Vor einiger Zeit schrieb ich einen kurzen Text über Selma Meerbaum-Eisinger, dem ich eine Charakterisierung Czernowitz‘ voranstellte, über die ich schrieb, ich kenne „kaum eine treffendere Charakterisierung von Czernowitz.“ Das stimmt, denn die Erinnerungen von Rose Ausländer gehören zu den treffenderen Umschreibungen dieser Stadt. Es gibt auch einige Erinnerungen von Paul Celan, allerdings sind diese nicht so ausführlich. Kürzlich hatte ich in einem Archiv eine Quelle einer Amerikanerin gefunden, die in Czernowitz aufwuchs und die in den 1980er Jahren ihre Erinnerungen an Czernowitz festhielt. Für viele Shoahüberlebende, die aus der Bukowina stammen, ist diese magische Atmosphäre, die in Czernowitz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert vorgeherrscht haben muss, ein Leben lang prägend gewesen — für Rose Ausländer, Paul Celan, Selma Meerbaum-Eisinger, Else Keren und weitere wurde das auch bereits ausführlich untersucht. Euphorisch-bewundernde Erinnerungen an Czernowitz hatte auch Karl Emil Franzos, und Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll konnten sich noch rund ein halbes Jahrhundert später darauf verlassen, dass ihren Lesern die Stadt, in denen Menschen und Bücher lebten, bekannt war.

Bei Ausländers Beschreibung bekommt man einen Eindruck davon, wie das Leben in dieser versunkenen Welt ausgesehen haben muss — es ist wohl eher ein Schein vom Glanz, den man heute nur noch erahnen kann. Und da ich die Vermutung habe, dass die Realität der Literatur realer ist als die Realität der Realität, zieht es mich eher in die Texte statt in die Stadt von heute. Wer sich im Internet nach Czernowitz umschaut, der wird auch genügend Bildmaterial finden, um einen Eindruck von dieser versunkenen Welt zu bekommen. Nun, diese Erinnerungen von Rose Ausländer wurden 1965 geschrieben und erstmals 1977 veröffentlicht. Unüberhörbar ist der melancholische Grundton, der nicht nur herrührt von dem unwiderruflichen Untergang der Stadt und der Zeit, sondern auch davon, erklären zu müssen, was das Besondere an der Stadt und dem Leben gewesen ist. Etwas Selbstverständliches erklären zu müssen, hat immer etwas Apologetisches, es ist eine Rechtfertigung des Wissens gegenüber dem Vergessen. Außerdem benötigt das Verstehen zwei Modi: Die diskursive Erkenntnis und die nicht-diskursive. Kunstrezeption gehört zu einer nichtdiskursiven Art des Verstehens, ebenso wie die Wahrnehmung von Zeitgeistlichem und Atmosphärischem, wofür man gewisse Fähigkeiten braucht, etwa zwischen den Zeilen lesen zu können oder Empathie. Was Ausländer diskursiv beschreiben möchte, ist ein Verstehen nicht-diskursiver Art. Und genau an diesem Punkt scheitern viele, wenn nicht die meisten gelehrten Auseinandersetzungen mit Kunst und Literatur. Das wusste nicht nur Paul Celan, sondern auch Rose Ausländer, und heute erwähnt man so etwas am besten nicht allzu laut, es könnte all jene in ihrer Definitionshoheit stören, die sich die Welt nur diskursiv erschließen können. Mehr kann man über Czernowitz in den Gedichten von Rose Ausländer erfahren — oder in denen von Selma Meerbaum-Eisinger und Paul Celan, wo ihre Realität gespeichert ist und realer ist als ihre rekonstruierte Wirklichkeit heute, die im Erklären das Wesentliche oftmals erst verdecken muss, um sich selbst zu legitimieren.

Dies nun als kurze Einleitung zu den Erinnerungen von Rose Ausländer an Czernowitz:

