Es gibt kaum einen Autor der Moderne, der so sehr an die Zeitumstände gefesselt ist wie Wolfgang Borchert. Einst einer der bekanntesten Schriftsteller seiner Zeit, ist er heute wie kein anderer an diese gebunden. Anders als etwa Heinrich Böll, der auch der Trümmerliteratur zuzurechnen ist, aber sich dann fast vierzig Jahre lang schriftstellerisch weiterentwickeln konnte, starb Borchert bereits 1947 einen Tag vor der Uraufführung seines Dramas Draußen vor der Tür, welches wohl auch sein bekanntestes Werk wurde.

Allerdings hat Borchert auch einige Gedichte geschrieben — einige wenige, es sind wirklich nicht viele. Sie werden zumeist als etwas eindimensional und unterkomplex empfunden, da sie oftmals eine eindeutige Textaussage haben und im Großen und Ganzen einer stereotypen Bildlichkeit verhaftet bleiben. Aber man tut gelungenen Gedichten manchmal in einem ersten Moment unrecht, wenn man sich nicht auf ihre Perspektive einlässt. Diese ist zwar bei Borchert in der Tat auf den ersten Blick nicht besonders komplex, aber gerade dadurch werden seine Gedichte zu einem klaren Ausdruck eines Zeitgeistes wie kaum ein anderes kulturelles Artefakt aus der Zeit unmittelbar nach dem Zivilisationsbruch. In den Gedichten ist eine Perspektive eingebrannt, die ganz frappierend eine ganz bestimmte Weltsicht des geschlagenen Deutschlands aufzeigt. Aber manche Gedichte reklamieren neben diesem dokumentarischen Wert eine gewisse Allgemeingültigkeit für sich, sie wollen über ein Nachdenken über die unmittelbare Gegenwart generelle Aussagen über die menschliche Existenz treffen. Vielleicht ist es auch diese existentielle Perspektive mancher Gedichte, die Borchert in der DDR ebenso wie in der alten BRD so beliebt gemacht hat. Aber es gibt darüber noch einen anderen Grund, weshalb man sich Gedichte von ihm anschauen sollte: Sie sind so etwas wie Einsteiger-Gedichte, man kann sehr schön an ihnen zeigen, wie man sich hermeneutisch Gedichte erschließen kann, ohne dass man ein Herumreiten auf der Regelpoetik erwarten müsste. Daher möchte ich zwei dieser Gedichte kurz vorstellen.

Legende

Jeden Abend wartet sie in grauer
Einsamkeit und sehnt sich nach dem Glück.
Ach, in ihren Augen nistet Trauer,
denn er kam nicht mehr zurück.

Eines Nachts hat wohl der dunkle Wind
sie verzaubert zur Laterne.
Die in ihrem Scheine glücklich sind,
flüstern leis: ich hab dich gerne —

‚Legende‘ hat eine Doppelbedeutung: Ein Legendenstoff setzt sich zusammen aus mythischen Elementen und einem wahren Kern, der oft nichtmehr zweifelsfrei rekonstruiert werden kann. ‚Legende‘ kann aber auch eine Person bezeichnen, die in der verklärten Erinnerung ‚legendär‘ geworden ist. Soweit der Titel, der bereits eine Interpretationshilfe an die Hand gibt. Das ist nicht bei allen Gedichten so, allerdings kann man sich hin und wieder tatsächlich über den Titel einen bestimmten Zugang zum Gedicht erschließen, der Titel wird dann sozusagen zu einer Art Inhaltsangabe. Man muss dabei aufpassen, ob man dieser Inhaltsangabe trauen kann — in der Epik würde man fragen, ob man vielleicht einem unzuverlässigen Erzähler aufsitzt. Bei Gedichten ist es komplizierter, weil es beim Titel eigentlich noch keine vermittelnde Instanz gibt. Allerdings muss der Titel nicht ungebrochen die Intention des Dichters wiedergeben, der Titel kann sich also auch in einem ironischen, distanzierenden oder anderem Verhältnis zum eigentlichen Gedicht verhalten. Allerdings ist das in diesem Gedicht nicht der Fall, es ist in der Tat eine Beschreibung des Gedichtes, wie sie der Autor sehr wahrscheinlich intendierte.

Das lyrische Sie ist weiblich konnotiert. In der ersten Strophe kommt die Sehnsucht nach einer männlichen Person zum Ausdruck, welche im Kontext einer Verlusterfahrung thematisiert wird. In der zweiten Strophe wird das weibliche lyrische Sie ‚zur Laterne‘ hin ‚verzaubert‘, und diejenigen (Plural), die in ihrem Schein ‚glücklich‘ werden, scheinen dies zu genießen. Setzt man dieses Gedicht heutzutage fortgeschrittenen Schülern vor, dann fällt ihnen nicht unbedingt die sexuelle Konnotation auf. Das ist vielleicht eine Generationenfrage, zu Borcherts Zeiten hatte eine rote Laterne jedenfalls noch eindeutige kulturelle Bedeutung. Man müsste mal Gedichte des 20. Jahrhunderts unter narralogischen Gesichtspunkten untersuchen: Ich bin mir sicher, dass in nahezu allen Gedichten eine Geschichte drinsteckt, dass jedes Gedicht eine eigene Welt erschafft, die ‚funktioniert‘. Der Plot dieses Gedichtes im Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland ist folgender: Das weibliche lyrische Sie hat den Liebsten im Krieg verloren und ist aufgrund der wirtschaftlichen Not gezwungen sich zu prostituieren. Das gefällt den Männern, die zu ihr kommen, sie haben ‚sie‘ gern.

