdoten festgehalten, mal hier, mal an anderer Stelle.

Hier geht es nun um ein Lied, das mittlerweile in der Rockgeschichte in völlige Vergessenheit geraten ist, aber an das ich manchmal denken muss, weil einer meiner Erinnerungssplitter mit diesem Lied verbunden ist — und ich immer Durst bekomme, wenn ich zufällig auf dieses Lied stoße.

Damals gab es so genannte Jingles. Das waren Lied-Snippets, die verschiedene Sendungen eingeleitet haben. Ich glaube, die Bedeutung der Jingles wurde erst mit der Fähigkeit von Handys, Liedsnippets als Klingelton abspielen zu können, zurückgedrängt. Jedenfalls waren die ersten Takte dieses Liedes das Erkennungszeichen einer äußerst populären Sendung der regionalen Radiostation. Ich weiß das noch ganz genau, weil ich damals viel Radio hörte, weil das die einzige Quelle war, um mein damaliges Lieblingslied zu hören. Außerdem coverte die Band des Nachbarjungen, der etwa zehn Jahre älter war, dieses Lied von Yes.

Damals tourte der Regionalradiosender mit dieser Sendung durch die Kuhkäffer und eines Tages kamen sie auch  in unser Dorf. Das war ein Ereignis! Das ganze Dorf war auf den Beinen, jede und jeder war im Festzelt am Sportplatz, auf der Bühne irgendwelche semiprominente Moderatoren und dann die Dorf-High-Society: Der Ortsvorsteher und der Vorsitzende des Kulturvereins und der Ehrenvorsitzende der Freiwilligen Feuerwehr in voller Uniform und allen Ehrenabzeichen. Und ähnlich wichtige Persönlichkeiten. So genau kann ich das heute nicht mehr sagen. Das Festzelt war brechend voll und neben den Reden und Gesprächseinlagen wurde immer wieder Musik angekündigt, die wir dann in dem Festzelt nicht hörten, warum auch immer. Teil des Events war dann, dass ein blauer Ball von der Bühne in die Menge geworfen wurde. Wer ihn fangen konnte, der durfte sich ein Lied wünschen.

Ich war natürlich auch in dem Zelt und hatte im Laufe des Nachmittags endlich von meiner Mutter eine Mark Fünfzig erbettelt, weil ich Durst hatte und etwas trinken wollte. Meine Eltern waren damals der Meinung, dass Kinder nicht so viel trinken sollten und sagten dann Sprüche auf wie: „Haste Durst, beiß‘ in die Wurst!“, was es natürlich nicht besser machte, und wenn man dieser Empfehlung folgte, dann verschlimmerte sich der Zustand womöglich noch in dramatischer Weise, je nachdem, ob man ein mildes Wiener Würstchen fand oder einen Pfefferbeißer. Und wer kann das eine schon so sicher von dem anderen unterscheiden? Wurst ist Wurst. Vielleicht wächst aber auch mit solchen Sprüchen eine gewisse Skepsis, dass man der Regelpoetik und ihren Nacheiferern nicht unbedingt trauen kann, dass ihre Reime und ihre Regelmäßigkeit trügerisch sind und über die eigentlichen und grundlegenden Fragen hinwegtäuschen. Das entscheidet sich spätestens bei diesen Kalauern der Halbbildung. Jedenfalls hasste ich diese Reimsprüche wie die Pest und mir fehlte die Fähigkeit, mich gegen diese inhaltslosen Begründungen und Argumente zu wehren. Vielleicht schärfen aber solche Nullsätze auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit, gegen diesen Unsinn Gegenworte zu finden. Nun, jedenfalls hatte sich meine Mutter irgendwann erweicht und sie hatte mir eine Mark Fünfzig zugestanden, um davon eine Fanta zu kaufen (keine Cola! Die trank immer der Benjamin aus unserer Straße und der war dick und rund und schlief nachts nicht!). Ich rannte also von meinem Platz durch das Zelt, um eendlich an dem Verkaufsstand etwas zu trinken zu bekommen! Da flog mir plötzlich ein blauer Ball entgegen, den ich geistesgegenwärtig fing. Das Zelt gröhlte! Aber ich hatte keine Zeit für so etwas und warf den Ball einfach hinter mich und lief weiter an den Verkaufsstand. Die Leute in dem Dorffestzelt waren außer sich. Der Moderator kommentierte die Szene und ich kam mir recht seltsam dabei vor. An dem Verkaufsstand bestellte ich mir meine Fanta, die nur eine Mark kostete. Ich hatte aber den Auftrag, das Restgeld unbedingt mitzubringen und bestand darauf, dass ich noch Restgeld bekomme. Der Mann hinter dem Tresen war etwas überfordert, weil ich eine Mark und ein Fünfzig-Pfennig-Stück hingelegt hatte und er nur eine Mark haben wollte. Aber ich bestand auf das Restgeld! Nach einem kurzen und trotzigen Hin und Her war er bereit, das Fünfzig-Pfennig-Stück gegen ein neues auszutauschen. Das war dann mein Restgeld und ich durfte endlich meine Fanta in Empfang nehmen! Ich rannte zurück zu meiner Mutter und gab ihr das Restgeld und schlürfte eeeeendlich meine kleine Fanta.