„Eine entlegende, osteuropäische Stadt, nicht groß, nicht klein: Czernowitz, die Hauptstadt des Kronlandes Bukowina, der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Bukowina — auch Buchenland genannt — von den Nordost-Karpaten breitet sie sich hin über die waldreichen Berge und Hügel des Karpaten-Vorlandes, zur podolischen Steppentafel im Norden, zur bessarabischen im Osten. Im Jahre 1408 findet sich die erste urkundliche Erwähnung als Buchenland. Der Süden ist altes rumänisches Stammland unter moldauischen Fürsten. 1514 kommt die Bukowina für ein Vierteljahrtausend unter türkische Oberhoheit, 1775 fällt sie an die Habsburger Doppelmonarchie, die sie später zum selbstständigen Kronland macht. Die etwa 150.000 Einwohner der Stadt Czernowitz setzen sich aus Deutschen, Ukrainern, Juden, Rumänen sowie Minderheiten von Polen und Madjaren zusammen. Eine buntschichtige Stadt, in der sich das germanische mit dem slawischen, lateinischen und jüdischen Kulturgut durchdrang. Bis 1924 — obwohl die Bukowina schon 1918, nach dem Ersten Weltkrieg, Rumänien zugesprochen wurde — war die Landessprache rumänisch und deutsch, nachher bis ans Ende des Zweiten Weltkrieges war sie offiziell rumänisch, praktisch aber weiter deutsch. Deutsch war nicht nur die Umgangs- und Kultursprache, es war und blieb die Muttersprache des größten Teils der Bevölkerung. Eigentlich blieb Czernowitz bis 1944 eine österreichische Stadt — seitdem gehört sie zur ukrainischen Sowjetrepublik.

Die verschiedenen Spracheinflüsse färbten natürlich auch das Bukowiner Deutsch ab, zum Teil recht ungünstig. Aber es erfuhr auch eine Bereicherung durch neue Worte und Redewendungen. Es hatte eine besondere Physiognomie, sein eigenes Kolorit. Unter der Oberfläche des Sprechbaren lagen die tiefen, weit verzweigten Wurzeln der verschiedenartigen Kulturen, die vielfach ineinander griffen und dem Wortlaub, dem Laut- und Bildgefühl Saft und Kraft zuführten. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung war jüdisch und das gab der Stadt eine besondere Färbung. Altjüdisches Volksgut, chassidische Legenden lagen in der Luft, man atmete sie ein. Aus diesem barocken Sprachmilieu, aus dieser mythisch-mystischen Sphäre sind deutsche und jüdische Schriftsteller hervorgegangen: Paul Celan, Alfred Margul-Sperber, Immanuel Weißglas, Rose Ausländer, Gregor von Rezzori, der bedeutendste jiddische Lyriker Itzig Manger u.a.

Czernowitz war hässlich und schön: architektonisch stillos, uninteressant, aber landschaftlich lieblich und von eigentümlichen Reiz. Eigentlich ist die Stadt ein enormer Hügel. Vom Flußtal des Pruth erhebt sie sich in steter Steigung ungefähr 150 bis 200 Meter zum waldgroßen Volksgarten. Auch andere hügelige Naturparks und viele blumenreiche Privatgärten zierten die Stadt. Sie ist von einer Kette prächtiger alter Buchenwälder umschlossen, wo Amseln, Drosseln und Nachtigallen sommers ihren Stimmen freien Lauf lassen.

Östliches Kulturzentrum und seit 1875 Universitätsstadt, aber auch eine lebhafte Industrie- und Handelsstadt, wirtschaftliches Zentrum eines großen Einzugsgebietes, das nicht nur die ganze Bukowina, sondern auch Nordbessarabien und den nördlichen Teil der Moldau umfaßte. Man las viel, nicht nur Zeitungen, Zeitschriften, Sekundärliteratur und Unterhaltungslektüre, sondern gute, beste Literatur. Man diskutierte mit Feuereifer, musizierte und sang. Das Stadttheater war immer gut besucht, bei Gastspielen ausverkauft. Ein beträchtlicher Teil der Jugend, geistig aufgeschlossen, war von unersättlicher Wissbegier. Das zentrale Interesse vieler Intellektueller galt nicht dem ehrgeizigen Plan einer einträglichen Karriere, nicht einem technisch höheren Lebensstandard, es ging ihnen vielmehr um erkenntnisreiche Einsichten, sei es auf Wegen der Wissenschaft, Philosophie, Politik oder durch das Erlebnis von Mystik, Kunst, Dichtung und Musik. Ein Teil der intellektuellen Jugend war politisch engagiert — es war kein Salon-Engagement. Diese jungen Menschen brachten die schwersten Opfer, wurden in den Kerker geworfen, mißhandelt und von der Polizei auf grauenhafte Weise gefoltert, ohne über und gegen ihre Genossen etwas auszusagen. Ein anderer Teil der Jugend war musisch interessiert. Trafen sich Freunde, geriet man in leidenschaftliches Diskutieren über philosophische, literarische, künstlerische Themen und Probleme — bis in die Morgenstunden. Oder man kam gesellig zusammen, sang deutsche und anderssprachige Volkslieder, ebenfalls bis in die Morgenstunden. Die Jugend hatte Zeit oder nahm sich Zeit — Studium und die berufliche Arbeit waren Nebensache, eine peinliche Notwendigkeit.

