Letztens fragte ich einige Freunde, welche Assoziationen sie bei dem Spruch „Die fetten Jahre sind vorbei“ hätten. Zwei Antworten kristallisierten sich heraus: Der Spruch diente seit den 1970er Jahren den neoliberalen Aposteln als Argument zur Durchsetzung ihrer politischen Agenda, der bis zum aktuellen Verelendungsprogramm der SPD und den Grünen im Zuge der Agenda 2010 dafür als Nullargument herhalten musste. Das war um das Jahr 2004, in welchem es auch einen deutschen Film mit diesem Titel gab — übrigens einer der beiden gelungenen deutschen Filme (der andere ist Lola rennt).

Der Spruch selbst kommt aus dem Tanach. Der Pharao träumt einen seltsamen Traum, den er und seine Wahrsager nicht deuten können. Joseph prophezeit ihm in seiner Deutung des Traumes, dass sein Land sieben fette und sieben magere Jahre haben wird. Joseph gelangt mit dieser Auslegung vom Sklaven, der jahrelang unschuldig im Kerker saß zum Berater des Pharaos. Dank Joseph kann Ägypten genügend Vorräte anlegen.

Die biblische Geschichte um den verlorenen Sohn geht noch weiter, aber dies kann man nicht nur im Tanach selbst nachlesen, sondern auch die ganzen Exegeten zu Rate ziehen, die sich vor allem mit dem weiteren Verlauf der Geschichte beschäftigt haben. Interessant ist Thomas Manns episches Werk zu Joseph und seinen Brüdern: Auf den ersten hundert Seiten beschreibt Thomas Mann, wie Joseph als Kind am Brunnen steht und Jakob auf ihn zugeht und mit ihm redet. Viel mehr Handlung geschieht nicht und kaum hat man sich versehen, sind hundert Seiten vorbei. Nunja, das Zeitverständnis und die Zeitwahrnehmung hat sich in unseren Tagen sehr gewandelt. Aber das nur am Rande. Mich interessiert der Punkt, an dem man feststellt, dass die fetten Jahre vorbei sind.

Die Kulturleistung bei diesen in der biblischen Geschichte angedeuteten langfristigen Prozessen ist, sich den turning point zu vergegenwärtigen und sich dann umzustellen. Allerdings zerbrachen genau an diesem Punkt bislang alle Hochkulturen; teilweise wurden diese turning points durchaus registriert, aber die Gesellschaften waren nicht in der Lage gewesen gegenzusteuern. So ist etwa die Wikingerkultur untergegangen, weil Fischessen verpönt war. Sie sind sozusagen auf dem Meer verhungert. Die Pointe ist, dass es erprobte Strategien gibt, die mitunter jahrhundertelang sehr erfolgreich gewesen sind und deswegen tief im sozialen Selbstverständnis verwurzelt sind. Daher ist es nicht so ohne Weiteres möglich, einen Transformationsprozess einzuleiten, der eben nicht nur diese erfolgreichen Strategien hinterfragte, sondern auch diese modifizieren und  die Gesellschaft dadurch grundlegend transformieren würde.

In der westlichen Welt sind die fetten Jahre ebenfalls vorbei: Es ist mehr als evident, dass die Art der Ökonomie, wie sie für die letzten circa 500 Jahren vorgeherrscht hat und die, ausgehend von Europa, sukzessive nahezu auf dem gesamten Globus durchgesetzt wurde, nicht wieder 500 Jahre wird laufen können. Dazu fehlen nicht nur die Ressourcen, sondern auch die sozialen Friktionen gemeinsam mit der ökologischen Katastrophe, die sich gegenseitig verstärken, sind durch die immer weiter akzelerierende Globalisierung der letzten Jahrhunderte nicht mehr im gleichen Maße für die westlichen Industriestaaten kontrollierbar wie bisher. Das führt zu einem enormen Transformationsdruck, dem die Gesellschaften eigentlich unterworfen sind. Aber die westlichen Gesellschaften schaffen es nicht, von dem ständigen Wachstumsdiktat abzukommen. Weder die seit den 1970er Jahren im Zuge der globalen Studentenbewegungen entstandenen internationalistischen Bewegungen, noch deren Neuauflage der im Umfeld der Le Monde diplomatique ausgegangenen sozialen Bewegung Attac, noch Occupy, Anonymous, die Nelkenrevolutionen, grünen Revolutionen, Arabellionen, und all die anderen Versuche, punktuell oder grundlegend Veränderungen in den verkrusteten globalen Systemen herbeizuführen, waren dazu in der Lage, sondern haben entweder die Seiten gewechselt oder sind gescheitert, niedergeschossen worden oder im Sande verlaufen.