Mutter fragte mich, weshalb ich den Ball weitergeworfen hätte. Das wäre doch so eine Ehre den gefangen zu haben! Ich war überfordert und konnte ihr nicht erklären, dass ich andere Sorgen hatte, als diesen blöden Ball zu fangen und ordnungsgemäß abzugeben. Aber mir fehlten die Worte, um ihr das zu sagen. Nach einer kurzen Zeit musste ich aber auch wieder los, denn ich hatte noch Arbeit zu tun. Zu der Zeit war das Pfand noch nicht erfunden und die Kinder durften alle Flaschen einsammeln und wenn sie drei oder vier Kästen an Glasflaschen zurückgebracht hatten, bekamen sie eine Fanta als Lohn für ihre Kinderarbeit. An so einem heißen Sommertag konkurrierte ich mit den anderen Kindern, für die das ein Spiel war.

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Foto: Wolfgang Schnier

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Hallo Wolfgang,
    mit der Erinnerung an den Durst gelingt Dir, eine erstaunliche Kindheitsgeschichte wiederzugeben. Warum glaubten die Eltern, Kinder sollten nicht so viel trinken? Der musikalische Rahmen im Festzelt. Der Ball. Die Eltern erfüllen den Wunsch, der zielstrebig verfolgt wird. Den Durst löschen. Die Kinder räumen das „Leergut“ auf.
    In meinem Foto-Album aus der Kindheit findet sich eine Aufnahme, limo-trinkend. „Selbst verdient“ steht dabei – nach Flaschen-Sammlung. Die Brause fühlte sich gut an.
    Das Nürnberger Sozialmagazin Straßenkreuzer titelt im Januar „Das Pfand ist sicher“ und widmet sich den Flaschen-Sammlern. Dazu sagen einige Befragte, es geht nicht nur um das Pfand-Geld, es geht auch darum, aus dem Haus zu gehen und etwas irgendwie Sinnvolles zu tun:
    https://www.strassenkreuzer.info/
    Viele Grüße, Bernd

    1. Tja, das ist eine gute Frage. Meine Mutter meinte einmal, dass sei bei ihnen damals in den 50ern genauso gewesen. Vermutlich gehörte das zu den Dingen, die man nicht hinterfragte und erst darauf gestoßen werden musste.

      Zu den Pfandsammlern gab es vor zwei, drei Jahren bereits eine soziologische Studie, in der wohl herausgekommen ist, dass es beim Pfandsammeln um gesellschaftliche Partizipation ginge. Das betrifft sozial und wirtschaftlich exkludierte Menschen in unserer Gesellschaft.

      Übrigens, am Rande ist das auch interessant, die Deutschen sind im Median sehr viel ärmer als andere Europäer..

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