Man kann an Europa vieles kritisieren. Man kann dies im Detail machen, man kann es grundsätzlich machen. ‚Europa‘ haftete spätestens seit den 1990er Jahren in Deutschland auch immer etwas Selbstverständliches an, etwas Elitäres und etwas Unumstößliches. Die Institutionen Europas wurden zum Schicksal, nicht nur im guten Sinne, dass sie maßgeblich dazu beitrugen, den Frieden in Europa zu bewahren, sondern auch in dem Sinne zum Schicksal, dass es kein Entrinnen mehr vor der Bürokratie und dem Lobbyismus gibt, welche die Menschen ohnmächtig gegenüber ihren eigenen Strukturen macht. Die Bürokratie entwickelte ein schwerfälliges, selbstverliebtes Eigenleben, an der jegliche Kritik im Detail und im Grundsatz abperlte. Die ungeschriebene Gesetzmäßigkeit, wonach meist die inkompetenten Parteipolitiker der einzelnen Länder, die zuhause in der ein oder anderen Weise versagt haben, nach Brüssel in eigentlich wichtige Positionen weggelobt werden, deprimierte und entwaffnete über Jahrzehnte kontinuierlich die Menschen, die vielleicht heute noch Hoffnungen in Europa setzen mögen. Das Problem ist der Schwebezustand, kein Bundesstaat, kein europäisches Parlament, das eine Regierung demokratisch legitimieren würde, aber auch immer weniger nationalstaatliche Identifikationsmöglichkeiten für die Menschen, denen so etwas wichtig ist.

Aber genau diese Zusammenfassung, diese Kritik der Kritik, ist Teil eines grundsätzlichen Problems, das damit deutlich wird. Es ist ein Problem der Blickrichtung. Seit sich EU und Europa im Krisenmodus befinden, wird mit jedem Jahr deutlicher, das die Blickrichtung nicht stimmt. Die Diskussionen konzentrieren sich nahezu ausnahmslos darauf, an dem bürokratischen Märchen herum zu erzählen, es sind selbstverliebte Detaildiskussionen bis ins dritte Paragraphenglied, es ist die selbe langweilige, katatonische Stimmung, die den Krisenmodus mit der selben Haltung und Herangehensweise behandelt, die für die aktuelle Krise mitverantwortlich sind. Man erzählt sich die Geschichte der EU, die Geschichte des Nachkriegseuropas, und selbstverliebt, nostalgisch-verklärend und leicht panisch schaut man zurück, was aufgebaut wurde. Aber das ist die falsche Blickrichtung: Niemand schaut heutzutage mehr nach vorne, es gibt keine Visionen, wo wir in Europa und der Welt in 50 Jahren sein wollen. Klaus Mann schrieb im Jahr 1939 einen Entwurf für ein Filmprojekt mit dem Titel „The United States of Europe“. Ja, im Jahr 1939, kurz vor Kriegsausbruch. Was ist das für ein Mut, was ist das für eine Chuzpe gewesen und was ist das eine kraftvolle Vision, mit der eindeutigen und unbeirrbaren Blickrichtung nach vorne! Manche würden vielleicht sagen, es war ein wenig zu naiv, die Zeichen der Zeit ignorierend, aber letztlich hatte doch Klaus Mann, hatten doch die Paneuropäisten der 1920er Jahre Recht behalten, es gab keine Alternative zur europäischen Kooperation, zum europäischen Bundesstaat, auch wenn sie heute zwischen Bürokratie und Lobbyisten verloren gegangen ist. Aber die Blickrichtung war eine völlig andere, nämlich die Richtige: Allons enfants de l’Europe! Und heute? Man verliert sich im Bürokratenhimmel und Paragraphen-Allerlei und niemand kann mehr eine Vision erzählen, wie sie Klaus Mann noch formulieren konnte.

Beobachtung des Zeitgeistes: 
Beobachtung des Zeitgeistes (1): Der Geist im Modul
Beobachtung des Zeitgeistes (3): Kritik und Utopie des Gedichts

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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5 Kommentare

  1. Visionen aller Länder, vereinigt euch… – Entbürokratisierung und Mut wagen zum Verlasssen eingefahrner Bahnen. Aber wie diesen haben, wenn gewohnte Strukturen auf einmal nicht mehr da sind? Das Wandern der Dichter /Handwerker in der Vergangenheit war das Aufbrechen zu neuen Ufern, war Bewusstseinserweiterung. Und heute können wir von der Couch aus ins Innere eines Vulkans gucken… – ohne die leiseste Neigung nach innerer Erneuerung. Das muss ich als homo (non-)sapiens erst mal sacken lassen… – und eines Tages werde ich mich vom Sofa aufraffen und Pilgern gehen, ganz bestimmt!

    1. Sind wir nicht alle irgendwie Pilger auf der Suche nach dem Licht? Wenn man nachts auf der Couch aufschrickt und das Fernsehbild flackert, ist es das Unbehagen, das uns daran erinnert.

  2. Na, dann fangen wir doch mal an, nach vorne zu schauen! Ich bin in einer Zeit großgeworden, in dem es erstmals gelang (jaja, ich bin schon etwas älter), Ausstauschwochen über die Schule mit englischen und französischen Schüler/innen zu machen. Ich war meistens in Frankreich, einmal zumindest in England: das hat meinen Horizont doch enorm erweitert. Als Au Pair war ich wieder in Frankreich, danach habe ich es zumindest genossen, europäische Länder wie nix besuchen zu können: eine Währung, was für ein Luxus! Das bislang schönste Flugzeug der Welt (die Concorde): eine Kooperation zwischen Briten und Franzosen. Es ist so selbstverständlich. Und das muss so bleiben. ich bin im September in eine Partei eingetreten und dort mittlerweile verstärkt anwesend (tätig kann ich dazu leider noch nicht sagen), wenn es um Europa-Themen geht. Ich lerne tatsächlich erst mal, wie komplex die europäische Regierungsstruktur ist, mein lieber Schollie! Wenn wir uns nicht kümmern – wer sonst? Was ich allerdings mit Freude sehe: viele junge Leute stehen für Europa. Und möchten sich die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, nicht einfach wieder wegnehmen lassen.

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