Soweit, so gut beziehungsweise schlecht. Daran sind nun mehrere Dinge interessant: Die weibliche Hauptperson in dem Gedicht hat Objektstatus. Es heißt ‚sie‘, es ist kein Ich. Es ist ein unpersönliches Reden über Dritte, denn die weibliche Protagonistin wird auch nicht selbst angesprochen, etwa als ‚Du‘. Die Legende bezieht sich einerseits auf den mythisch verklärten und verlorenen Mann, der nicht wieder gekommen ist — nicht zuletzt waren es im Mittelalter vornehmlich Heiligenlegenden, die verbreitet wurden —, andererseits aber auch auf den Plot des Gedichts als ‚Legendenstoff‘: Es geht da um eine Märtyrerin. In der Verbindung mit unfreiwilliger Prostitution, der wirtschaftlichen Not- und subjektiven Sehnsuchtssituation geht es also um die Anerkennung der weiblichen Person, die da beschrieben wird. Mir scheint, das Merkmal einer Legende ist außerdem, dass der Hauptadressat einer Legende in einem enormen zeitlichen Abstand zu dem Personal der Legende selbst steht. Es ist also ein appellatives Gedicht an heutige beziehungsweise spätere Rezipienten: Habe Verständnis für die Frauen der Nachkriegszeit, die sich prostituieren mussten. Das sagt dann wiederum etwas über die Moralvorstellungen im Entstehungskontext des Gedichtes aus.



Versuch es

Stell dich mitten in den Regen,
glaub an seinen Tropfensegen
spinn dich in das Rauschen ein
und versuche gut zu sein!

Stell dich mitten in den Wind,
glaub an ihn und sei ein Kind -–
laß den Sturm in dich hinein
und versuche gut zu sein!

Stell dich mitten in das Feuer,
liebe dieses Ungeheuer
in des Herzens rotem Wein –-
und versuche gut zu sein!

Dieses Gedicht gehört vermutlich zu den bekanntesten Borchert-Gedichten, welches auch den Anspruch erheben kann, über den unmittelbaren Entstehungskontext hinaus relevant zu sein. Jedenfalls kann man sich dies vorstellen, wenn man sich die Textaussage ansieht. Es geht dabei nämlich um die menschliche Entwicklungsfähigkeit, es ist ebenfalls ein appelatives Gedicht, das sich an den Rezipienten richtet, um ihm zu verdeutlichen, dass er/sie ‚gut sein kann‘. Vor dem Hintergrund der unmittelbaren Zeitumstände mag das einerseits verständlich sein, andererseits aber auch naiv: Die Nazis waren nicht die Ausgeburt des Bösen, weil sie auch hätten gut sein können. Daher denke ich, erhebt das Gedicht eher außerhalb dieser Extremkonstellation einen gewissen Anspruch auf Gültigkeit: Als Mensch ist man nie immer nur gut oder nur böse, manchmal verhalten wir uns zu manchen Menschen eben anders als zu anderen — in die ein oder andere Richtung. Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich, die Gedichtaussage lautet nun aber, dass wir uns mehr oder weniger dazu entscheiden können, wenn wir es uns nur bewusst machen und versuchen, gut zu sein. Dazu kann man jetzt stehen wie man will, mir kommt das so vor wie mein Appell an manche meiner Mitmenschen, gegen ihren Drang anzukämpfen, sich mit völlig sinnlosen Dingen wie sportlichen Großveranstaltungen oder dem Fernsehprogramm zu beschäftigen: Es bringt einfach nichts, und das gerade weil man sich bewusst für eine Beschäftigung mit dem Nonsens entscheidet. Insofern wirken meine Appelle etwas naiv, ebenso wie das Gedicht.
Noch ganz kurz zu der Strategie im Gedicht, die angewandt wird, um die Textaussage zu unterstreichen. Am Ende eines jeden Strophenanfangs stehen die Substantive „Regen, Wind, Feuer“, die in der alchimistischen Elementlehre die Symbole der Wandelbarkeit darstellen, was für dieses Gedicht nun relevant ist. Wasser ist lebensspendend ebenso wie tödlich, Luft ist lebensnotwendig, aber auch verletzend und Feuer kann wärmen und verbrennen. Die Luft steht dabei zwischen den beiden entgegengesetzten Elementen, sodass sich in der mittleren Strophe das Gedicht spiegelt. Der Punkt ist, dass das menschliche Wesen ebenso wandelbar sei und eben auch die positiven Aspekte der Symbole annehmen könne. Auch dazu mag man stehen wie man will, die Logik des Gedichtes geht jedenfalls von einem positiven Menschenbild aus, und das ist ja auch schon eine interessante Aussage über die unmittelbare Nachkriegszeit und über die Beliebtheit des Gedichts.

Man darf nun nicht meinen, dass diese beiden Gedichte bereits den oben angesprochenen Zeitgeist einfangen würden. Das wäre ein Kurzschluss — allerdings sind sie in der Tat Beispiele für ihn. Auch lässt sich Borcherts Werk nicht beispielhaft an diesen beiden Gedichten festmachen, dafür sind zwei Gedichte nun wirklich zu wenig. Selbst die Frage, ob sie denn wenigstens repräsentativ seien, muss man wohl verneinen. Aber vielleicht gerade deshalb eignen sie sich für einen ersten Zugang zu Borcherts Werk aus einer nicht ausgetretenen Perspektive. Und das ist doch schonmal was.

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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3 Kommentare

  1. Danke,
    zum Gedicht „Legende“ die Erinnerung an das Lied Lili Marleen:
    „Vor der Kaserne bei dem großen Tor
    Stand eine Laterne und steht sie noch davor
    So wollen wir uns da wieder seh´n
    Bei der Laterne wollen wir steh´n
    Wie einst, Lili Marleen.“
    Und Grüße

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