So entstand beim intellektuell orientierten Teil der Bevölkerung ein auch in der Vorkriegszeit ungewöhnlicher Lebensstil: Weltfremdheit und Nichtbeachtung der umdüsterten Realität als Ausdruck eines Lebens in einer als wesentlicheren Wirklichkeit empfundenen Welt der Ideen und Ideale. Bildhauer, Maler, Musiker, Dichter lebten, wenn sie keinem anderen Beruf nachgingen, von der Bewunderung ihrer Freunde und Mitbürger, die ihre Werke kauften, ihre Konzerte und Lesungen besuchten. Man empfand es als Pflicht, Künstler und Dichter zu unterstützen und zu fördern. Man schätzte nicht nur, was durch Verlage bekannt gemacht, durch hohe Auflagen berühmt geworden war: es war der ernste Respekt vor dem Schaffenden und seinen Werken, noch ehe sie veröffentlicht wurden. Als der großartige Fabeldichter Elieser Steinbarg starb, dessen Fabeln erst nach seinem Tode erschienen (sie sind nur teilweise und mangelhaft ins Deutsche übersetzt — Paul Celan sagte mir, er wage sich nicht als Übersetzer an Steinbarg heran), war die Trauer grenzenlos. Tausende bildeten eine geschlossene Kette und man ging Hand in Hand den meilenlangen Weg zum Friedhof. Nicht die Witwe brach bei der Beerdigung zusammen: Steinbargs Freunde, bekannte jiddische Schriftsteller, Männer reifen Alters, konnten ihre Trauerreden nicht beenden und brachen in Tränen aus.

Czernowitz war eine Stadt von Schwärmern und Anhängern. Es ging ihnen, mit Schopenhauers Worten, um das Interesse des Denkens, nicht um das Denken des Interesses. Die orthodoxen Juden waren Anhänger, Chassidim des einen oder anderen heiligen Rabbis. Die Dinge der praktischen Lebensfürsorge waren ihnen unwichtig. Viele von ihnen hatten keinen Beruf, sie wurden von ihren Frauen erhalten, die stolz darauf waren, einen Gelehrten zum Manne zu haben, sie lernten ein Leben lang aus den heiligen Büchern und lauschten beseeligt den Weisen Worten ihres Rabbis. Die assimilierten Juden und die gebildeten Deutschen, Ukrainer, Rumänen waren ebenfalls Anhänger: von Philosophen, politischen Denkern, Dichtern, Künstlern oder Mystikern. Karl Kraus hatte in Czernowitz eine große Gemeinde von Bewunderern; man begegnete ihnen, die Fackel in der Hand, in den Straßen, Parks, Wäldern und an den Ufern des Pruths. Ein glühender Krausianer, nach dem letzten Krieg Universitätsdozent in New York, zeigte mir einmal ein Heft der Fackel mit den Worten: ‚Sehen Sie sich das an, ist das K nicht der schönste Buchstabe im Alphabet?‘ — und er meinte es nicht als Scherz. Eine große Schar bekannte sich zur Lehre des bedeutenden Berliner Philosophen Constantin Brunner, der erst jetzt durch Übersetzungen ins Englische und Französische bekannt zu werden beginnt. In keiner anderen Stadt, auch nicht in seinem Berlin, hatte Brunner so viele ergebene Anhänger wie in Czernowitz. — Hier gab es: Schopenhauerianer, Nietzscheanbeter, Spinozisten, Kantianer, Marxisten, Freudianer. Man schwärmte für Hölderlin, Rilke, Stefan George, Trakl, Else Lasker-Schüler, Thomas Mann, Hesse, Gottfried Benn, Bertolt Brecht. Man verschlang die klassischen und modernen Werke der fremdsprachigen, insbesondere der französischen, russischen, englischen und amerikanischen Literatur. Jeder Jünger war von der Mission seines Meisters durchdrungen. Man huldigte selbstlos und mit vehementer Begeisterung: In dieser Atmosphäre war ein geistig interessierter Mensch geradezu gezwungen, sich mit philosophischen, politischen, literarischen oder Kunstproblemen auseinanderzusetzen oder sich auf einem dieser Gebiete selbst zu betätigen. — Eine versunkene Stadt. Eine versunkene Welt.“

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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