Wo steckt heute noch ein gesellschaftsveränderndes Potential, das auf eine positive soziale Utopie ausgerichtet wäre? Im Gedicht.

Das hermetische Gedicht ist nicht nur maximal von den Zumutungen der Kulturindustrie entfernt und damit in der Lage, den Menschen als Individuum anzusprechen und nicht als Kunden, sondern bietet die Möglichkeit, Wirklichkeit zu transzendieren, wo es sich am weitesten von ihr entfernt, um sie am deutlichsten zu formulieren. Das Gedicht transzendiert Wirklichkeit in der Metapher. Metaphern dehnen den Wirklichkeitsraum, sie dehnen die Möglichkeiten des Denkbaren und Sagbaren ein wenig weiter, öffnen somit neue Perspektiven und verknüpfen — manchmal assoziativ, manchmal intuitiv, manchmal mit beidem — Bestehendes zu etwas Neuem.

Die Kulturindustrie, die ‚Kreativbranche’, weiß um diesen Umstand und inkorporiert dieses Moment, das zum Verkaufsargument wird. Damit verschlingt sie aber auch die Saat, die das Potential hat und das Potential bekommt, die bestehenden Verhältnisse aufzusprengen. Die Welt ist antagonistisch, daher besteht noch die Möglichkeit ihrer Veränderung: Die Kulturindustrie hat dort ihr fortschrittlichstes Potential, wo ihr die Vermittlung gelingt — Modern Times, Marx Brothers, Böhmermann. Aber sie dekonstruiert sich auch selbst: Sylvester Stallone verkörpert in Rambo III einen Freiheitskämpfer, der den Mujahedin am Hindukusch gegen den gemeinsamen Feind, die Sowjetinvasoren, mit Waffen und Muskelkraft unterstützt. Man wusste zwar schon vorher, dass auch in der Geschichte eine eigentümliche Dialektik herrscht, aber selten wird sie so deutlich wie in dieser Glorifizierung der klerikalfaschistischen, reaktionären Gotteskrieger in Afghanistan.

Und das Gedicht? Wenn es gut ist, hält es sich von diesen Zumutungen fern, speichert negativ den Zeitgeist und die objektiv gewordene Wahrheit als eine geschichtsphilosophische Sonnenuhr, an der für diejenigen sich der Zeitgeist offenbart, die das Gedicht noch zu verstehen vermögen. Wo das Licht ein Relief bildet, braucht man feinfühlige Fingerspitzen, um die Schatten lesen zu können.

 

Beobachtung des Zeitgeistes: 
Beobachtung des Zeitgeistes (1): Der Geist im Modul
Beobachtung des Zeitgeistes (2): Kritik an Europa

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Hast Du zwischen den beiden letzten Absätzen etwas gestrichen?

    Mir persönlich fehlt hier ein Übergang, der den Kontrast über ein gemeinsames Drittes verbindet …. aber diese Leerstelle mag nun genau für das Unverständnis einstehen, mit dem viele Menschen der Lyrik und ihrer (n Deinem Kontext: sozial-ästhetischen) Kraft begegnen ….

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