Die Kulturleistung, den turning point nicht nur zu erkennen durch die Deutung der Zeichen der Zeit, sondern daraus Konsequenzen zu ziehen, liegt in dem biblischen Spruch ‚Die fetten Jahre sind vorbei‘ sedimentiert. Man kann davon ausgehen, dass unser gegenwärtiges Krisensystem nicht ewig weiter gehen wird, und Voraussagen des Untergangs des Kapitalismus sind beinahe so alt wie dieser selbst. Vermutlich kommen aber in unserer Zeit eine kritische Menge an unterschiedlichen Faktoren zusammen, bei denen es fraglich ist, ob der Kapitalismus sich auch dieses Mal neu erfinden wird. Es reicht, wenn man sich diese Punkte einmal stichpunktartig vor Augen führt: Klimawandel, Politikversagen und Verschärfung der ökologischen und sozialen Krise im globalen Süden und die dadurch bedingten Migrationsbewegungen; Digitalisierung, Miniaturisierung und Automatisierung von Arbeitsprozessen, bei denen bereits heute die Mehrheit der Menschen nicht mehr benötigt werden, sondern nur noch wenige Spezialisten. Das sind nur einige wenige Aspekte, die sich in den letzten zwanzig, dreißig Jahren mehr und mehr herausgebildet, gegenseitig verstärkt und vormalige Prozesse in ihrer Relevanz abgelöst haben. Man hat den Eindruck, nachdem bisherige Versuche gescheitert sind, die notwendige Transformation der globalen Gesellschaften einzuleiten, scheint es nun mit dem Aufschwung populistischer und autokratischer Lösungsalternativen darum zu gehen, genau diesen turning point so lange wie möglich hinauszuzögern — was absurd ist, weil er längst hinter uns liegt. Und das ist genau jene Strategie, die zwar durch Erfahrung bislang erfolgreich gewesen ist, aber an einem bestimmten Punkt gerade den Untergang einer Gesellschaft noch beschleunigt. Allerdings, und das ist der Unterschied, wenn man vormals auf dem Meer verhungerte, weil man den Fisch verschmähte, war das vielleicht tragisch, aber global gesehen kaum der Rede wert. Heute sitzt die Welt nicht nur auf einem Pulverfass, sondern man hat schon Schwierigkeiten, alle aufzuzählen, ohne eines zu vergessen. Es scheint, dass heutzutage die atomare Apokalypse per Tweet ausgelöst werden kann, und wenn vereinbarte Klimaziele annulliert werden, kann man sich auch ausrechnen, was das im Endeffekt bedeutet. Sic transit gloria mundi.

Die fetten Jahre sind also vorbei, wir wissen es, aber wir sind nicht in der Lage, den analysierten turning point als Anlass zu nehmen, die bisherige Organisation gesellschaftlichen Zusammenlebens neu zu organisieren. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie ältere Texte heute noch eine kulturelle Relevanz haben, da sie uns helfen, uns selbst zu beobachten. Dafür brauchen wir die Literatur.

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Sind die fetten Jahre nicht immer irgendwie vorbei? Damit will ich nicht sagen, dass ich glaube, dass alles noch lange so weiterlaufen wird wie bisher. In meiner ersten Karriere war ich Finanzanalystin und ich beobachte noch immer mit großem Interesse und zunehmend schlechtem Gefühl die Wirtschaftsentwicklung. Ich habe gerade begonnen, Yuval Noah Hararis „Sapiens“ zu lesen, das ja auf sehr vielen Blogs vorgestellt wurde. Kennst Du es? Er schreibt zum Beispiel: „ever since the Cognitive Revolution, Sapiens have been able to change their behaviour quickly, transmitting new behaviours to future generations without the need of genetic or environmental change.“ Das Buch hat zwar auch keinen besonders optimistischen Unterton, aber letztlich haben wir es selbst in der Hand – das unterscheidet uns von (anderen) Tieren.

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