Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mit sehr motivierten Studenten, die allesamt ein Studienstipendium erhielten. Es ging in dem Gespräch um Literatur und um mögliche Felder, die man sich so erschließen könne. Dabei fielen mir mit der Zeit die sehr strategischen Fragen auf: Was lässt sich gut mit was kombinieren? Welche Theorie ist ‚anschlussfähig‘? Worüber lässt sich womöglich eine gute Abschlussarbeit schreiben? Gibt es AutorInnen, die noch ‚unentdeckt‘ sind, die man ‚ausbuddeln‘ könne, um sich damit vielleicht zu profilieren? Und dergleichen Fragen mehr — zunächst fiel mir die Systematik hinter den Fragen nicht auf, da sie allesamt ja durchaus legitim sind, zusammen aber eine ganz bestimmte Formation ergeben, die Rückschlüsse auf die Geisteshaltung zulässt, wie sich hier der Zugang zu Texten erschlossen wird. Am fortgeschrittenen Abend erwähnte ich dann wie nebenbei, dass ich in meinem Studium damals einmal ein halbes Jahr lang nichts anderes machte als Camus zu lesen. Man war leicht irritiert: Ich besuchte kein Camus-Seminar? Nein. Und wie viele Credit-Points habe ich dafür bekommen? Keine. Und wie habe ich das in meinen Studienverlaufsplan einbauen können? Gar nicht. Was habe ich denn dann davon? Ich habe ein halbes Jahr lang ohne Not und Zwang Camus gelesen. Das sei doch schonmal was, oder? Ja, ja, murmelte man mir zögerlich und befremdet entgegen, als berichtete ich Seltsames aus einer längst versunkenen  Zeit.

Mir scheint, die Studenten nach der Bolognareform werden dazu erzogen, sich den Geist wie einen Modulkatalog vorzustellen. Dass diese Modularisierung eine Konstruktion ist, bleibt zwar auch für diejenigen evident, die ihn herunterbeten können als seien diese Dinger so wichtig wie der Beipackzettel zum Herzschrittmacher, aber die meisten Beteiligten tun allen Ernstes so, als könne man sich so geisteswissenschaftlich Forschungsgegenständen adäquat nähern. Mit der Modularisierung und Kompetenzorientierung ging das Wesentliche eigentlich verloren: Die Ausbildung einer Persönlichkeit, die sich in kritischer Auseinandersetzung mit Tradition und Kultur gerade dort bildet, wo sie zweckloser nicht sein könnte. Natürlich braucht man auch Kompetenzen — aber ein Autofahrer, der nur die Technik des Autofahrens gelernt hat, aber weder weiß, wohin er überhaupt fahren möchte, oder woher er kommt, noch sich erklären kann, wieso er überhaupt fährt (und nicht etwa zu Fuß geht), taugt zum Autofahren nichts, auch wenn er fleißig auswendig gelernt hat, wie er die Kupplung zu bedienen hat. An Universitäten, so hört man, wird mittlerweile um Aufgaben gefeilscht wie auf dem Basar — man kann da fast nur noch sagen: „Schreiben sie ruhig die 15 Seiten. Sie werden vermutlich nicht noch dümmer davon werden.“

Ein wenig melancholisch wird man, wenn man überlegt, dass in einigen Jahren sich niemand mehr das kulturelle Erbe anders vorzustellen vermag. Dann zwängt sich der Geist wirklich durch die Module und wundert sich, wie er ohne Not von der Höhenkammliteratur ins Mauseloch getrieben wird.

Beobachtung des Zeitgeistes: 
Beobachtung des Zeitgeistes (2): Kritik an Europa
Beobachtung des Zeitgeistes (3): Kritik und Utopie des Gedichts

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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