Angeregt durch jüngste Kräuselungen an der tagesaktuellen Oberfläche, ist mir folgendes Gedicht von Georg Heym wieder eingefallen. Expressionistische Liebesgedichte haben oftmals den Vorzug, dass sie sich selbst im Ernstnehmen nicht so recht ernst nehmen. Das Extrem dieser Tendenz ist bekanntlich Dada („A-N-N-A“), aber das Gedicht bei Georg Heym ist ein archimedischer Punkt, denn es hält die Waage und die Spannung aufrecht und es kippt nicht in die eine oder andere Richtung. Außerdem habe ich die Vermutung, dass gerade Georg Heyms Gedichte einflussreich auf unterschiedliche Autorinnen und Autoren gewesen sind, ohne dass man dies bisher bei diesen bereits im Einzelnen untersucht hätte. Nunja. Vorhang auf:

Der Tod der Liebenden

Durch hohe Tore wird das Meer gezogen
Und goldne Wolkensäulen, wo noch säumt
Der späte Tag am hellen Himmelsbogen
Und fern hinab des Meeres Weite träumt.

„Vergiß der Traurigkeit, die sich verlor
Ins ferne Spiel der Wasser, und der Zeit
Versunkner Tage. Singt der Wind ins Ohr
Dir seine Schwermut, höre nicht sein Leid.

Laß ab von Weinen. Bei den Toten unten
Im Schattenlande werden bald wir wohnen
Und ewig schlafen in den Tiefen drunten,
In den verborgenen Städten der Dämonen.

Dort wird uns Einsamkeit die Lider schließen.
Wir hören nichts in unserer Hallen Räumen,
Die Fische nur, die durch die Fenster schießen,
Und leisen Wind in den Korallenbäumen.

Wir werden immer beieinander bleiben
Im schattenhaften Walde auf dem Grunde.
Die gleiche Woge wird uns dunkel treiben,
Und gleiche Träume trinkt der Kuß vom Munde.

Der Tod ist sanft. Und die uns niemand gab,
Er gibt uns Heimat. Und er trägt uns weich
In seinem Mantel in das dunkle Grab,
Wo viele schlafen schon im stillen Reich.“

Des Meeres Seele singt am leeren Kahn.
Er treibt davon, ein Spiel den tauben Winden
In Meeres Einsamkeit. Der Ozean
Türmt fern sich auf zu schwarzer Nacht, der Blinden.

In hohen Wogen schweift ein Kormoran
Mit grünen Fittichs dunkler Träumerei.
Darunter ziehn die Toten ihre Bahn.
Wie blasse Blumen treiben sie vorbei.

Sie sinken tief. Das Meer schließt seinen Mund
Und schillert weiß. Der Horizont nur bebt
Wie eines Adlers Flug, der von dem Sund
Ins Abendmeer die blaue Schwinge hebt.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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